Art déco-Plafond des Théâtre des Champs-Élysées, Paris
© Thomas Prochazka
Richard Strauss:
» Der Rosenkavalier «
Wiener Staatsoper
Von Thomas Prochazka
II.
Alexander Soddy, der in den letzten Jahren nach Franz Welser-Möst die zweitbesten Elektra-Vorstellungen in Wien dirigierte, war zum ersten Mal zum Rosenkavalier gebeten. Man gab rustikales Vorstadt-Wien anstelle jener Kleiberschen Rokoko-Eleganz, die alle, welche seinerzeit dabei waren, ihr Lebtag nicht mehr aus dem Kopf kriegen. Keine, wenn auch behauptete » Weltklasse « also. Man vergleiche mit Krauss, Böhm, Sawallisch, Keilberth, Karajan … — und wird mein Diktum bestätigt finden. Doch wohl: solides Repertoire.
Soddy nahm manche Stellen zu rasch. Das mochte auch an den ihm zur Verfügung stehenden Sängern gelegen sein: Im Schluß-Terzett (moderato e molto sostenuto) beispielsweise sollte die Zeit stehenbleiben, sollten sich die drei Frauenstimmen auf’s Schönste miteinander verbinden. Doch wie das bewerkstelligen mit einem karrieregestählten lyrischen, einem sich als Mezzosopran maskierenden und einem zwischen Koloratur- und lyrischem changierenden Sopran?
Es mangelte — immer wieder, hier und da — an der Balance zwischen den einzelnen Orchestergruppen. Man war … dienstfertig unbeteiligt: in der Introduktion des ersten Aufzuges ebenso wie beispielsweise in dessen finalem Violin-Solo. Der Rosenüberreichung. Oder im Vorspiel zum dritten Aufzug. Zuwenig Binnenspannung. Und: Immer eine Spur zu gewöhnlich im Ton. Das hatte man schon feiner gehört. Hintergründiger. Man war unbeteiligter Beobachter; doch nicht berührt.
III.
Ebenso problematisch: Michael Spyres als Italienischer Sänger. Spyres bezeichnet sich selbst als » Baritenor «. Am Freitagabend überzeugte er bis zum › g ‹ oberhalb des passaggio mit ausreichend gut geführter Stimme und Phrasierung. Darüber versuchte er, mit verläßlichem, aber engem Ton über die Runden zu kommen. Die Spitzentöne hörten sich losgelöst von der übrigen Stimme an: offen, ohne Komprimierung, und daher ohne die notwendige Substanz (soviel zum Thema » Sängerformant « …). Interessanterweise hört man diese Mängel bereits auf Spyres’ Aufnahme aus dem Jahr 2011. Man muß da gar keinen Vergleich, etwa mit Fritz Wunderlich, bemühen.
IV.
Adrian Eröd erfreute wieder als Herr von Faninal mit klarer Diktion. Allerdings schaffte es seine Stimme nicht immer, die Orchesterwogen zu reiten. Wolfgang Bankls Instrument klang in der (zugegeben) kleinen Partie des Vorstadts-Unterkommissarius voller und gesünder als der Ochs des Abends im ersten und Teilen des zweiten Aufzuges. Stephanie Houtzeel und Thomas Ebenstein zählen als Annina und Valzacchi quasi zum Inventar. Daß ihre Partien mit mehr Stimmglanz gesungen werden können: Die beiden wissen es sicher.
V.
Nikola Hillebrand gab mit der Sophie ihr Haus-Debut am Ring. Hillebrands Instrument ist nicht besonders groß, aber für die Sophie ausreichend. Die Stimme klang gefällig, angenehm im Ohr, die Höhen (noch?) kompakt, die Mittellage ansprechend. Schauspielerisch war Hillebrands Sophie jener Backfisch, den Hofmannsthal wohl vor Augen hatte: dem Adel gegenüber scheu im Auftreten, doch vertraut mit dem Alltag des Vorstadtbürgertums der Laimgrube.
VI.
Camilla Nylund kehrte als Feldmarschallin Fürstin Werdenberg zurück. Ob dies, trotz jugendlicher Akklamation vom Stehplatz und in Liebhabermeinungen, eine gute Idee war? Das Instrument der Präsidentin der Internationalen Richard Strauss Gesellschaft präsentierte sich wettergegerbt, nach Ausflügen nach Brüssel, Rom, die sieben Mondberge und in deutsches Nibelungensagenland.
Im ersten Aufzug ließ Nylund Sicherheit walten, verließ sich auf ihre Technik. Allerdings: Auch hier schon wird man ein übermäßiges, langsames Vibrato bei länger zu haltenden Tönen nicht bestreiten können. Vieles hörte sich nach gepflegtem mezza voce an; klang seltsam unbeteiligt. Der Monolog bot die Desillusion einer 50-jährigen, nicht die Lebensweisheit einer knapp über 30 Lenze zählenden. Darf man anmerken, daß man die Feldmarschallin durchaus singen kann? Im instrumentalen Finale dann ein durchgeistigter Blick gegen die Galerie: epigonale Religionsmalerei des 16. Jahrhunderts, nicht Einsicht in die Dinge. Man blieb unbeteiligt. (Das ist es.)
Wie herzzerreißend wußte Felicity Lott diesen Augenblick zu gestalten: Nach einem langen Blick in den Frisierspiegel legte sie diesen dann langsam mit der Spiegelseite nach unten auf den Tisch. Die Wehmut in ihrem Gesicht während Rainer Küchls Violin-Solo wird nicht vergessen, wer damals dabei war … Zufall? Dame Felicity Lott verstarb an jenem Tag, als man in Wien » ihren « Rosenkavalier spielte. Erkennen wir, was wir verloren?
Im dritten Aufzug rettete auch die Erfahrung nicht mehr vor der Erkenntnis, daß Nylunds Instrument nach heutzutage akklamierter Art, Richard Wagners Opern gesanglich zu interpretieren, für die Feldmarschallin nur mehr mit Abstrichen taugt; daß es kaum mehr Linien spinnen kann. (Man zürne mir nicht. Die Frau Kammersänger ... weiß ohnehin.)
VII.
Samantha Hankey mühte sich nach 2021 in München nun auch zu Wien mit dem Octavian. In leisen Passagen und der oberen Sopran-Mittellage hörte ich eine angenehm klingende Stimme, doch generisch und ohne jeden Wiedererkennungswert; — und, was schwerer wog, ohne ausreichend entwickelte untere Oktave. Dadurch fehlt es dem Instrument am erforderlichen Fundament, darauf die Höhen zu bauen wären: So klang alles ein wenig klein und resonanzarm. Müßte die Stimme eines korrekt ausgebildeten Mezzosoprans nicht vielmehr Kern besitzen?
Auf der Habenseite war bei Hankey die schauspielerische Umsetzung der Partie zu verbuchen; — auch wenn wir in der Vergangenheit weltgewandtere Octavians erlebten, frecheren, doch wienerischeren Mariandln zusehen durften, wie sie den Baron Ochs im dritten Aufzug vom Essen abhielten. Es ist halt nicht eh all’s eins …
VIII.
Auch der Baron Ochs auf Lerchenau des Günther Groissböck reichte diesmal nicht an seine früheren Leistungen heran. Bis zum Finale des zweiten Aufzuges schien er mit sich und den Versuchen beschäftigt, ohne zu große Verrenkungen des Unterkiefers zu singen. Technik triumphierte über gesangliche Darstellung. Dann allerdings warf Groissböck jede Vorsicht über Bord, zog alle Register seines Könnens und präsentierte ein (wenngleich ein wenig nachgedrücktes) tiefes › e ‹ . (Das hohe › f ‹ im Monolog des ersten Aufzuges kam sehr sicher.)
Schauspielerisch rückte mir Groissböck den Baron Ochs zu sehr ins Proletenhafte. Dabei ist dieser Landadelige, wenn er sich die Welt auch nach seinem Gusto imaginiert, doch noch eine Standsperson. Im dritten Aufzug allerdings: ein fast resignativer Moment der Erkenntnis, daß dieses Unternehmen nicht mehr erfolgreich zu Ende zu bringen ist. Das war neu. Unerwartet. Willkommen.
IX.
In Summa: Es war kein schlechter Abend. Doch keine Sternstunde, wie uns manche glauben machen.