Henri de Toulouse-Lautrec (1864 – 1901): »Acteurs de l'Opéra de Bordeaux« (Ausschnitt), 1900. Encre brune et plume, 25,4 × 20,4 cm,1900. Paris, musée d'Orsay, conservé au département Arts graphique de musée du Louvre
Foto: Thomas Prochazka
Richard Strauss:
» Ariadne auf Naxos «
Wiener Staatsoper
Von Thomas Prochazka
II.
Ich will versäumen, erneut von Sven-Eric Bechtolfs unsäglicher Szene zu sprechen. Sie ist, mit heutigem Tag, Geschichte.
III.
Musikalisch ließ der Abend ebenfalls zu wünschen übrig. Daran änderte auch das Faktum der dritten Vorstellung einer Serie nichts.
Der Musiklehrer des Jochen Schmeckenbecher hielt die Sängerfahne hoch. So hoch, daß, ausgenommen der Tanzmeister von Jörg Schneider, kaum einer daran gelangen konnte; eventuell noch, mit Abstrichen: Samantha Hankey als Komponist, bei ihrem Debut im Haus am Ring. (Sie war schon Octavian gewesen für das Institut, beim letzten Japan-Gastspiel. Und Dorabella, bei » Wien in Monte-Carlo «.)
Der Musiklehrer: Jochen Schmeckenbecher. Er enttäuscht selten. Ist verläßlich bemüht um die Gesangslinie, um stimmliche Erfüllung der ihm anvertrauten Partien.
Jörg Schneider agierte als Tanzmeister zurückhaltender als seine Vorgänger; zu sehr überdrehtes, karikierendes Gehabe scheint ihm fremd. Er hatte weniges zu singen und blieb dennoch im Gedächtnis. (So war es.)
Bernhard Schir fremdelte noch immer mit der unbedingten Autorität des Haushofmeisters. Außerdem vermißte ich auf’s Neue das kleine Wort » sublim «. Wenngleich nicht von Hofmannsthal, charakterisiert es des Haushofmeisters Stellung im Hause des reichsten Mannes in Wien
ungleich mehr als der mit Silberlöffel verkostete Kaviar. (Lokalkolorit. Sie verstehen?)
IV.
Der Komponist der Samantha Hankey erfreute mit einigen schön modellierten Phrasen, einem vor allem in der Mittellage gut funktionierenden messa di voce. Hankeys Stimme ist nicht groß; hinterließe an kleineren Häusern gewiß (noch) besseren Eindruck. Das Instrument geriet, vor allem in lauteren Passagen, wiederholt an seine Grenzen: Schwächen bei der Aktivierung der unteren Oktave. (Der Komponist ist schließlich, nach Strauss, eine Sopranpartie.)
V.
Die Nymphen waren mit Florina Ilie (Najade), Stephanie Maitland (Dryade) und Jenni Hietala (Echo) vorhersehbar sparsam besetzt. Ihre Stimmen harmonierten nicht. Das klang hie und da scharf, wie achtlos zusammengewürfelt. Lieblos.
Selbiges gilt es von den Figuren der commedia dell’arte zu berichten. Die Herren — Stefan Astakhov (Harlekin), Andrea Giovannini (Scaramuccio), Simonas Strazdas (Truffaldin) und Hiroshi Amako (Brighella) — brausten besser mit ihren Tretrollern über die Bühne und schwangen ihre Regenschirme, als daß sie musikalisch Eindruck machten. Es gab zu Wien Zeiten, da besetzte man diese Partien mit Sängern.
Besonders schwach, vor allem im Vorspiel, Erin Morley als Zerbinetta: stellenweise kaum zu hören, überwiegend schwer zu verstehen. 2017 noch hatte ich einen anderen, viel besseren Eindruck empfangen. Am besprochenen Abend » rettete « sie sich in der Publikumsgunst mit der großen Szene der Zerbinetta. Angesichts der mangelhaften gesanglichen Gestaltung und der darob empfundenen Längen, gefährlichen Längen
stimmte ich mit Ariadne überein, die dem Dirigenten ab der Hälfte signalisierte, er möge der Konkurrentin Kunstproduktion zu einem Ende bringen. Doch akklamierte man die hohen Töne des beliebten Soprans.
VI.
Der Bacchus des Clay Hilley rettete sich mit einem Einheits-forte über den Abend. Dabei hatte Strauss (nicht nur) für den Auftritt des Bacchus und seine Circe-Rufe piano in der Partitur notiert. Doch wie diese Erschwernis meistern, wenn eines Instrument bei geringer Lautstärke nicht trägt? Daß, wie Hofmannsthal schrieb, der junge Gott schüchtern und, nach seinem Abenteuer mit Circe, verwirrt anlandete; daß, wie Strauss komponierte, auch im weiteren Verlauf einiges piano, vieles jedoch legato zu singen wäre: Es focht Hilley nicht an. » Überleben « lautete, wie schon als Tannhäuser, die Devise. Ihr mußte alles, nicht nur die grob und, wenn glückhaft erreicht, unsauber servierten Spitzentöne, untergeordnet werden.
VII.
Anja Kampe als Ariadne: ein Mißverständnis. Das Instrument der Sopranistin taugt nicht mehr für die leisen, für die vielen auf Linie zu singenden Moment der Sterbenswilligen. (Dazu hatte ihm seine Trägerin zuviele Brünnhilden und Isolden abverlangt.) Präsentierte sich unstet in länger zu haltenden Tönen. Exzellierte in falsch verstandener Anwendung heutigen Wagner-Gesanges auf Strauss, bei dem Töne anstelle der komponierten Phrasen gesungen werden. So blieb Ariadnes große Szene ohne nachhaltige Wirkung.
VIII.
Im Graben spielte man, was Cornelius Meister am Pult anzeigte. (Das ist, zumal in Wien, selten ein gutes Zeichen.) So klang’s vor der Pause gehetzt; den ganzen Abend hindurch: vieles zu laut, einiges zu grob (einmal mehr sei das Solo-Cello vor den Vorhang gebeten), undifferenziert, mit einem Wort: lieblos. Wo Peter Schneider oder Christian Thielemann — gar nicht erst zu reden von deren Vorgängern — einst (Glanz-)Lichter setzten, klangmalte Meister mit zu dickem (Farb-)Auftrag.
IX.
Brünnhildenfelsen … Es gibt ein Reich, hojotoho!