Rezensionen Oper

Wolfgang Amadeus Mozart: »Don Giovanni«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka
»Don Giovanni«, 1. Akt: Don Giovanni (Ludovic Tézier) präsentiert Leporello (Luca Pisaroni) als Zerlinas Verführer © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Don Giovanni«, 1. Akt: Don Giovanni (Ludovic Tézier) präsentiert Leporello (Luca Pisaroni) als Zerlinas Verführer

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

I.
An der Staatsoper gibt man ... Don Giovanni. Oder, besser: Was man sich heute darunter vorzustellen hat. Fiele die musikalische Seite des Abends entsprechend aus, man sähe über die scenischen und handwerklichen Unzulänglichkeiten hinweg. Aber leider: Gestern abend war es auch damit nicht weit her.
(Im Laufe der Begebenheiten wird das alles klar werden.)

II.
Wieder bat man Sascha Goetzel ans Pult des Staatsopernorchesters ... »Pacta sunt servanda.« (Dies die einzig mögliche Erklärung.) Selbst nach dem aufmerksamen Studium von Teodor Currentzis’ Einspielung hätte ich mir letzteren ans Pult gewünscht. (Man wird bescheiden.)

Sollte man im Finale des ersten Aktes nicht die drei Orchester auf der Bühne unterscheiden können? Sollte das allegro assai der Einleitung zu »Mi tradi quell’ alma ingrata« nicht rascher sein als das nachfolgende allegretto? … Dazu die Paarung mit José Maria Blumenschein als Konzert­meister: verschleppte Tempi, kaum dynamische Abstufungen. Über weite Strecken zu laut. Lieblose, grobe Execution. … Ich fühlte mich an Alfred Polgar erinnert: »Als ich um elf Uhr auf meine Uhr sah, war es halb zehn.«

III.
Die Sänger — mühten sich. Bemühten sich. Gewiß. Doch auf dem Theater gilt dem Beobachter nicht die Würdigung des Eifers, sondern die Analyse des Gebotenen. Diesfalls: Eine Fackel und zwei Stumpen leuchteten in der Dunkelheit.

IV.
Annette Dasch, die Donna Elvira des Abends, debutierte in dieser Serie an der Staatsoper. Auch in der zweiten Vorstellung schien sie nicht angekommen zu sein im Haus am Ring. Oder, anders formuliert: So eilig hätt’ ich es mit dem Debut nicht gehabt…

Daschs Stimme: Den ganzen Abend über unruhig, flackernd; zuweilen irrlichternd. Mit offenen und dadurch schrillen Höhen, (zu)wenig Volumen in der Tiefe und einigen selbst für vazierende Beobachter hörbaren … äh … Intonationstrübungen.

Dasch — dies verbindendes Element für fast alle gestern abend — ließ viel der musikalischen Gestaltung ihrer Partie missen. Die Frage nach dem »Warum?«, die Suche nach der Wahr­haftigkeit — welche doch in jeder Szene, jeder Aktion zu stellen wäre —: gestern abend blieb sie unbeantwortet.

IV.
Die Donna Anna der Ekaterina Siurina prunkte mit allen Clichés russischer Stimmen: gaumige Tonbildung, verschattete Vokale. Und, gleich Dasch, mit einer hörbaren Aversion gegen gedeckte Spitzentöne und der Kunst des legato. In »Non mi dir, bell’ idol mio«, Donna Annas zweiter Arie, gebrach es Siurina an jener stimmlichen Gestaltung, welche Don Ottavio zum Bleiben veranlaßt. Diesfalls also ein Sichverlassen auf Mozart und Da Ponte. Doch muß, darf eine Donna Anna so beiläufig, so uninteressant klingen?

V.
À propos »beiläufig«: Wenn Don Ottavios »Dalla sua pace«, obwohl kaum musikalisch gestaltet, dafür allerdings von Jinxu Xiahou mit hörbarem Erfolg um legato vorgetragen, zum Höhepunkt des ersten Aktes wird; — war dies von Mozart so gewollt? Denn auch Xiahous Stimme scheint für Mozart nicht mehr optimal, weil relativ breit geführt. (Daß sie ähnlich jener Benjamin Bruns’ einen metallischen Kern entwickelt, ist der Angelegenheit ja nicht abträglich.) Daß sie gaumig klingt, das Italienisch schwer zu verstehen ist: ein Alarmzeichen? … Die große, repräsentative Geste des Edelmannes, der stimmliche Ausdruck: darauf warteten die Opernfreunde vergeblich. Diesfalls mehr Waschlappen denn Adeliger.

VI.
Valentina Naforniţa als Zerlina überraschte mit einer nachgedunkelten Mittellage. Dafür hellte sich die Stimmfarbe jedes Mal auf, wenn es gesangliche Höhen zu erklettern galt. Die Kunstfertigkeit des legato, die musikalische Durchdringung ihrer Partie (jene Dinge also, welche für eine lang andauernde, erfüllte Carrière unerläßlich sind): Sie werden, so steht zu fürchten, niemals zu den Stärken des ehemaligen Wiener Ensemble-Mitglieds zählen. Da war die Zerlina der Andrea Carroll, wiewohl nicht perfekt, von einem anderen Kaliber…

Naforniţas Masetto, Clemens Unterreiner, wartete mit kernigem Bariton auf. Gute Wort­deutlichkeit und (wie meistens) überengagiertes Spiel kennzeichneten seine Rollengestaltung. Daß Zerlina die Stärkere ist, in dieser ehelichen Gemeinschaft das Zepter schwingt: Wiewohl von Mozart und Da Ponte so intendiert, nehme ich es Unterreiner nicht ab.

Dan Paul Dumitrescu gab den Commendatore — weil: Ohne diesen gibt’s keine Höllenfahrt. In der Darstellung (stimmlich wie optisch, im Morgenmantel): mehr Teddybär denn adeliger Vater einer Tochter im besten Alter. Jean-Louis Martinoty und den Auswüchsen dessen, was wir unter »Regietheater« verstehen, sei Dank.

VII.
Der Leporello des Luca Pisaroni gelangte über das stimmliche Wollen zumeist nicht hinaus. Man mag über sein komödiantische Spiel in der Balkon-Scene amüsiert sein; — die stimmlichen Fadesse von »Madamina, il catalogo è questo« kann ich nicht verschweigen. Ja, diese Scene ist (zumal in dieser Produktion) schwer zu gestalten. Aber wozu ist man Sänger? Da fehlte es im mindesten an der Wahrhaftigkeit. (Man weiß schon, worauf’s hinausläuft…)

IX.
Bleibt der Don Giovanni des Ludovic Tézier. Nun denn: Tézier ist weniger Don Giovanni als Conte di Almaviva (aber mehr als Adam Plachetka). Doch weiß der Franzose seine Stimme mit technischem Einfühlungsvermögen zu führen, die Rezitative interessant zu gestalten. Daß auch Téziers Stimme abgedunkelt, manchmal verschattet sich präsentierte, nicht den hellen offenen Klang jener Don Giovannis bot, welche uns als ideal erscheinen — man hörte es.

Trotzdem, nehmt nur alles in allem: Tézier schien mit den musikalischen Gegebenheiten am besten zurechtzukommen. Dies, gestern abend: keine gering zu schätzende Leistung.

X.
Zweieinhalb Jahre vor dem Ende der Amtszeit Dominique Meyers bleibt festzuhalten: Der selbstgestellte Anspruch des »ersten Hauses für Mozart« wird nicht eingelöst werden. Eine für Wien schmerzliche Erkenntnis.

Was bleibt? Bangen und Hoffen.

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