Rezensionen Oper

Christoph Willibald Gluck:
»Orphée et Eurydice«

Staatsoper Hamburg

Von Thomas Prochazka
»Orphée et Eurydice«, 1. Akt: Andriana Chuchman (Eurydice), Dmitry Korchak (Orphée) und das Hamburg Ballett John Neumeier © Staatsoper Hamburg/Kiran West

»Orphée et Eurydice«, 1. Akt: Andriana Chuchman (Eurydice), Dmitry Korchak (Orphée) und das Hamburg Ballett John Neumeier

© Staatsoper Hamburg/Kiran West

I.
John Neumeier glückt die Symbiose aus Gesang und Tanz. An der Hamburger Staatsoper erweckt er die am 2. August 1774 in Paris uraufgeführte Fassung von Glucks bekanntester Oper wieder zum Leben. Ein Abend mit vielen berührenden Momenten.

II.
Nach der 1762 in Wien erfolgten Uraufführung erstellte Christoph Willibald Gluck für Paris eine Neufassung auf Basis des Textes von Pierre-Louis Moline. Moline übersetzte und erweiterte das von Ranieri de' Calzabigi geschaffene Libretto dieser azio teatrale (wie Werke mit mytho­logischem Hintergrund und Ballettszenen genannt wurden). Gluck adaptierte in der französischen Fassung die Partie des Orphée für hohen Tenor. Außerdem ergänzte er, dem Geschmack des Pariser Publikums genügend, Ballettszenen. Der Tanz der Furien (mit Chor) aus Glucks Ballett Don Juan fand hier ebenso seinen Platz wie das neu komponierte Ballett der seligen Geister.

III.
Orphée-Umkreisungen, eins: Quietschende Bremsen. Ein Knall. Mit einem Mal steht ein be­schä­digtes Auto auf der Bühne. Großes Theater. Davor, am Boden, ein Körper; — leblos: Eurydice. Ein Mobiltelefon läutet. Orphée hebt ab…

Orphée-Umkreisungen, zwei: Die Rahmenhandlung. Orphée ist ein Choreograph, Eurydice seine Frau — und Primaballerina der Compagnie. Sie kommt zu spät zur Probe, hat anderes im Kopf. Es gibt Streit. Wütend rauscht sie ab. Die Arbeit im Ballettsaal geht weiter. Folgetonhörner nähern und entfernen sich. Ein Mobiltelefon läutet…

Orphée-Umkreisungen, drei: Die Ouverture erklingt bei offener Bühne. Diese stellt einen Ballettsaal vor; mit Spiegelwänden und Barren. Orphée korrigiert hier und dort, sein Assistent Amor notiert. Eurydice erscheint, läßt Tasche und Schal fallen, schreibt Autogramme. Orphée ruft sie zur Ordnung. Streit. Ein Mobiltelefon läutet…

»Orphée et Eurydice«, 2. Akt: Der Tanz der Furien (Hamburg Ballett John Neumeier) © Staatsoper Hamburg/Kiran West

»Orphée et Eurydice«, 2. Akt: Der Tanz der Furien (Hamburg Ballett John Neumeier)

© Staatsoper Hamburg/Kiran West

IV.
2017 feierte die Produktion an der Lyric Opera Chicago ihre Uraufführung. Seit 3. Feber 2019 ist sie auch an der Staatsoper Hamburg zu erleben. John Neumeier zeichnet nicht nur für die Cho­reographie, sondern auch für Bühnenbild, Licht, Kostüme und Regie verantwortlich. Ar­bei­tet mit den Sängern ebenso intensiv wie mit den Mitgliedern seiner Compagnie. Und sorgt den ganzen Abend hindurch für beeindruckende wie berührende Momente.

V.
Die linke Seite des Orchestergrabens ist überbaut: Eine Wiese, eine Bank, ein stilisierter Baum. (In der Unterwelt wird er von oben nach unten wachsen.) Orchester und Chor der Hamburger Staatsoper finden in den offenen 80 % des Grabens Platz. Das hält die Bühne frei für die Sänger und die Tänzer. Auf die Bank wird Orphée wie betäubt niedersinken, wenn er die Nachricht vom Tod Eurydices erhält. (Ergreifend gespielt von Dmitry Korchak.)

VI.
Neumeier verdoppelt die Partien. Stellt mit Edvin Revazov und Anna Laudere den Sängern erste Tänzer seiner Compagnie zur Seite. Schafft mit Double Orphée und Double Eurydice eine weitere Ausdrucksebene. Und verbindet die beiden Welten. Wenn Laudere im weißen Kleid als Eurydice Abschied nimmt von Orphée, er ein Ende des langen Schleiers mit beiden Händen vor das Ge­sicht hält, während der Rest wie glitzernde Tränen zu Boden sinkt und dort eine Pfütze ima­gi­niert… Wenn Revazov und Laudere in der typischen Tanzsprache Neumeiers das Ballett der seligen Geister anführen… Wenn Eurydice ihrem Orphée, nachdem er sie zum zweiten Mal ver­loren, nochmals erscheint, sich ihre Stimmen mit jener Amors zum Terzett »Tendre amour, que tes chaînes« vereinigen…

»Orphée et Eurydice«, 2. Akt: Anna Laudere (Double Eurydice) und Edvin Revazov (Double Orphée) als Solo-Paar im Tanz der seligen Geister © Staatsoper Hamburg/Kiran West

»Orphée et Eurydice«, 2. Akt: Anna Laudere (Double Eurydice) und Edvin Revazov (Double Orphée) als Solo-Paar im Tanz der seligen Geister

© Staatsoper Hamburg/Kiran West

VII.
Neumeier arbeitet mit dreh- und fahrbaren Bühnenelementen, welche einmal einen Spiegel, ein anderes Mal einen Ausschnitt aus einem Gemälde zeigen. Bei Orphées Eintritt in die Unterwelt wer­den in diesem, die komplette Bühnenbreite einnehmenden Gemälde Hände sichtbar, ehe die Geister der Unterwelt daraus erscheinen. Alex Martinez, Ricardo Urbina und David Rodriguez tanzen die drei Köpfe des Cerberus. Orphée wird den Höllenhund durch seinen Gesang ebenso besänftigen wie die Furien der Unterwelt…

All dies vollzieht sich in steter Verwandlung der Bühne, mit tatkräftiger Unterstützung des von Alessandro De Marchi geleiteten Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Die Besetzung ist klein. Solo-Oboe und -Fagott sind stark beschäftigt. Sie hinterlassen ebenso wie der Chor der Staatsoper Hamburg einen überaus günstigen Eindruck.

VIII.
Dmitry Korchak trägt den Abend als Orphée, doch Marie-Sophie Pollak als Amor und Adriana Chuchman als Eurydice ergänzen tadellos. Pollak springt kurzfristig ein. Die eine oder andere Un­sicherheit in der Höhe sei ihr deshalb nachgesehen. Daß Amor Orphée Eurydices Schal mitgibt auf dessen Reise in den Hades; dieser ihn bis zum Ende des Abend nicht mehr ablegen wird: ein wei­terer dieser ganz speziellen »Neumeier-Momente«…

Die Partie der Eurydice ist nicht allzu groß, doch Chuchman überzeugt; —  vor allem mit ihrer Mittel­lage. Daß auch Chuchmans Stimme im tiefen Register die Klarheit früherer Sänger­innen missen läßt: Es ist ein Generationsproblem.

IX.
Einigen Besuchern sang Dmitry Korchak »J’ai perdu mon Euridice« zu rasch. Aber Gluck notierte Andante con moto in der Partitur, nicht etwa Lamentoso; oder Largo. Korchaks und De Marchis In­ter­pretation atmet eine Ruhe, die zum genauen Zuhören einlädt. Dazu kommt, daß des Russen Stimme trotz ihres hellen Timbres ein Kern eignet. Welch seltene Eigenschaft heutzutage; doch wie wohltuend! Ein paar Mal entscheidet sich Korchak dafür, Spitzentöne falsetto zu singen; ein paar Ausflüge in die oberen Regionen klingen angespannt. Aber all das tut der Intensität der (musikalischen) Darstellung keinen Abbruch.

Dieser Orphée: intensiv auch im Spiel. Wenn er den Anruf vom Tod Eurydices entgegennimmt … hält das ganze Haus den Atem an. Wartet auf den Zusammenbruch. Dieser kommt schleichend; nicht plötzlich. Und in dem »Wie« erkenne ich den Meister wie den gelehrigen Schüler.

»Orphée et Eurydice«, 1. Akt: Andriana Chuchman (Eurydice) und Dmitry Korchak (Orphée) © Staatsoper Hamburg/Kiran West

»Orphée et Eurydice«, 1. Akt: Andriana Chuchman (Eurydice) und Dmitry Korchak (Orphée)

© Staatsoper Hamburg/Kiran West

X.
Doch Gluck wäre nicht Gluck und Paris nicht Paris, wenn nicht das Ballett das letzte Wort be­käme: Und das Hamburg Ballett John Neumeier wäre nicht das Hamburg Ballett, wüßte es nicht mit einer modernen Interpretation von Gavotte und Chaconne seines Meisters zu beeindrucken.

XI.
Anders als in Glucks Oper kehrt Eurydice in Neumeiers Fassung Orphée nicht wieder. Doch Amor überzeugt ihn, daß Eurydice weiterleben wird — in seinem Herzen; und in seinem Ballett…

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