Rezensionen Oper

Giacomo Puccini: »La bohème«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka
»La bohème«, 2. Akt: Mimi (Irina Lungu) mit ihrem Rodolfo (Saimir Pirgu) am Weihnachtsabend im Pariser Café Momus © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»La bohème«, 2. Akt: Mimi (Irina Lungu) mit ihrem Rodolfo (Saimir Pirgu) am Weihnachtsabend im Pariser Café Momus

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

I.
Nach Weihnachten. Viele Blicke gehen ins Außen. Etwa auf das Smartphone: alle fünf Minuten. Oder auf die großen Spiegel (welche gnädig die Rückenansichten verschweigen). Internationales Publikum im Haus am Ring: Herren im guten Anzug mit Seidenschal. Und dem Schluck aus der Flasche, weil der Rest des Bieres nicht ins Glas passen will… Logen als Picknickplätze. Ein internationales Publikum eben.

II.
Man gab La bohème. In Weihnachtsstimmung auch das Orchester (zumindest vor der Pause). Zu früh zum Dienst gerufen nach dem mittäglichen Festmahl. Zum »Dienst«… So klang’s unter Marco Armiliatos Leitung denn doch ein bisserl zu beiläufig und zu laut aus dem Graben, als daß es dem Institute zur Ehre gereicht hätte. Da atmete wenig, da war kaum musikalischer Gestaltungswille zu bemerken. Inniger wurde es erst im finalen Akt.1

III.
Man gab also La bohème… Die Wiederholung — scheint angebracht: Denn aus den Stimmen erschloß es sich kaum. Zuviel Inadäquates auch hier (Weihnachtsfriede hin oder her). Ryan Speedo Green sang den Colline mit unsteter Stimmgebung; der Applaus nach »Vecchia zimara«: zurecht endenwollend.

Samuel Hasselhorn blieb als Schaunard der »Benjamin« unter den vieren. Immer wieder vom Orchester übertönt bei seinem Entrée im ersten Akt. »Begrenzte stimmliche Mittel«, stellte ich schon einmal fest. Auch in den Ensembles trat sein Bariton nicht so hervor, wie es zu wünschen wäre. Hasselhorns Stimme vermochte in keiner Szene das für die Staatsoper notwendige Volumen zu mobilisieren. Ob er nicht an kleineren Häusern bessere Ent­wicklungs­möglich­keiten vorfände? In Ruhe an der notwendigen Verbesserung seines Gesangstechnik feilen könnte?

IV.
Ähnliches drängte sich mir auf, als ich Mariam Battistelli beim Buchstabieren ihrer Arie »Quando me’n vo’« lauschte. Da fehlt’s, man möge es mir verzeihen, an zu vielem: an der Aktivierung des Brustregisters, am passaggio, am legato. (Ich bemerkte dies bereits.) Selten noch klangen »Pittore da bottega!« und »Rospo!« so harmlos wie gestern. Nicht, was Puccini im Sinn hatte. Eine Modistin als Musetta

V.
Der Sänger des Marcello kann, so er es vermag, in den zwei Duetten mit Rodolfo und seiner Szene mit Musetta glänzen. Gestern war Marco Caria dafür aufgeboten. Der gebürtige Sarde, seit 2010 Ensemble-Mitglied, entledigte sich seiner Aufgabe brav; doch ohne besonders für sich einzunehmen.

VI.
Auch um die Stimme von Saimir Pirgu, dem Rodolfo des Abends, steht es nicht zum besten. Stimmliche Höhensicherheit wollte sich nur mehr in forte gesungenen Passagen einstellen. Sonst war Schmalhans gesanglicher Küchenmeister…

»Che gelida manina«, dolcissimo und piano und durchgehend auf dem ›as‹ zu singen, klang unstet. (Wie solches in etwa darzubieten wäre, davon vermittelte Irina Lungu als Mimì im vierten Akt eine Ahnung. Immerhin.) Pirgu nahm das eine oder andere Mal Zuflucht zum falsetto. Doch wenn die Stimme im mezzoforte (geschweige denn im piano) in der Höhe durchaus nicht mehr gehorchen will; wenn es nur mehr darum geht, den Anschein von legato-Singen aufrechtzuerhalten; wenn »O soave fanciulla« nicht zündet; wenn uns Rodolfos Marcello anvertrautes Liebesgeständnis »Amo Mimì« im dritten Akt nicht zu Tränen rührt… — Darf man dann feststellen, daß das Ergebnis ein unbefriedigendes bleiben muß, Engagements an der Metropolitan Opera hin oder her?

VII.
Irina Lungu gab in dieser Serie ihr Wiener Rollen-Debut als Mimì. »Mi chiamano Mimì« verhieß, was die Russin im Verlauf des Abends nicht mehr einzulösen vermochte. Auch bei ihr waren zuhauf wechselnder Stimmsitz, wenig Volumen in der unteren Stimmfamilie und unstete Tongebung zu konstatieren. Langsames Vibrato, luftiger Ton — all jene gesangs­technischen Unzulänglickeiten also, welche sich die Relativisten unter den Berichterstattern so gerne als »Interpretation« schönschreiben. Faktum jedoch: Da wucherte eine Sängerin mit ihrem längst schon dezimierten Kapital…

Was sonst noch auffiel? Daß Lungus Interpretation der kleinen Näherin Brüche aufwies: nach dem ersten Schwächeanfall gleich bei ihrem Eintritt hinterließ sie für den Rest des ersten Aktes (zumindest spielerisch) einen durchaus munteren Eindruck. Daß Lungu nach einen erneuten Schwächeanfall vor dem Kabarett an der barrière d’Enfer die Szene ein-, zweimal mit durchaus festem Schritt durchmaß. Daß die Russin den ganzen Abend über bemüht war, gerade zu sitzen oder zu stehen: Wo andere Sängerinnen der Mimì im Finale auf der Liegestatt ausgestreckt bleiben, richtete sich Lungu im Duett mit Rodolfo auf, um stimmlich besseren Eindruck zu machen. Doch Bewegung, Mitleid oder Rührung vermochte auch sie nicht hervorzurufen.

VIII.
Gleichwohl faszinierend: Welch Raunen auch noch 66 Jahre nach der Première durch das Haus ging, als sich der Vorhang zum ersten Akt hob. Und wie dieses Raunen anschwoll, als der vazierende Teil des Publikums der Pariser Straßenszene um das Café Momus im zweiten Akt ansichtig wurde. Franco Zeffirelli und sein Kostümbildner Marcel Escoffier müssen also etwas richtig gemacht haben.

Kann man eigentlich eine Opernproduktion zum UNESCO-Weltkulturerbe erklären?

P.S.: Schert’s die Scheidenden an der Staatsoper wirklich so wenig, daß auf den Bildschirmen im Publikumsbereich immer noch Werbung für die bereits im November 2019 stattgefunden Vorstellungen gemacht wird? Und man auf dem großen Bildschirm vor dem Haus die nächste Vorstellung für den 2. Oktober 2019 — Benjamin Britten: A Midsummer Night’s Dream ankündigte?

  1. Wer immer noch auf der Suche nach einer ausgezeichneten Aufnahme dieser Oper ist, dem sei folgende Einspielung ans Herz gelegt: Giacomo Puccini: »La bohème«. Mit Renata Tebaldi, Carlo Bergonzi, Gianna d’Angelo, Ettore Bastianini, Renato Cesari, Cesare Siepi, Fernando Corena, Piero de Palma, Giorgio Onesti, Attilio d’Orazi. Tullio Serafin dirigiert Chor und Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia. Decca 0289 448 7252 (2 CD), 1959.

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