» La cenerentola «, 1. Akt: Don Ramiro (Edgardo Rocha) und Angelina (Cecilia Bartoli) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

» La cenerentola «, 1. Akt: Don Ramiro (Edgardo Rocha) und Angelina (Cecilia Bartoli)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Gioachino Rossini:
» La cenerentola «

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Man nehme: eine gefeierte Sängerin, die Kräfte der von ihr ab 2023 geleiteten Opéra de Monte Carlo, setze bei diesem Gastspiel die vom Komponisten binnen dreier Wochen auf’s Papier geworfene opera buffa an, in semikonzertanter Form und mit ansehnlichen Kostümen — et voilà: Das Publikum strömt, der Kassenreport läßt verantwortliche Augen strahlen.

Ein Schelm, wer sich da der vormals proklamierten Ablehnung von Konzerten in Kostümen entsinnt. Oder der wortreichen Versuche, das Ausbleiben des Publikums mit (post-)pandemischem Verhalten zu erklären. Nein, nein, es ist schon so: Verspricht ein Abend großes Spektakel, als » erste « gehandelte Kräfte, sitzt das Geld locker; spielt eine mögliche Ansteckungsgefahr keine Rolle.

II.
Was also brachte der Abend? Zuvörderst eine offene Bühne mit Leinwandhintergrund, den Stimmungen entsprechend angestrahlt. Davor eine Reihe einfache Stühle für den Herrenchor. Noch weiter in den Vordergrund gerückt, diesfalls bereits auf dem auf Bühnen-Niveau angehobenen hinteren Teil des Orchestergrabens (oder einem gleiche Funktion erfüllenden Vorbau) sechs gepolsterte Stühle, » in Stil «, sowie ein gedecktes Tischchen. Es ist eine Kargheitsbühne. Eine Andeutungsbühne. Dazu die benötigten Requisiten; — mehr bedarf’s nicht.

Was war nun das Ergebnis? Die Musik, der Gesang rückten in den Vordergrund. Das war, für Zuhörer, nicht immer von Vorteil. (Für alle anderen schon.) Man erinnert sich wieder, daß Rossini ein Tonkünstler war. Ein Melodienherrscher.

III.
Im verbleibenden Teil des Grabens, nochmals abgesenkt, das klein gehaltene Orchester: Les Musiciens du Prince – Monaco auf historisch klingenden Instrumenten. Tiefer gestimmt (430 Hz?): eine Entgegenkommen gegenüber den drei Sopranen und dem Tenor; Erschwernis für die Bassisten.

Der Orchesterklang in der Sinfonia, den ersten Nummern: dünn, fast anämisch. Danach gewöhnt sich das Ohr; — so der Klang über die Barriere in den Zuschauerraum dringt. (Was nicht immer der Fall ist.) Beste Voraussetzungen also auch für kleinere Stimmen (die doch im Grunde nichts anderes als unterentwickelte sind).

Dirigent Gianluca Capuano findet mit wenigen Tempostufungen das Auslangen (im wesentlichen: langsam, schnell und sehr schnell). Man hörte dieses Werk schon mit ausgefeilterer Tempo-Dramaturgie — von den Signori Abbado zum Beispiel. Seinerzeit. (Doch solches haftet.) Aber Rossinis Schöpfung bleibt auch diesmal unbesiegbar: Zu herrlich sind seine Einfälle, zu überraschend seine musikalischen Wendungen.

Die Sinfonia: in Signor Capuanos Lesart eher behäbig, ohne allzu große Höhepunkte. Eine kostenlose Leihgabe des Meisters an sich selbst, übrigens; aus La gazetta. (Nun mit erweitertem Posaunenpart.) So richtig Fahrt nimmt das Vehikel allerdings erst auf mit Dandinis Erscheinen als falschem Fürsten. Nicola Alaimo interpretiert ihn mit Freude, musikalisch wie szenisch; — wie überhaupt alle Italiener ihren Spaß an der Kunst des parlando zu haben scheinen in dieser Vorstellung. (Wer wollte da, an diesem heißen Sommerabend, Perfektion einfordern?)

» La cenerentola «, 2. Akt: Nicola Alaimo (Dandini) und Pietro Spagnoli (Don Magnifico) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

» La cenerentola «, 2. Akt: Nicola Alaimo (Dandini) und Pietro Spagnoli (Don Magnifico)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Minder erfolgreich war José Coca Loza in der Partie des Alindoro. Die tiefere Stimmung: der Damen Freud’, des Bassisten Leid. Coca Lozas Stimme stößt in der Tiefe zu oft an ihre Grenzen, als daß uns dieser deus ex machina alias Erzieher des Prinzen noch interessierte. Die Figur verliert zu viel ihres dramatischen Potentials. Man merkt die Mühe, und man ist verstimmt.

Pietro Spagnoli war Don Magnifico. Ihm zur Seite, haus-debutierend: Rebeca Olvera als Clorinda und Rosa Bove als Tisbe. (Die beiden Damen seien für Ihre Mitwirkung bedankt; trotz gelegentlichem vokalen Auslotens der Grenzen unserer Gastfreundschaft.) Don Magnificos Traumerzählung: noch zurückhaltend, tastend; den Abend erfühlend. Noi, Don Magnifico leitete das finale primo schwungvoll ein. (Der Text! Herrlich!) Sia qualunque delle figlie schließlich: große opera buffa, köstliche Komik.

IV.
Der Don Ramiro des Edgardo Rocha erfreute mit einer heute allgemein als gut befundeten Leistung. Rocha spielt den Don Ramiro einfühlsam; fast zärtlich. Sein tenore di grazia strömt angenehm in der Mittel- und in der unteren Lage. In der Höhe klingt die Stimme zumeist eng und ein wenig nasal.

V.
Und sie? Sie, der die Verantwortlichen in trotziger Ignoranz des eigenen Archives und Medienberichten unbedingt ein Haus-Debut auf den Abendzettel drucken ließen? Sie, die in diesem Repertoire seit Jahren, nein, Jahrzehnten, von Publikumserfolg zu Publikumserfolg eilt? Sie, die — man verkennt zu leicht die Umstände — vielleicht größte Diva unter den heutigen Opernsängerinnen? La Bartoli?

Cecilia Bartoli ist ein Phänomen: Sie betritt die Bühne, stimmt Una volta c’era un re … an, blickt mit großen, braunen Augen treuherzig zwei-, dreimal ins Rund: — und das Publikum ist ihres, der Abend gewonnen. Bartoli ist das Zentrum allen Geschehens; ist Angelina. Die gebürtige Römerin singt mit viel Energie, rhythmischer Sicherheit und, in ihrer Muttersprache, instinktsicher. Die Intonation ist korrekt, die Läufe und arpéggi sind ordentlich, doch niemals legato; — sondern quasi-marcato, mit raschen, kleinen Bewegungen der Kehle und des Kopfes. (Am deutlichsten zu hören — und zu sehen! — bei Non più mesta, wo für jeden Ton eine andere Mundstellung das Mittel der Wahl war.) Doch bilden nicht die Schönheit des Tons, legato und portamento das Fundament klassischen Gesangs …?

VI.
An diesem Abend durfte Oper wieder einmal Unterhaltung sein.
(Und erst der Kassenreport!)

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