Rezensionen Konzert

Silvesterkonzert 2017 der Wiener Philharmoniker

Musikverein Wien

Von Thomas Prochazka
Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker beim Silvesterkonzert 2017 © Terry Linke

Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker beim Silvesterkonzert 2017

© Terry Linke

I.
Connaisseurs behaupten, nicht das Konzert am Neujahrsmorgen (medialer Höhepunkt des Jahreswechsels), sondern das Silvesterkonzert zeitige das bessere Ergebnis. Ihre Begründung: abends um ½ 8 Uhr sei die dem Tagesablauf eines Musikers entsprechende Zeit. Außerdem sei der Rahmen ein familiärer, die TV-Kameras sozusagen »Beiwaag’«.

II.
Riccardo Muti stand zum fünften (und, glaubt man den Auguren, wohl nicht zum letzten) Mal am Pult der Wiener Philharmoniker. Der Unterschied zum letzten Jahr konnte größer nicht sein: Hier der trotz eines mit Bedacht unbekannteren Werken gewidmeten Programms nur mit Mühe das Ziel erreichende, aber weltweit gefeierte »Pultstar«, da der längst über aller Kritik stehende Maestro aus Napoli, den man selten so entspannt bei der Arbeit beobachten konnte.

III.
Riccardo Mutis Zugang zur Musik der Strauss-Dynastie ist — er hielt damit im Vorfeld des Konzertes nicht hinterm Berg — mittlerweile ein gänzlich anderer als jener seiner Kollegen. In der Ernsthaftigkeit vielleicht vergleichbar mit Carlos Kleiber und Nikolaus Harnoncourt. (Man darf sich über diesen Vergleich wundern. Man darf aber auch darüber nachsinnen.) Zudem treten die Wiener Philharmoniker mit Volkhard Steude und José Maria Blumenschein am Konzert­meisterpult mit 16 ersten, aber nur zehn zweiten Violinen an. Als Gegengewicht fungieren je sechs Contrabässe und sechs Celli. Sie bereiten das klangliche Fundament, darüber die Violinen ihre Melodien spinnen (für Interessierte: 16/10/8/6/6). Das ergibt ein dunkleres, besser durchmischtes Klangbild, mehr Tiefe und Kontrast.

IV.
Bereits der den Abend eröffnende Einzugsmarsch aus der Operette Der Zigeunerbaron, RV 511A/B/C-17.ABC1, macht Mutis Zugang deutlich: Wo andere es in der Introduktion krachen lassen lassen und schwungvoll in den Marsch stolpern, fordert er ein großes ritardando, gefolgt von einer Zurücknahme ins piano, ehe der Marsch Lautstärke, nicht aber zu rasches Tempo aufnimmt. Ein gelungener Auftakt.

V.
Josef Strauss’ Wiener Fresken, sein Walzer op. 249, hebt an mit einer ausgedehnten Introduktion und einem fein gespielten Cello-Solo von Robert Nagy. Ein ausgedehntes ritardando führt in den ersten Walzer. Muti nimmt langsame Tempi, läßt die Musik atmen, die Phrasen ausschwingen. Legt die Zusammenhänge offen. Zwingt das Publikum zum aufmerksamen Zuhören, steigert die Spannung soweit, daß der Applaus einsetzt, einsetzen muß, ehe der Walzer im pianissimo verklingt.

Die kompositorischen Unterschiede zu Bruder und Vater: Hier wurden sie hörbar. Und niemand, der diese, ein wenig an die Melancholie Schuberts gemahnende Musik aufmerksam hört, wird sie jemals Johann, dem Bruder, zuordnen.

VI.
Die Polka française Brautschau nach Motiven der Operette Der Zigeunerbaron, RV 417, stellt das Auftrittslied »Ja, das Schreiben und das Lesen« des Schweinezüchters Zsupán in den Mittelpunkt. Wiederum: gemäßigtes Tempo, aber ausgezeichnet gearbeitet, mit einem fast schon erschreckenden Blick für nie zuvor gehörte Details: Die Gegenstimmen der Klarinetten und Celli ahmen das Grunzen der Eber nach, die hellen Holzbläser und ersten Violinen jenes der Ferkel…

Silvesterkonzert 2017: Riccardo Muti und Konzertmeister Volkhard Steude © Terry Linke

Silvesterkonzert 2017: Riccardo Muti und Konzertmeister Volkhard Steude

© Terry Linke

VII.
Vor der Pause schließlich noch zwei Beiträge von Johann Strauss Vater: sein Wilhelm Tell-Galopp, op. 29, mit dem Finale aus der Ouverture von Rossinis Oper. Hommage an den »Schwan von Pesaro« einerseits, Gelegenheit für den geschäftstüchtigen Gründer der Wiener Walzer-Dynastie andererseits, in Zeiten ohne Radio, Fernsehen und Internet vom Rossini-Taumel der Wiener zu profitieren.

Und davor: der Marien-Walzer, op. 212: Eine aus vier Walzern bestehende Komposition mit einem ausladenden ersten Walzer mit zwei Teilen und einem Trio. Die Walzerkette steht in der Liebes­tonart E-Dur, und Strauss wäre nicht Strauss, bediente er sich nicht der gängigen und damals jedem geläufigen musikalischen Figuren wie z.B. der aufsteigenden Sexte, der exclamatio: »Ma-rie…«.

Muti wird sich auch in den nachfolgenden Walzerketten mancher Wiederholungen begeben; nie jener allerdings, welche die kompositorische Meisterschaft der Strauss-Familie aufblitzen lassen, mit Gegenbewegungen etwa der Celli dem zweiten Durchlauf eine andere Dynamik verleihen.

Der Marien-Walzer… Wiederum schafft es Muti, dem Publikum die Unverwechselbarkeit der Handschrift des Komponisten nahezubringen: Niemals könnte man Josef Lanner oder einem der Söhne Johann Strauss‘ die Urheberschaft zuweisen. Der für seine virtuosen Violinkünste bekannte Strauss Vater spickte die Partitur mit Schleifern und Vorschlägen: Um dies zu sech­zehnt so exakt zu spielen, bedarf es schon einer gewissen Meisterschaft. Und eines Konzertmeisters, der sein Handwerk versteht.

VIII.
Nach der Pause ein ähnliches Bild: Elegisch anmutende, weit ausschwingende Walzer bilden die Höhepunkte. Myrthenblüten, RV 395, beispielswiese, Johann Strauss‘ Widmungskomposition zur Vermählung des Kronprinzen Rudolf von Österreich mit der belgischen Prinzessin Stephanie von Belgien im Mai 1881.

Die Introduktion im wiegenden 6/8-Takt hebt an mit einem Harfen-Solo (meisterhaft: Charlotte Balzereit), in der musikalischen Rhetorik das Symbol für Hochzeit. An dieses schließen sich Solo-Einwürfe der Klarinette (Daniel Ottensamer) und der Oboe (unverkennbar: Martin Gabriel) an. Wiegend dann die Walzer, deren erster mit einer 32-taktigen Eröffnung aufwartet, welche Strauss‘ Meisterschaft demonstriert: Das 16-taktige Thema erklingt, variiert, noch einmal. Und die Wiener Philharmoniker verströmen eine Melodiensüße, als liebkose ein Maihauch die Wangen. Eine intime Walzerkette, gedacht für zwei Liebende. Kein »reißerisches« Werk… eine Kostbarkeit: für Kenner und aufmerksam Zuhörende. (Und trotzdem: Das Ende 1889 in Mayerling wird ein tragisches sein.)

IX.
Eine nervöse Barbara Laister-Ebner wird am Neujahrsmorgen ihre Zither-Soli in den G’schichten aus dem Wienerwald, RV 325, fehlerfrei spielen. Die ersten Pulte konzertieren schon am Vorabend mit einer Intensität, welche die bewaldeten Hügel um Wien im Goldenen Saal hörbar macht.

In manchen Momenten erreichte Muti eine seit Carlos Kleiber nicht mehr gekannte Intensität, kostet beispielsweise in der Polka mazur Stadt und Land, RV 322, die ritardandi aus. Bot mit den Philharmonikern im Walzer Rosen aus dem Süden, RV 388, mit seinen dynamischen Steigerungen für viele den Höhepunkt des Abends. Und all das ohne sichtbare Arbeit (die erledigte man in den Proben), im hörbar besten Einvernehmen.

X.
Nicht vergessen sein darf Johann Strauss’ Quadrille auf Melodien aus Giuseppe Verdis Oper Un ballo in maschera, RV 272. Muti führte alle sechs Touren (Le PantalonL’étéLa Poule , La TrenisLa Pastourelle und Finale) auf, im Gegensatz zu Claudio Abbado, welcher sich zum Jahres­wechsel 1987/1988 mit den Touren 1, 3, 4 und 6 begnügte.

Da war Muti in seinem Element, forderte, spornte an. Karin Bonelli mit hölzernem Piccolo war im erfolgreichen Dauereinsatz, des Pagen Oscar Ariosi hörbar zu machen. Und so mancher wünschte im geheimen, es möge gelingen, den großen Verdi-Advokaten noch vor dem Beginn der neuen Direktion für eine gut besetzte Serie dieser Oper an das Haus am Ring zu locken: — als Abschiedsgabe an das Staatsopernorchester, zwecks Weitergabe des Verdischen Feuers an die junge Generation.

XI.
Das Silvesterkonzert 2017 jedenfalls: elegisch, in den Walzern melancholisch, die Eigenheiten der verschiedenen Komponisten sorgfältig herausarbeitend. Ein Geschenk.

1. — Das Rot-Verzeichnis (RV) ist benannt nach Michael Rot, dem Herausgeber der Neuen Johann Strauss Gesamtausgabe, einer wissenschaftlich kritischen Neuausgabe. Im Jahr 1999 erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt, setzte sich die Strauss Edition Wien das Ziel, das komplette Œuvre Johann Strauss’ systematisch zu erfassen. Die Wiener Philharmoniker übernahmen die Patronanz für die Orchesterwerke.

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