Rezensionen Oper

Johann Adolf Hasse:
»I Pellegrini al Sepolcro di Nostro Signore«

Festival Retz

Von Thomas Prochazka
»I Pellegrini al Sepolcro di Nostro Signore«: Mitglieder des TERPSICHOREvokalensemble als Pilger in Jerusalem © Festival Retz/Claudia Prieler

»I Pellegrini al Sepolcro di Nostro Signore«: Mitglieder des TERPSICHOREvokalensemble als Pilger in Jerusalem

© Festival Retz/Claudia Prieler

Das Festival Retz erfreut Musikfreunde auf Entdeckungsreise mit einer szenischen Fassung des erfolgreichsten Oratoriums von Johann Adolf Hasse. Dabei wird erfrischend musiziert und gesungen.

II.
Johann Adolf Hasse (1699 – 1784) schuf sein Oratorium I Pellegrini al Sepolcro di Nostro Signore (kurz: Die Pilger) auf ein italienisches Libretto von Stefano Benedetto Pallavacino. Die Urauf­führung des rund 75 Minuten langen Werkes fand am 23. März 1742 in der Dresdner Hofkapelle statt. Hasse war zu diesem Zeitpunkt »Königlich Polnischer und Kurfürstlich Sächsischer Kapell­meister« des Kurfürsten Friedrich August II. und galt bis ans Ende des 18. Jahrhunderts als musikalische Autorität.

III.
Für die Aufführungen in der Stadtpfarrkirche St. Stephan in Retz erweiterten Andreas Schüller und Monika Steiner Hasses Oratorium um Chöre aus dessen Requiem in Es-Dur und das Miserere in c-moll. Hauptsächlich, wie Schüller, der musikalische Leiter der Aufführung und seit 2013/14 Chefdirigent der Staatsoperette Dresden, im Programmheft ausführte, um eine spielbare Fassung für eine »Kirchenoper« zu erhalten und des dramatischen Aspekts willen auch Chorstellen zu integrieren. Gesungen wurde — je nach Werk in deutscher, italienischer und lateinischer Sprache. Auch dies eine Herausforderung für die Sänger.

So werden die Retzer Aufführungen vom »Lux aeterna« aus dem Requiem eingerahmt, a capella vorgetragen vom TERPSICHOREvokalensemble. Am ersten Abend ein ebenso stimmungsvoller Beginn wie Ausklang in der — mittlerweile dunklen — Kirche.

IV.
Die Damen und Herren des Ensemble Continuum waren im linken Teil des Querschiffs positioniert. St. Stephans Vierung sowie Chor und Kanzel bildeten die Spielfläche.

Inge Stolterfoht kleidete die Pilger in Alltagskostüme unserer Zeit und legte dabei den Schwer­punkt auf die Farbe grün; — inklusive jenes grasgrünen Trolleys (kabinentauglich), welcher Eugenia schon nach ein paar Minuten Spielzeit gebracht wurde, damit diese für die Pilgerfahrt ihre Pumps mit Sneakers tauschen konnte. Ich fragte mich, warum.

Monika Steiner sorgte für einen geordneten Ablauf des Abends. Sie ließ vom Orgelbalkon ebenso singen wie von der Kanzel, doch verschmähte sie auch die Vierung als Spielort nicht. Doch wiederum: warum?

»I Pellegrini al Sepolcro di Nostro Signore«: Stefan Zenkl (Guida) und Nicholas Spanos (Teotimo) © Festival Retz/Claudia Prieler

»I Pellegrini al Sepolcro di Nostro Signore«: Stefan Zenkl (Guida) und Nicholas Spanos (Teotimo)

© Festival Retz/Claudia Prieler

V.
Denn — und dies vielleicht die größte Überraschung: Hasses Musik bedarf all dessen nicht. (Die Zeitgenossen wußten dies freilich. Das Publikum ahnte es.) Hätte sich Andreas Schüller dazu ent­schlossen, Solisten, Chor und Orchester in der Vierung bzw. dem Chor zu positionieren, I Pellegrini als Oratorium aufzuführen: Nichts hätte gefehlt.

Das Ensemble Continuum stimmte seine Instrumente auf 415 Hz für den Kammerton ›a‹. Nachklang einer längst hinabgesunkenen Epoche… Hasses Geschick, die Sänger weder in der Höhe noch in der Tiefe zu überfordern und trotzdem spannende, dramatische Musik zu schreiben, ersparte diesen jene andernorts so oft durch stimmschädigendes »Nachdrücken« produzierten, unschönen Töne am unteren Ende des Stimmumfanges. Damit war der Weg frei für eine engagierte und kurzweilige Darbietung.

VI.
Stefan Zenkl war ein engagierter Guida. Sein Bariton repräsentierte an diesem Abend die dunklen Stimmen. Nicholas Spanos sang den Teotimo mit, wie so oft bei Counter-Tenören, zwei­geteilter Stimme: Während Spanos’ Höhe der typische Klang des Counters eignete, ließ er im tiefen Register eine hell timbrierte Tenorstimme hören. Dieser Wechsel ergab nicht nur in seinen beiden Arien, sondern den ganzen Abend hindurch einen reizvollen Kontrast.

VII.
Die dramatische Sopranpartie der Agapita war Ursula Langmayr anvertraut. Die Stimme der gebürtigen Linzerin ließ (vor allem in der Höhe) die eine oder andere Schärfe hören, ohne daß dies jedoch ihre Leistung geschmälert hätte.

Manuela Leonhartsberger sang, nein, war Albino. Da wären zum ersten die phantastische Maske und ihr Kostüm, zum zweiten Leonhartsbergers Art, sich zu bewegen: Da stand, so fand man, ein junger Mann von heute auf der Bühne; ohne vorherigen Blick ins Programmheft durchaus glaubhaft auch auf’s zweite Hinsehen. Sehr gut auch Leonhartsbergers sängerische Leistung. Hier zu mäkeln, daß mancher Registerübergang nicht perfekt gesessen sei, während Gleiches im Haus am Ring unterm Jahr fortwährend bejubelt wird, scheint mir fehl am Platze. Im Gegenteil: Leonhartsbergers Leistung ringt mir Bewunderung ab, bedenkt man, daß sie kurzfristig einsprang und die Partie — so vernahm man — in einer Woche einstudierte.

»I Pellegrini al Sepolcro di Nostro Signore«: Bernarda Bobro (Eugenia) und Manuela Leonhartsberger (Albino) © Festival Retz/Claudia Prieler

»I Pellegrini al Sepolcro di Nostro Signore«: Bernarda Bobro (Eugenia) und Manuela Leonhartsberger (Albino)

© Festival Retz/Claudia Prieler

VIII.
Eine weitere Überraschung: die Eugenia der Bernarda Bobro: Wer aufmerksam lauschte, hörte eine funktionierende, lyrische Sopranstimme in einer Qualität, wie man sie auch an ersten Häusern viel zu selten zu hören bekommt. Faszinierend, wie Bobros Stimme durch die Register turnte, ohne daß die Stimme unwillkürlich ihre Farbe änderte (wie es heute größtenteils der Fall ist). Wie die Projektion stimmte, wie klar die Stimme auch in der Höhe klang. Wie die gebürtige Slowenin eine Lehrstunde in legato-Kultur gab.

(Ich fragte mich, warum jemand mit dieser Stimme von den Häusern am Ring und an der Wien nicht für das lyrische Sopranfach angefragt wird: für ein Ännchen beispielsweise, eine Susanna, eine Violetta oder eine Lucia. Und gelangte zu der Erkenntnis, daß es wohl an den Besetzungs­büros liegen muß, welche bei ihren Planungen nur ausgewählte Agenturen zu berücksichtigen scheinen. Bobro ist allerdings nur eine Vertreterin dieser Sorte von Sängern. Aber weil Intendanten Gesangswettbewerbe mit aktiver Talentsuche verwechseln, bleibt jenen der Weg an die großen Häuser verwehrt. Stattdessen wird das Publikum dort mit Zweit- oder Drittklassigem abgespeist.)

IX.
Wer einmal die ausgetretenen Pfade verlassen will, kann mit Hasses I Pellegrini al Sepolcro di Nostro Signore beim Festival Retz eine lohnenswerte Entdeckung tun. Noch bis 22. Juli.

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