Feuilleton

Gedanken zu… »Il viaggio a Reims«

Oper Graz

Von Thomas Prochazka
»Il viaggio a Reims«: Pavel Petrov (Cavalier Belfiore), Albert Memeti (Gelsomino), Peter Kellner (Lord Sidney), Dariusz Perczak (Barone di Trombonok), Anna Brull (Marchesa Melibea), Ivan Oreščanin (Don Alvaro), Sonja Šarić (Madama Cortese), Miloš Bulajić (Conte di Libenskof), Elena Galitskaya (Contessa di Folleville), Wilfried Zelinka (Don Profondo) und der Chor der Oper Graz © Oper Graz/Werner Kmetitsch

»Il viaggio a Reims«: Pavel Petrov (Cavalier Belfiore), Albert Memeti (Gelsomino), Peter Kellner (Lord Sidney), Dariusz Perczak (Barone di Trombonok), Anna Brull (Marchesa Melibea), Ivan Oreščanin (Don Alvaro), Sonja Šarić (Madama Cortese), Miloš Bulajić (Conte di Libenskof), Elena Galitskaya (Contessa di Folleville), Wilfried Zelinka (Don Profondo) und der Chor der Oper Graz

© Oper Graz/Werner Kmetitsch

I.
Man traut sich was in Graz. (Ich schrieb dies bereits.) Und gibt Rossinis letzte italienische Oper in einer durchaus sehenswerten, in jedem Fall aber hörenswerten Aufführung.

II.
Von den anläßlich der Krönung Charles X. stattgehabten Festaufführungen in Paris ist uns heute nur mehr Balochis und Rossinis Il viaggio a Reims bekannt. Und dies, obwohl das Théâtre Italien das letzte Haus war, welches mit der Anwesenheit des Königs geehrt würde. Sosthène de La Rochefoucauld, der Minister des königlichen Haushalts, teilte Charles X. mit, Il viaggio a Reims sei  »un hommage complettement désintéressé«, eine »gänzlich uninteressante Ehrung«.

III.
Giachino Rossini war noch von Ludwig XVIII. für ein jährliches Salär von 40.000 Francs (nach heutiger Umrechnung rund 54.000 Euro) zum Direktor des Théâtre Italien ernannt worden. Das Théâtre Italien stand damals als das »kleine« Pariser Haus im Schatten der Opéra. Allerdings war es 1818 der Académie Royale de la Musique zugeschlagen worden und verschaffte Rossini so Zugang zur Opéra. Rossini wurde neben dem bereits als Direktor fungierendem Ferdinand Paër bestellt. »Doppeldirektionen« gingen schon damals nicht gut, und bald tat der sich zurückgesetzt fühlende (und wohl auch zurückgesetzte) Paër Dienst nach Vorschrift und boykottierte Rossini, wo er nur konnte.

Am 16. September 1824, zwei Wochen nach Rossinis Abreise nach Italien, um vor der Über­siedlung nach Paris seine Angelegenheiten zu ordnen, starb Ludwig XVIII. Und wie es bis heute üblich ist in Politik und Geschäft, bestand Charles X. auf einer Neuverhandlung von Rossinis Vertrag. Man einigte sich auf ein jährliches Salär von 20.000 Francs und die Auflage, pro Saison mindestens einen neue Oper zu komponieren. Diese sollte mit 5.000 Francs für einen Einakter und 10.000 Francs für ein mehraktiges Werk entlohnt werden.

IV.
Luigi Balochi wurde 1766 in Vercelli da Agostino geboren. 1786 schloß er das Jus-Studium in Pisa ab, wandte sich allerdings schon bald der Poesie und der Musik zu. Nach der Annexion des Piemont ging Balochi als Librettist und Spielleiter an das Théâtre Italien in Paris. Bekannt ist Balochi heute für seine Libretti (bzw. Umarbeitungen älterer Fassungen) zu Rossinis Opern Il viaggio a Reims, Le Siège de Corinthe (Première im Théâtre de l’Opéra am 9. Oktober 1826) und Moise et Pharaon, ou Le passage de la Mer Rouge (Uraufführung ebenda am 26. März 1827).

Des Librettisten letzte Arbeit war die Übersetzung von Giacomo Meyerbeers Robert Le Diable für das Drury Lane Theater in London. Balochi starb am 26. April 1832 während einer Cholera-Epidemie in Paris. 

»Il viaggio a Reims«: Sonja Šarić (Madama Cortese), Miloš Bulajić (Conte di Libenskof), Ivan Oreščanin (Don Alvaro), Wilfried Zelinka (Don Profondo), Anna Brull (Marchesa Melibea), Dariusz Perczak (Barone di Trombonok) © Oper Graz/Werner Kmetitsch

»Il viaggio a Reims«: Sonja Šarić (Madama Cortese), Miloš Bulajić (Conte di Libenskof), Ivan Oreščanin (Don Alvaro), Wilfried Zelinka (Don Profondo), Anna Brull (Marchesa Melibea), Dariusz Perczak (Barone di Trombonok)

© Oper Graz/Werner Kmetitsch

V.
Rossini begann die Komposition von Il viaggio a Reims vor dem 25. April 1825. Die Produktion der Bühnenbauten und Kostüme begann um den 1. Juni 1825. Die Première fand am 19. Juni 1825 als geschlossene Veranstaltung in Gegenwart von Charles X. statt. Der Gehuldigte soll sich zeitgenössischen Berichten zufolge gelangweilt haben.

Balochi und Rossini konzipierten ihr »dramma giocoso in un atto« für 16 Sänger. Dies war die dreifache Zahl üblicher Produktionen. Die zehn Hauptpartien würden in den neun Nummern eine Demonstration des bel canto der höchsten Art bieten. Höhepunkt war die Nummer 7, das Gran Pezzo Concertato a 14 voci »Ah! a tal colpo inaspettato«. Im Le Courier français vom 27. Juni 1825 war in der Rubrik »Nouvelles des théâtres« von »un prodige de empassion et d‘exécution« zu lesen.

VI.
Die Partitur von Il viaggio a Reims enthält keine Ouverture. An ihrer Stelle wurde bei der Uraufführung jenes Lied von Louis-Luc Loiseau de Persuis, des früheren Direktors der Opéra, aufgeführt, dessen Refrain »Vivre Henri IV« lautet und welches den Status einer Nationalhymne besaß.

Jene gelegentlich im Konzertbetrieb auftauchende Ouverture zu Il viaggio a Reims entstand erst viel später und von fremder Hand. Sie zitiert die Themen der airs de danse aus der Nr. 9, welche Rossini selbst in Le Siège de Corinthe wiederverwertete.

»Il viaggio a Reims«: Tetiana Miyus (Corinna), Pavel Petrov (Cavalier Belfiore), Anna Brull (Marchesa Melibea), Miloš Bulajić (Conte di Libenskof), Peter Kellner (Lord Sidney), Elena Galitskaya (Contessa di Folleville), Wilfried Zelinka (Don Profondo), Sonja Šarić (Madama Cortese), Dariusz Perczak (Barone di Trombonok), Chor und Statisterie der Oper Graz © Oper Graz/Werner Kmetitsch

»Il viaggio a Reims«: Tetiana Miyus (Corinna), Pavel Petrov (Cavalier Belfiore), Anna Brull (Marchesa Melibea), Miloš Bulajić (Conte di Libenskof), Peter Kellner (Lord Sidney), Elena Galitskaya (Contessa di Folleville), Wilfried Zelinka (Don Profondo), Sonja Šarić (Madama Cortese), Dariusz Perczak (Barone di Trombonok), Chor und Statisterie der Oper Graz

© Oper Graz/Werner Kmetitsch

VII.
Luigi Balochi verwandte viel Mühe auf das Libretto. Er verpackte darin neben der Huldigung von Charles X. jede Menge Anspielungen. Diese waren für die Zeitgenossen allerdings leicht zu entschlüsseln.

Corinna, eine römische Dichterin und Improvisationskünstlerin, ist der Hauptfigur aus Anne Louise Germaine de Staëls-Holstein Roman »Corinne, ou l’Italie« nachempfunden. Madame de Staël (1766–1817) war eine offene Gegnerin Napoleon Bonapartes. Geboren in Paris, genoß sie als Frau des schwedischen Botschafters in Frankreich diplomatische Immunität. Selbst nach der 1800 erfolgten Trennung von de Staël-Holstein konnte sich Napoleon nur dazu durchringen, Mme. de Staël zeitweise aus Paris bzw. aus Frankreich zu verbannen. Sie ins Gefängnis werfen zu lassen, wagte er nicht. In Paris unterhielt de Staël zeitweise einen Salon, in welchen die Größen ihrer Zeit ein und aus gingen.

Mit Corinna spielte Balochi nicht nur auf die Hauptfigur von Madame de Staëls Roman an: Die Figur hat einerseits ihre Wurzeln in Corilla Olimpica (mit bürgerlichem Namen Maria Maddalena Morelli Fernandez) und Korinna, einer legendären griechischen Dichterin des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts. Corilla Olimpica (1727–1800) war eine römische Improvisationskünstlerin gewesen, welche mit Papst Pius VI. Erlaubnis 1776 auf dem Kapitol zur poetessa laureate gekrönt wurde. Eine Ehre, welche sie nur mit Petrarca und Bernardino Perfetti teilt. Corillas nächtliche Krönung inmitten religiöser Intrigen wurde satirisch kommentiert, und Luigi Balochi parodierte diesen Umstand im Duett Corinna — Cavalier Belfiore (Nr. 5).

Die Einführung Delias, einer jungen griechischen Waise im Gefolge Corinnas, diente Balochi als Hinweis auf Corinnas griechische Namensvetterin. Delia repräsentiert die Bemühungen der Christen im griechischen Unabhängigkeitskampf gegen die Türken (1821–1829). Wenn Corinna zu Delia singt: »Simbol di pace e gloria la Croce splenderà« (»Als Symbol von Frieden und Ruhm erstrahlt das Kreuz«), dann ist damit das Kreuz der griechisch-orthodoxen Kirche gemeint. Balochi zollt diesem Umstand auch dadurch Tribut, daß Delia sowohl im Gran Pezzo Concertato a 14 voci (Nr. 7) als auch im Finale »Viva il diletto augusto regnator« mitwirkt.

VIII.
Ein weiterer Gast in Madame de Staëls Salon war Charles Maurice de Talleyrand-Périgod. Er, heißt es, sei eine Zeit lang de Staëls Liebhaber gewesen. Gebildet, entwaffnete er seine Gegner mit geistreichen Bonmots. So soll Talleyrand Zar Alexander I. während des Wiener Kongresses auf dessen Vorhaltung, Talleyrand sei ein Wendehals (er war zur Zeit der Herrschaft Napoleons französischer Außenminister gewesen und vertrat nun die Bourbonen), geantwortet haben: »Verrat, Sire, ist nur eine Frage des Datums.«

Balochi verlieh der Partie des Cavalier Belfiore Züge Talleyrands und spielte auf die Beziehung zu Mme. de Staël im Duett »Nel suo divin sembiante« (Nr. 5) an.

IX.
Die Partie der Contessa di Folleville ist eine Anspielung; diesfalls auf Juliette Récamier. Récamier war eine enge Vertraute de Staëls und verlor einen Großteil ihres Vermögens, als Napoleon das Bankhauses von Récamiers älterem Mann bankrottgehen ließ. Diesem Vorfall gab Balochi im Rezitativ und der Arie der Contessa gebührend Raum: In »Ahimè! sta in gran pericolo…« (Nr. 2) zeigt sich diese verzückt über die Rettung eines Hutes, obwohl doch all ihre andere Habe bei einem Kutschenunfall zerstört wurde. Dem — das Haus Habsburg symbolisierenden — Barone di Trombonok obliegt es, die Contessa aus Ihrer Ohnmacht zu erwecken. Für die Zeitgenossen was es ein Leichtes, die Unterstützung Frankreichs durch Österreich sowie die Anspielung auf Récamier zu dechiffrieren.

Den Anweisungen für den Kostümbildner der Uraufführung, Hippolyte Le Comte, folgend, war Don Luigino, der geckenhafte Cousin der Contessa di Folleville, als revolutionärer Incroyable gezeichnet. (Eine Idee, welche das Team um Bernd Mottl für die Grazer Aufführungen aufgriff.)

»Il viaggio a Reims«: Andrea Purtić (Maddalena), Martin Fournier (Don Luigino), Elena Galitskaya (Contessa di Folleville), Martin Simonovski (Don Prudenzio), David McShane (Antonio), Dariusz Perczak (Barone di Trombonok), Peter Kellner (Lord Sidney) © Oper Graz/Werner Kmetitsch

»Il viaggio a Reims«: Andrea Purtić (Maddalena), Martin Fournier (Don Luigino), Elena Galitskaya (Contessa di Folleville), Martin Simonovski (Don Prudenzio), David McShane (Antonio), Dariusz Perczak (Barone di Trombonok), Peter Kellner (Lord Sidney)

© Oper Graz/Werner Kmetitsch

X.
Der Engländer Lord Sydney ist eine Mischung aus dem englischen Viscount Castlereagh und dem melancholischen Oswald, Lord Nelvil. Nevil ist jene literarische Figur aus de Staëls Roman »Corinne«, welche unglücklich in die Hauptperson verliebt ist. Die große Szene Lord Sydneys »Ah! perché, ma non conobbi?« (Nr. 4) ist augenzwinkender Ausdruck dieser Referenz.

XI.
Der Barone die Trombonok war für die damaligen Besucher unschwer als Parodie auf Clemens Wenceslaus Nepomuk Lothar Fürst von Metternich-Winneburg zu Beilstein, den Außenminister Franz I. (II.), zu identifizieren. Metternich ging 1805 als österreichischer Botschafter nach Paris. Von Zeitgenossen als klug, aber eitel, gebildet und persönlich eher den Prinzipien des Ancien Régime denn der Restauration zugetan beschrieben, war Metternich bereits in dieser Position immer um Ausgleich, um »Harmonie«, bemüht. Was lag also näher, als den Barone di Trombonok als musikliebend zu zeichnen? 

XII.
Die Person des Conte di Libenskof ist Zar Alexander I. nachempfunden, der Name eine Verballhornung von »Liebeskopf«. Die Eifersucht des Conte und des Spaniers Don Alvaro um die Gunst der polnischen Marchesa Melibea spielt auf die beim Wiener Kongress 1814/15 beschlossene Teilung Polens und die Niederschlagung der spanischen Unabhängigkeitsbewegung sowie die Wiedereinsetzung der spanischen Linie der Bourbonen an. Rußland hatte ja Anspruch auf ganz Polen erhoben, mußte sich dann jedoch mit zwei Dritteln bescheiden. Beim Veroneser Kongress 1822 beschloß die Heilige Allianz gegen den Rat Englands den Einmarsch französischer Truppen in Spanien.

Das historische Vorbild, Zar Alexander I., soll, glaubt man zeitgenössischen Berichten der Kongresse in Wien und Verona, Duellen durchaus nicht abgeneigt gewesen sein. Kein Wunder also, daß es in Rossinis dramma giocoso in der Nr. 3 »Sì, di matti un gran gabbia« fast zum Duell zwischen dem Conte di Libenskof und Don Alvaro kommt.

»Il viaggio a Reims«: Dariusz Perczak (Barone di Trombonok), Miloš Bulajić (Conte di Libenskof), Ivan Oreščanin (Don Alvaro), Sonja Šarić (Madama Cortese) und Wilfried Zelinka (Don Profondo) © Oper Graz/Werner Kmetitsch

»Il viaggio a Reims«: Dariusz Perczak (Barone di Trombonok), Miloš Bulajić (Conte di Libenskof), Ivan Oreščanin (Don Alvaro), Sonja Šarić (Madama Cortese) und Wilfried Zelinka (Don Profondo)

© Oper Graz/Werner Kmetitsch

XIII.
Für das Finale (Nr. 9) verwendeten Balochi und Rossini nicht nur adaptierte Versionen von »God Save the King« und Joseph Haydns »Kaiserhymne«, sondern adaptierten auch »Charmante Gabrielle«, eine Romanze zu Ehren der Geliebten Henri IV., Gabrielle d‘Estrées. Zu Rossinis Zeit war die Urheberschaft oft dem Begründer der Dynastie der Bourbonen zugeordnet worden. Henri IV. schrieb allerdings in einem mit »21. Mai [1597]« datierten Brief an seine Geliebte: »Diese Verse verraten Dir mehr von meinen Zustand und auf angenehmere Weise, als es Prosa vermochte. Ich diktierte sie, doch arrangierte sie nicht.« (Quellen nennen Jean Bertaut, den Bischof der Diözese Séez, als den Komponisten der vier Couplets.)

In Graz verzichtete Oksana Lyniv richtigerweise auf das Zitat der »Marseillaise« im französischen Lied, welches die Contessa di Folleville und Cavalier Belfiore vortragen (anders als Claudio Abbado auf seiner Einspielung aus Pesaro 1984): Zur Zeit der Bourbonen war das Absingen der »Marseillaise« bei Strafe verboten. Erst nach der Juli-Revolution 1830 wurde »La Marseillaise« wieder zur französischen Nationalhymne erklärt (zum zweiten Mal nach dem 14. Juli 1795). Ebenso war die Tricolore verboten, zierten die königlichen goldenen Lilien den weißen Grund der französischen Flagge.

Rossini adaptiert im Finale übrigens »Vive Henri IV« (siehe Abschnitt V). Er läßt das bekannte Lied zuerst einstimmig vortragen, ehe er es in zwei Variationen für Ensemble und Chor kunstvoll wandelt. Il viaggio a Reims endet denn auch, der musikalischen Tradition folgend, in der Herrscher-Tonart D-Dur.

Il viaggio a Reims ist noch bis 10. Juni 2018 an der Oper Graz zu erleben.

218 ms