Giuseppe Verdi: »Rigoletto«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Selbstverständlich war es keine Première oder Wiederaufnahme, sondern nur die Eröffnungsvorstellung der neuen Saison. Die ersten Rückkehrer aus der Sommerfrische und zahlreiche Touristen aber taten, als wäre es ein erster Abend. Es wurde ein unterdurchschnittlicher Abend. War das vorauszusehen gewesen?

An der Staatsoper löste man im Dezember 2014 eine alte Inszenierung ab. Das ist ein Rezept, von dem man neuerdings hört, es sei ein Allheilmittel und in Feuilleton-Kreisen wohlgelitten. Aber die Bilder der neuen Produktion unterstützen das Stück nicht: Mit Ausnahme der neapolitanischen Mafia weiß niemand etwas mit den Müllsäcken im Erdgeschoß des Palastes zu Mantua anzufangen. Doch werden in Wien immerhin noch die Rezitative gesungen, während man andernorts bereits gesprochene Texte streicht. Als Opernfreund wird man ja bescheiden.

In der Eröffnungsvorstellung der Saison 2015/16 also gaben vier der fünf Sänger der Hauptpartien ihre Rollen-Debuts im Haus am Ring. Aleksandra Kurzak ist als Gilda die beste Zweitbesetzung, welche sich denken läßt. Aber hätte die Staatsoper für ihre Saisoneröffnung, zumal wenn diese via Live Stream in die ganze Welt übertragen wird, nicht eine Erste Sängerin zu verpflichten? Zwar war Frau Kurzaks Bemühen um das in der italienischen Oper des frühen 19. Jahrhunderts obligate legato zu bemerken, allein, der Wille zählt nicht für das Werk. Oftmaliges Distonieren vor allem im oberen Register, eine undeutliche Deklamation und übermäßiger Einsatz der Kopfstimme wurden von einem offensichtlich leicht zu begeisternden Publikum dennoch lautstark akklamiert.

Die — zugegebenermaßen nicht leichte — Partie des Duca di Mantova zeigte die Grenzen des spanischen Tenors Celso Albelo schonungslos auf. Es fällt schwer zu glauben, daß Albelo bei Carlo Bergonzi studierte und 2006 in Busseto sein Debut als Duca gab: Emotion wurde gestern abend durch Lautstärke ersetzt, ein grobschlächtig klingender Duca stand da auf der Bühne. Aber irgendwann wird gewiß ein Dirigent oder Korrepetitor die Zeit finden, Albelo auf die vielen von Verdi notierten Vortragszeichen in dieser Partie hinzuweisen.

Bis auf die Szene MaddalenaDuca ist auch kaum von irgendeiner Interaktion der beteiligten Personen zu berichten. Man stand nebeneinander auf der Bühne, nahm sich hin und wieder in den Arm, und das war’s dann. Wenn Pierre Audi Inszenierungsideen irgendwelcher Art gehabt haben sollte: Gestern war davon nichts zu bemerken. Als Opernfreund verließ man die Vorstellung mit dem Empfinden, daß sich zufällig fünf Sänger zum ersten Mal auf der Bühne der Wiener Staatsoper für Rigoletto getroffen hatten.

Ambrogio Maestri sang und spielte den Narren am Hofe zu Mantua mit einer im Laufe einer 15 Jahre währenden, internationalen Karriere erworbenen Routine und ebenso klingenden Stimme. Daß er sich mehr an Francesco Maria Piaves Anmerkungen in der Partitur denn an die kaum neun Monate alten Inszenierungsideen Pierre Audis hielt, überraschte wohl nur jene, welche die gründliche szenische Einstudierung eines Werkes, wie sie für ein Stagione-Haus oder Festspiele üblich geworden ist, fälschlicherweise auch für eine für ein Repertoire-Theater taugliche Vorgehensweise halten. Wer wollte, konnte sein im fortissimo gesungenes — zu tiefes — as am Ende des zweiten Aktes auch als Meinungsäußerung zur Inszenierung verstehen.

Michele Pertusi und Elena Maximowa sangen den Auftragsmörder Sparafucile und seine Schwester Maddalena. Frau Maximowa vermag im italienischen Fach nicht an ihren Erfolg als Marfa in Mussorgskis Chowanschtschina anzuknüpfen. Gewiß, sie umgarnte Albelo wie schon Piotr Beczała in der Premièren-Serie verführerisch, doch beeinträchtigte ihr gutturales Italienisch — war das Italienisch? — den Gesamteindruck erheblich. Darf man erwarten, daß, wer als Prinzessin Eboli reüssieren will, zuvor die Partie der Maddalena ohne Fehl zu interpretieren weiß?

Michele Pertusi versuchte sein Bestes, als Sparafucile vergessen zu machen, daß dies keine basso buffo-Partie ist, und war damit über weite Strecken erfolgreich. Dürfen sich Wiener Opernfreunde trotzdem wünschen, ihn in seinem ureigenen Fach eingesetzt zu erleben?

Alexandru Moisiuc lieferte als Conte di Monterone die notwendigen Stichworte zum Fortgang der Handlung. Lydia Rathkolb und Clemens Unterreiner als Contessa und Conte di Ceprano unterwarfen sich dem Duca bedingungslos, was ob der Leistungen Albelos denn doch verblüffte. Die Australierin Margaret Plummer (Gewinnerin des 2015 Vienna State Opera Award der Opera Foundation Australia), Andrea Carroll sowie Manuel Walser (letztere seit 1. September Ensemble-Mitglieder der Wiener Staatsoper), Michael Wilder und Carlos Osuna komplettierten jenes Ensemble, welches für eine Rigoletto-Aufführung unerläßlich ist.

Der von Martin Schebesta einstudierte Staatsopernchor klang präzise, wann immer die Einsätze vom Dirigentenpult rechtzeitig kamen, was nicht immer der Fall war. Der Chor der Höflinge feierte sogar den geglückten Auftritt zu Beginn des zweiten Aktes mit Jubel.

Und das Orchester? Evelino Pidò trat nach den Rigoletto-Vorstellungen im Juni, welche er für Myung Whun-Chung übernommen hatte, nun als erste Wahl ans Pult des Staatsopernorchesters. Seine Interpretation unterstützt Maestro Mutis Ansicht, wonach die Kenntnis über die italienische Oper im Aussterben begriffen ist: von federndem Verdi keine Spur. Dafür aber klang es aus dem Orchestergraben oftmals in einer Lautstärke und Grobheit, welche den Meister aus Busseto wohl zu einem seiner berüchtigten Briefe an seinen Verleger oder den Impresario veranlaßt hätten.

Im Publikumsgespräch am 13. Juni 2015 hatte Staatsoperndirektor Dominique Meyer angemerkt, daß er nach all den Widrigkeiten der Rigoletto-Produktion seit ihrer Première hoffe, daß »die schwarze Katze« endlich verschwinde. Nun, die schwarze Katze ist noch da. Aber das war, offen gestanden, vorauszusehen gewesen.

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