Rezensionen Ballett

Peter Iljitsch Tschaikowski: »Schwanensee«

Wiener Staatsballett

Von Ulrike Klein
»Schwanensee«, 1. Akt: Vadim Muntagirov (Prinz Siegfried) und seine Gefährten (Tristan Ridel, Adele Fiocchi, Elena Bottaro und James Stephens) © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

»Schwanensee«, 1. Akt: Vadim Muntagirov (Prinz Siegfried) und seine Gefährten (Tristan Ridel, Adele Fiocchi, Elena Bottaro und James Stephens)

© Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Vadim Muntagirov, leider viel zu selten zu Gast, kehrte uns nach fast zwei Jahren als Prinz Siegfried wieder. Sein Debut im Haus am Ring gab der junge Russe, Principal Dancer des Royal Ballet, im Herbst 2016 als Conrad in Manuel Legris’ Fassung von Le Corsaire. Beeindruckend auch sein Auftritt bei der letzten Nurejew-Gala. Da wurde Sir Frederick Ashtons Marguerite and Armand mit Marianela Nuñez und ihm zu einem der Höhepunkte des Abends.

Die Vorfreude der Ballettfreunde war daher groß. Daß die Schüler der Ballettschule von einem Besuch absahen, muß man eigentlich beklagen. Und gleichzeitig dankbar sein: blieb es so doch angenehm ruhig am Parterre-Stehplatz.

Elegant und mit zartem Spiel fügte sich Muntagirov in die Compagnie ein. Klare Bewegungen, leicht wirkende jetés zeichnen diesen Tänzer aus. Dazu gesellen sich wunderschöne Arme und eine Anmut und Selbstverständlichkeit in der Kopfhaltung, welche eigentlich allen Tänzern der englischen Schule zu eigen ist. Und ja, es gab minimale Unsauberkeiten. Diese wurden aber souverän gemeistert. Und taten Muntagirovs Leistung keinerlei Abbruch, im Gegenteil: Es ist ein Vergnügen, einen Tänzer zu erleben, der nicht wie eine Maschine sein Können abspult, sondern eine Rolle mit Leben erfüllt. 

Wie wunderbar wäre es, wenn ich dies auch von Kiyoka Hashimoto berichten könnte. Nun, sie tanzte die Doppelpartie Odette/Odile noch nicht so oft; aber mehr Differenzierung im Charakter hätte schon sein dürfen… Da war mir der Ausdruck einfach zu leer. Da war keine Verliebtheit, keine Verführung zu spüren. Sauber und akademisch zu tanzen — ist eben nicht alles. Wenn Odile im großen pas de deux aus dem Bühnenhintergrund mit piqués arabesques an die Rampe tritt, dann sollte die Intensität bis auf den Opernring zu spüren sein. (Und nicht an der Bühnenkante enden.) Da fehlten das Feuer und die Leidenschaft.

»Schwanensee«, 3. Akt: Kiyoka Hashimoto (Prinzessin Odette) und Vadim Muntagirov (Prinz Siegfried) © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

»Schwanensee«, 3. Akt: Kiyoka Hashimoto (Prinzessin Odette) und Vadim Muntagirov (Prinz Siegfried)

© Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Seit der zuletzt besuchten Vorstellung in der vergangenen Woche steigerte sich das corps de ballet signifikant. Insgesamt tanzte man viel akkurater; war mit viel mehr Energie bei der Sache. Noch gibt es Luft nach oben; aber die Verbesserung war deutlich zu sehen.

Die Gefährten des Prinzen waren am gestrigen Abend Gefährten — und keine gleichwertigen Partner. Da war noch recht viel Vorsicht im Spiel. Positiv fielen Elena Bottaro und Adele Fiocchi in ihren Soli auf.

Ich überlege seit einiger Zeit, warum ich mit Tristan Ridels Art zu tanzen nicht warm werde. Bisher konnte ich es nicht benennen. Gestern fiel aber besonders auf, daß er in seinem Solo den Hals zu sehr überstreckt. Damit ist es unmöglich, den Blick gerade zu halten. Zudem ver­krampfen sich der Nacken- und der Schulterbereich. Damit wirkt der Bewegungsablauf nicht mehr fließend, sondern viel zu abgehackt; die Energie bleibt im Oberkörper stecken, die Beine und Füße bilden keine gerade Linie mehr in den Sprüngen. Als ob der Körper zweigeteilt sei. Vielleicht fiel dies auch besonders auf, da James Stephens, der zweite Gefährte, über eine sehr elegante Arm- und Kopfhaltung verfügt.

Die folkloristischen Tänze wurden brav exekutiert. Leben verbreitete nur das Solopaar im neapolitanischen Tanz: Fiona McGee und Scott McKenzie.

Umso mehr Leben entwickelte sich gestern im Graben. Unter der Leitung von Paul Connelly klang das Orchester der Wiener Staatsoper nicht mehr ganz so hart wie noch zuletzt. Mit Fedor Rudin, dem zukünftigen vierten Konzertmeister des Hauses am ersten Pult, spielte man sehr engagiert zusammen. Die Partitur des Schwanensee bietet ja durchaus anspruchsvolle Soli für die erste Violine. So kam man gestern unvermutet in den Genuß, diesen jungen Musiker ein wenig kennenzulernen.

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