»A Perfect Day, Elise… No. 12«. Ausschnitt aus der Titelseite des Saisonbuches 2020/21 der Wiener Staatsoper © Wiener Staatsoper GmbH/Foto: Tereza Vlčková

»A Perfect Day, Elise… No. 12«. Ausschnitt aus der Titelseite des Saisonbuches 2020/21 der Wiener Staatsoper

© Wiener Staatsoper GmbH/Foto: Tereza Vlčková

Wiener Staatsoper:
Zur Spielzeit 2020/21

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Ein Alt-Wiener Bonmot besagt: »Die schönste Zeit eines Staatsoperndirektors ist jene von seiner Designierung bis zur Präsentation seiner ersten Spielzeit.«

Bogdan Roščić sah sich allerdings bereits in dieser Zeit mit Plagiatsvorwürfen seine Doktorarbeit betreffend konfrontiert. Als ob Roščić der ihn designierende Thomas Drozda (»Staatsoper 4.0«) abberufen hätte. Als ob nach dem Regierungswechsel die für die Kultur Zuständigen selbst im begründeten Fall sich diese Entscheidung zu treffen getraut hätten.

II.
Nein, nein: Bogdan Roščić, der mit 1. Juli 2020 sein Amt antreten wird und heute den Spielplan für seine erste Saison vorgestellt hat, ist zu intelligent und zu welterfahren, als daß er sich von solchen Dingen aus der Ruhe bringen ließe. Er suchte sich (und fand) Unterstützung im »Kurier«. Bereits am 11. September 2019 ließ er sich in einem Interview1 mit diesem Blatt willig entlocken, daß es in der kommenden Spielzeit zehn Premièren geben werde, darunter »absolute Kernwerke«, einige »der bekanntesten Operntitel der Geschichte«. Daß dasselbe Blatt heute mit einem Interview mit dem neuen Direktor groß aufmacht, kann nur ein ungelernter Österreicher für einen Zufall halten. Die Nebel lichten sich. Die Stellungen werden bezogen.

Bogdan Roščić kündigte schon in besagtem Interview an, er werde »zahlreiche existierende Inszenierungen, die ich für die besten halte, nach Wien bringen. Und es werden Regisseurinnen und Regisseure sein, die leider noch nie an der Staatsoper gearbeitet haben«. Das »Regie-Theater« übernimmt mit dem Beginn seiner Direktionszeit auch an der Wiener Staatsoper das Regiment. (Dem Theater an der Wien schnürt das »Regie-Theater« schon seit Jahren den Atem so ab, daß sich der Geschäftsführer der Vereinigten Bühnen Wien veranlaßt sieht, einen Bettelbrief an seine Kunden zu schicken. Aber das ist eine andere Geschichte…)

Es ist heute nicht mehr wichtig, wer auf der Bühne ist, sondern was auf der Bühne ist.

Ioan Holender in »KulturTalk Spezial« auf servustv.com, 22. April 2020

III.
»Es ist heute nicht mehr wichtig, wer auf der Bühne ist, sondern was auf der Bühne ist«, bemerkte Ioan Holender kürzlich. Und wirklich, keinem der szenisch Verantwortlichen der für Wien neuen Produktionen kann nachgewiesen werden, auf den jeweiligen Partituren gründende, auf Zusätze und Interpretationen verzichtende Arbeiten abgeliefert zu haben. Doch der Beifall des Feuilletons war ihnen sicher, denn in Pre-COVID-19-Zeiten galt als »gut«, was man »so noch nie gesehen hat«. Daß viele dieser Inszenierungen nicht nur im Kernland des »Regie-Theaters« bereits als »olle Kamellen« gelten, wird nur jene stören, die die Oper als musikalische Kunstform, nicht als theatralische begreifen. Auch der Umstand, daß die Programmpräsentation auf ORF III den Spielvögten eine Bühne bietet anstatt der Dirigenten, gibt beredt Auskunft über den Wertekanon und die geplante Verkaufsstrategie der neuen Direktion.

IV.
Leider stimmt Bogdan Roščićs Erzählung von den »zahlreichen existierenden Inszenierungen, die ich für die besten halte«, nicht: Denn die Première von Simon Stones Auffassung von La traviata fand erst am 12. September 2019 an der Opéra Bastille statt, das Interview mit dem »Kurier« bereits am 11. September. Und auf der Website der Opéra national de Paris konnte man schon vor eineinhalb Jahren lesen, daß die Neuproduktion eine Koproduktion mit der Wiener Staatsoper sei.
Es is alles Chimäre, aber die Leut’ unterhalt’s…

V.
Bogdan Roščić hält Hans Neuenfels’ Inszenierung von Mozarts Die Entführung aus dem Serail mit der Verdopplung der Personen in Sänger und Schauspieler »für die beste« existierende. Bogdan Roščić hält Hans Neuenfels’ Inszenierung von Mozarts Die Entführung aus dem Serail mit der Scheidung der Partien in Sänger und Schauspieler »für die beste« existierende? — Wirklich? Stellt sich nur mir die Frage, warum Mozart für sein Singspiel keine zusätzlichen Schauspieler vorsah? Oder geht es Roščić vor allem darum, beim Feuilleton zu punkten?

VI.
Daß Anthony Minghellas Inszenierung der Madama Butterfly, die 2005 an der English National Opera das Licht der Welt erblickte und seit der Saison 2006/07 an der Metropolitan Opera zu sehen war, besser ist als Josef Gielens und Tsugouharu Foujitas Modellinszenierung, darf bezweifelt werden. Zeit also, Bogdan Roščić mit Bogdan Roščić zu konfrontieren: »Das Alter einer Produktion darf kein Kriterium sein.« Der Kommentar eines international anerkannten Kritikers und Opernfachmanns dazu: »Es tut mir sehr leid, daß Wien eine schöne Butterfly-Produktion durch Minghellas seelenlose Kino-Nascherei ersetzt. Vielleicht können gute Sänger sie retten.«

VII.
Für die Saison-Eröffnung, die Première von Madama Butterfly am 7. September 2020, engagierte Bogdan Roščić jedenfalls Asmik Grigorian als Cio-Cio-San, Freddie De Tommaso als Pinkerton und Boris Pinkhasovich als Sharpless. Philippe Jordan, der neue Musikdirektor der Wiener Staatsoper, wird dirigieren. (Weitere Vorstellungen am 10., 13., und 16. September sowie, in leicht geänderter Besetzung, im Jänner 2021. Für März/April 2021 sind Hui He, Roberto Alagna und Joana Mallwitz am Dirigentenpult vorgesehen.)

Tags darauf kehrt Franz-Welser Möst zurück und wird erstmals bei Richard Strauss’ Elektra in der Wiederaufnahme der Inszenierung von Harry Kupfer im Haus am Ring am Pult stehen (mit Doris Soffel, Ricarda Merbeth, Camilla Nylund, Jörg Schneider, Derek Welton), ebenso im Juni 2021, dann mit Michaela Schuster und Ausrine Stundyte.

Für die Partie der Floria Tosca sind durchwegs heute international als »erste Sängerinnen« gehandelte Damen angesetzt: Anna Netrebko, Sonya Yoncheva und Anja Harteros. Und, für den 20. Dezember 2020, Saioa Hernández, eine der interessantesten und technisch besten Sängerinnen unserer Tage.

Jonas Kaufmann wird die französische Fassung von Verdis Don Carlos in der überzeugenden Inszenierung von Peter Konwitschny bei der Nasalität seiner Tongebung sicher zugutekommen. Ebenso wird Plácido Domingo in Simon Boccanegra (9., 12., 15. und 18. September 2020) und Nabucco (11. , 14. und 19. Jänner 2021) für einen erfreulichen Kassenreport sorgen. Es sei. Doch möge, bitte, niemand behaupten, hier gelte es der Kunst.

VIII.
So gelten die zwei wirklichen Neuinszenierungen Hans Werner Henzes Das verratene Meer (13., 15., 18. und 21. Dezember) und Richard Wagners Parsifal. Alle anderen »Premièren« waren schon an anderen Häusern zu sehen, selbst an dem von einer lokalen Opernzeitschrift wiederholt zum »Opernhaus des Jahres« gekürten. (Da kann man halt nix machen.) Für die musikalische Leitung von Henzes Das verratene Meer engagierte Roščić Simone Young, die Inszenierung wurde der »Firma« Sergio Morabito & Jossi Wieler anvertraut. (Die Position des Chefdramaturgen an der Wiener Staatsoper ist offensichtlich kein Ganztags-Job.)

Die Parsifal-Première soll am 1. April 2021 stattfinden, weitere Vorstellungen am 4., 8. und 11. April. Jonas Kaufmann steht für die Titelpartie auf der Besetzungsliste, Elīna Garanča als Kundry, in weiteren Partien Wolfgang Koch (Klingsor), Ludovic Tézier (Amfortas) und Peter Kellner (Titurel). Die über Wohl und Wehe jeder Parsifal-Aufführung entscheidende Partie des Gurnemanz wurde Georg Zeppenfeld anvertraut, Philippe Jordan wird dirigieren. Kirill Serebrennikov, der als Angeklagter Moskau nicht verlassen darf, gibt seinen Namen für Inszenierung, Bühne und Kostüme, die Ausführung werden wohl die »Co-«s Evgeny Kulagin, Olga Pavluk und Tatiana Dolmatovskaya gemeinsam mit dem Hausdramaturg Sergio Morabito besorgen. Das erhöht die Reibungsverluste, erfreut das Feuilleton, setzt ein willkommenes politisches Zeichen — und provoziert die Frage nach der Aufgabe eines Regisseurs bei einer Opernproduktion.

IX.
In der ersten Spielzeit der Direktion von Bogdan Roščić und seinem Musikdirektor Philippe Jordan tauchen viele Sängernamen auf, die man in Wien bisher entweder nur aus anderen Theatern oder den Konzertsälen kannte. Einiges liest sich interessant. Anderes scheint, zumindest nach musikalischen bzw. gesangstechnischen Maßstäben, schwer vorstellbar. Viel zu oft verpflichtete man auch in Wien wieder ungenügend ausgebildete und daher zu »leichte« Stimmen — nicht nur, aber vor allem für das dramatischere Repertoire. Auch gegen so manchen Dirigenten ließen sich ohne langes Überlegen fachliche Argumente finden.

X.
Der Weg scheint vorgezeichnet: Bogdan Roščić vertraut mehr den bekannten Namen des »Regie-Theaters« denn der musikalische Seite der Aufführungen.
Aber: Er ist der Rittmeister.

Anmerkung: In einer frühreren Fassung des Artikels stsnd zu lesen, daß Kirill Serebrennikov unter Hausarrest stünde. Dieser wurde jedoch von einem Moskauer Gericht am 8. April 2019 aufgehoben und in ein Reiseverbot umgewandelt. Ich bitte, den Fehler zu entschuldigen.

  1. »Wiener Staatsoper: Roščić startet mit zehn Premieren und bringt Currentzis«, Tageszeitung »Kurier« vom 12. September 2019.

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