Jules Massenet: »Werther«, 4. Aufzug: Werther (Ludovic Tézier) am Sterbebett © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Jules Massenet: »Werther«, 4. Aufzug: Werther (Ludovic Tézier) am Sterbebett

© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Jules Massenet: »Werther«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

An der Wiener Staatsoper spielt man wieder Werther. Und man scheute, dies sei zur Ehre des Hauses festgestellt, abermahls keine Mühen, eine illustre Sängerschar zu versammeln. Das Ergebnis kann sich sehen — und hören! — lassen.
Eine Empfehlung.

II.
Werther also. Diesmal mit Ludovic Tézier als Werther in der von Massenet selbst erstellten Fassung für Bariton. Zum zweiten Mal nach April 2012: — eine willkommene Abwechslung. Und ein spannendes Unterfangen, gilt es doch, für die Partien Werthers und Alberts zwei Baritone mit unterschiedlichen Stimmfärbungen zu engagieren.

Und es funktioniert. (Die beiden treffen nur im zweiten Akt aufeinander. Und dort auch nicht im Zwiegespräch.) Adrian Eröd gab, wie schon in der Premièren-Serie 2005, den Albert. Liegt das wirklich schon zwölf Jahre zurück? Das kann nicht sein. … Eröds Bariton klingt hell, focussiert, auch metallischer. Ein ausgezeichneter Pinot noir. Téziers dunkel timbrierte Stimme hingegen: ein samtiger, vollmundiger Merlot. Beides beste Jahrgänge. Gedeckte Höhen, ausgezeichnet gesungene Linien, aus stimmlichen Mitteln gestaltete Figuren… Manchmal meint es das Leben gut mit einem.

Dort saß ich, im Dunkel des Saales. Und die Frage drängte sich auf: Warum bloß können nicht alle Abende in dieser sängerischen Qualität dargeboten werden?

III.
Massenets Änderungen betreffen nur die Gesangsstimme. Wo die Tenorfassung in höchste Höhen steigt, darf der Bariton octaviren oder eine Terz nach unten singen. Bisweilen ist das tiefe Register gefordert.

Manche beschreiben diese Fassung als »nicht zufriedenstellend«, als fehlten die Lichter, die Glanzpunkte. … Ludovic Tézier schaffte es vom ersten Moment an, keine Zweifel an seiner Ernsthaftigkeit und der Lebensfähigkeit dieser Fassung aufkommen zu lassen. Weder »Ô Nature« noch »Pourquoi me réveiller« fehlte etwas, im Gegenteil. Letzteres Stück profitierte im besonderen von der dadurch erzielten Einbettung in den dritten Akt, animierte kein Publikum zum (störenden Zwischen-)Applaus. Ermöglichte es den Sängern, die aufgebaute Spannung weiterzutragen.

Noch ein paar solcher Abende, und die Wiener Opernfreunde küren einen neuen Sängerliebling.

Jules Massenet: »Werther«, 2. Aufzug: Albert (Adrian Eröd) und Charlotte (Sophie Koch) als unglücklich verheiratetes Paar © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Jules Massenet: »Werther«, 2. Aufzug: Albert (Adrian Eröd) und Charlotte (Sophie Koch) als unglücklich verheiratetes Paar

© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

IV.
Sophie Koch war darob als Charlotte gefordert. Ihre Stimme präsentierte sich vor allem in den ersten beiden Akten mit sehr metallischem Kern, auch ein wenig verspannt. Geradeso, als erfordere die Umstellung von der Partie der Brangäne noch ein paar Tage Ruhe mehr. (Dabei ward Kochs Stimme aber eng geführt. Erzählend.) Ungewohnt für eine Charlotte: — aber reizvoll. Und in keiner Weise unpassend.

»Werther! Werther… Ces lettres« überzeugte heute abend nicht in jenem Maße, wie wir es schon von Koch hören konnten. Vor allem das tiefe Register entfaltete nicht immer jene betörende Schönheit, welche wir kennen und lieben. Die finale Szene mit Werther allerdings: Musiktheater vom feinsten. Berührend. Ergreifend.

V.
Maria Nazarova stand zum ersten Mal als Sophie auf den Wiener Brettern, die den Opernfreunden die Welt und noch viel mehr bedeuten. Sie schlug sich wacker. Wer hier und da Abstriche bei einigen Linien und dem Stimmvolumen im tiefen Register zu machen gewillt ist, wird von einer guten Leistung berichten. In jedem Fall eine Verbesserung zu ihrer Vorgängerin.

VI.
Die Partie des Le Bailli wandelte sich in den letzten Jahren in Wien zu etwas Besonderem: Bis zuletzt, im November 2015, war es Alfred Šramek (Gott hab’ ihn selig) angelegen, der vielzähligen Kinderschar mit gewitzten Drohungen und Versprechungen Herr zu werden. Alexandru Moisiuc trat da ein schweres Erbe an. Ein wenig mehr Flexibilität in Spiel und Sang wünschte man ihm und uns für die Folgevorstellungen.

VII.
Musikalisch lag der Abend bei Frédéric Chaslin in bewährten Händen, wenngleich nicht alles so reibungslos lief wie gewünscht. Ein paar Mal meldeten sich die Blechbläser des Staatsopernorchesters gar vorwitzig. José-Maria Blumenschein war als Werther-Debutant am Konzertmeisterpult aufgeboten. Die Impulse für den Abend allerdings schienen vom Solo-Cello des Robert Nagy auszugehen. Schöner, warmer Ton hin oder her: — dies nach der dritten Vorstellung von Il trovatore und der Philharmonischen Soirée unter Franz Welser-Möst eine weitere, eigentlich enttäuschende Leistung des vierten Konzertmeisters des Staatsopernorchesters.

VIII.
Von den Sängern her aber: ein wertvoller Abend.

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