»Salome«: Herwig Pecoraro als Herodes und Lise Lindstrom in der Titelpartie © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Salome«: Herwig Pecoraro als Herodes und Lise Lindstrom in der Titelpartie

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Richard Strauss: »Salome«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Im Theater an der Wien gibt man die reduzierte Fassung des Eberhard Kloke, die Staatsoper fährt mit voller Mannschaftsstärke (immerhin 106 Musiker) auf.
Es läßt sich trefflich darüber sinnieren, warum Richard Strauss von einer Bearbeitung seines Werkes abgesehen hat. Zeit genug wäre ja gewesen seit der Uraufführung 1905 in Dresden bis zu seinem Ableben 1949… Aber was soll’s, die Werke sind nun »frei«, die Schutzfrist abgelaufen.

Doch während an der Wien mit Leo Hussain der vorgesehene Dirigent am Pult steht, übernahm am Ring mit Dennis Russell Davies der Einspringer des Einspringers: Man hörte es. (Und mag ihm trotzdem keinen Vorwurf machen. Die Dinge sind nun einmal, wie sie sind.)

II.
Aufmerksame Zuhörer registrierten am Samstag an der Wienzeile stimmliche Überforderung an allen Ecken und Enden. Die Wiener Staatsoper schaffte es jedoch, auch hier als Erste durchs Ziel zu gehen: Gegen Lise Lindstroms Tun klang Marlis Petersen als Salome wie die Wunschbesetzung des Komponisten. Frau Lindstrom war bereits in den piano-Passagen zu Beginn des Abends kaum zu hören. (Und das, obwohl man sich da im Graben um Zurückhaltung bemühte.) Diese Stimme verfügt über keinen Kern, trägt nicht (mehr). Tummelt sich im falschen Stimmfach. (Ein lyrischer Sopran als Salome?) Lautere Passagen, vor allem in der oberen Stimmfamilie, klangen scharf. Auf Linie gesungen war da nichts. Doch wie soll eine so stimmschwache judäische Prinzessin den Propheten verführen?

Frau Lindstrom habe doch aber intensives Spiel geboten, werden mir einige entgegnen. Dieser Tanz der sieben Schleier? Und: Oper sei Musiktheater, da müsse man auch dieses Element berücksichtigen. … Nein und abermals nein. Soll uns diese Kunstform lebendig bleiben, muß die szenische Gestaltung aus der gesanglichen hervorgebracht werden: Spielen mit der Stimme. (Das ist es.)

III.
Michael Volle gab sein Wiener Rollen-Debut als Jochanaan. Auch er enttäuschte. Mit fortgesetztem Einsatz purer Stimmkraft allein, quasi im Dauer-forte, kommt man dieser Partie nicht bei. Ermüdet sich — und das Publikum. (Weil jede dynamische Differenzierung auf der Strecke bleiben muß.) Ein stimmlich uninteressanter Prophet also, mit viel mehr Tönen als Phrasen. Sein stärkster Augenblick: Als Salome, vor ihm knieend, mit ihren erhobenen Händen die seinen suchte.

IV.
Ebenfalls neu für Wien: die Herodias der Waltraud Meier. Das soll genügen. (Man verzeihe mir.)

V.
Auch Herwig Pecoraro hatte als Herodes schon stärkere Leistungen geboten. Diesmal klang alles mit großem Einsatz gesungen, bei wenig Gewinn. Herodes mag ein schwacher Charakter sein. Doch stimmlich so schwach wollte Strauss ihn, bei all seiner Abneigung Tenören gegenüber, gewiß nicht gezeichnet sehen…

»Salome«: Herwig Pecoraro (Herodes) und Waltraud Meier (Herodias) bei ihrem Wiener Rollen-Debut. © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Salome«: Herwig Pecoraro (Herodes) und Waltraud Meier (Herodias) bei ihrem Wiener Rollen-Debut.

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

VI.
Bei den restlichen Comprimarii, samt und sonders langjährige Ensemble-Mitglieder, stand an diesem Abend die Sache ebenfalls nicht zum Besten: zu flach, zu stimmarm die Bässe, zu quäkend die Tenöre, mit unfreiwilliger stimmlicher Komik. Der Page von Ulrike Helzel, der Narraboth des Carlos Osuna agierten rollendeckend, doch hatten auch sie schon bessere Tage gesehen. (Selbst wenn Herr Osuna sich nun nicht mehr durch seinen Brustpanzer hindurch ersticht. Das ist ein Fortschritt. Immerhin.)

VII.
Ob es nicht doch auch mit dem Orchester zu tun hatte? Fedor Rudin hatte, unterstützt von Rainer Honeck, am Konzertmeisterpult des Staatsopernorchesters Platz genommen. Im Solo zu tief, gingen auch sonst kaum Akzente von ihm aus. Dennis Russell Davies vermochte als kurzfristiger Einspringer (Michael Boder fiel verletzungsbedingt aus) ja kaum mehr zu tun, als den Rahmen gemeinsamen Tuns abzustecken. Die Orchesterselbstverwaltung funktionierte immerhin soweit, daß man zugleich zuende kam und manchen piani die gebührende Beachtung geschenkt wurde. Ein Mehr an Differenzierung, an Agogik war man im Graben am ersten Pult nicht zu fordern, als Kollektiv nicht zu bieten gesonnen.

VIII.
Betreffend Salome scheint man derzeit an der Wien besser bedient zu werden. Im Haus am Ring war an diesem Abend, allen Bemühungen zum Trotz, der Wurm drinnen.

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