Rezensionen Oper

Richard Strauss:
»Ariadne auf Naxos«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka
Vorspiel zu »Ariadne auf Naxos«: Sophie Koch (Komponist) und Hila Fahima (Zerbinetta) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Vorspiel zu »Ariadne auf Naxos«: Sophie Koch (Komponist) und Hila Fahima (Zerbinetta)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

I.
Werkstattatmosphäre. Öffentliche Probe mit zahlendem Publikum. Viel Unfertiges. Kein Ruhmesblatt für die Wiener Strauss-Kompetenz. Dies der erste Eindruck.

II.
Peter Matić gab als Bester des Abends einen köstlichen Haushofmeister und dem Publikum erstmals in dieser Produktion und damit in Wiederaufnahme einer langjährigen Wiener Tradition den »sublimen« Gedanken seines gnädigen Herrn. Und in dem »sublim«, da liegt der ganze Unterschied. Es sei ihm gedankt.

III.
Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung legt beredt Zeugnis ab über die Beschränktheit des Könnens im Wollen. (Als ob es dessen nach der Arabella noch eines Beweises bedurft hätte.) Muß sich wirklich erst ein Sänger bei den Besteigungen der Klavier-Carcassen den Knöchel brechen, bis man die Unsinnigkeiten dieser Spielanordnung erkennen und die Konsequenzen ziehen wird? Auch in dieser Produktion sind logische Fehler zuhauf zu konstatieren.

IV.
Der Abend enthielt Längen — gefährliche Längen. Immer wieder entglitt Cornelius Meister das Staatsopernorchester, wurde es laut und lärmend. Keine Spur jener Stringenz und Meisterschaft, die Christian Thielemanns Interpretation im Oktober 2014 auszeichnete. Gestern hatten einige Sänger ihre liebe Not, sich im Stehparterre verständlich zu machen. Nach dem ordentlichen bzw. guten Dirigat der Così fan tutte von Cornelius Meister war der gestrige Abend eine Enttäuschung.

V.
Jochen Schmeckenbecher sang den Musiklehrer mit rauher Stimme, zählte jedoch mit Gun-Brit Barkmin als Ariadne und Sophie Koch als Komponist zu den besten Sängern des Abends. Die Französin blieb vor allem in ihrer Wortdeutlichkeit einiges schuldig. Aber Künstlerinnen ihres Formats singen auch an schwächeren Abenden noch in einer Form, welche andere selten erreichen.

VI.
Andrea Carroll hinterließ bei ihrem Rollen-Debut als Najade den stärksten Eindruck des durch Caroline Wenborne (erstmals als Echo) und Rachel Frenkel (Dryade) komplettierten Nymphen-Trios. Die Damen legten Zeugnis ab davon, daß es auch bei den Nymphen mitunter rustikaler zugeht. Jedenfalls vermißte man jene Delikatesse im Klang, auf welche man nach einem Blick in den Klavierauszug Anspruch zu haben glaubte.

VII.
Die Komödiantentruppe um die ungetreue Zerbinetta wartete mit drei Rollen-Debuts auf: Hila Fahima stand erstmals in der Partie der Zerbinetta auf der Bühne, Manuel Walser als Harlekin und Joseph Dennis als Brighella. Komplettiert wurde die Truppe durch Peter Jelosits (Scaramuccio) und Wolfgang Bankl als Truffaldin. Und mit dieser Aufzählung der Liebhaber will ich es diesmal belassen.

Hila Fahima mag vieles sein — Zerbinetta ist sie keine. Ob sie es je werden wird? »Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen« — in der Kunst nicht! Ich habe keine Wertung des Eifers zu veranstalten, sondern des Ergebnisses. Wortundeutlich schon in den meisten Szenen des Vorspiels, wo doch gerade in der Ariadne auf Naxos der Textverständlichkeit eine große Rolle zukommt, garnierte Hila Fahima die Szene der Zerbinetta mit Problemen bei der Intonation. 

VIII.
Und das »hohe Paar«? Gerhard A. Siegel — auch er stellte sich erstmals dem Wiener Publikum als Bacchus vor — folgte dem Rat des Hals-, Nasen- und Ohren-Spezialisten Dr. Kürsten und ließ nach dem ersten mißglückten alle weiteren Spitzentöne und zu diesen hinführende Phrasen einfach aus. Wiewohl dies im besonderen Fall zulässig sein mag, eine Empfehlung ist es nicht. (Der Künstler verzichtete allerdings auf seinen Solo-Vorhang.)

Gun-Brit Barkmin sang eine gute Ariadne mit kräftiger, Chrysothemis-gestählter Stimme. Daß da das eine oder andere Detail verlorenging, lag in der Natur der Sache. Sobald Frau Barkmin ihre Stimme ins piano zurücknehmen konnte, kehrte deren Fokus wieder. Mit mehr Unterstützung aus dem Graben wäre also eine bessere Leistung im Bereich des Möglichen. Tapfer rutschte die Sopranistin auch auf den Klavierdeckeln herum und vollführte all jene Mätzchen, welche der Schauspieler als Regisseur sich einfallen hatte lassen. Modische Torheiten.

IX.
Selbstverständlich kann man den Repertoire-Charakter der gestrigen Aufführung herausstreichen und sich damit bescheiden. Aber man muß nicht. Daher, alles in allem: Durchschnittlichkeit einer Aufführung mit mehr Mängeln als Fehlern.

125 ms