Feuilleton

Opernball 2020: Le Roi danse

Von Thomas Prochazka
Opernball 2020: Das Wiener Staatsballett mit seinem Direktor Manuel Legris bei der Apotheose nach dem Walzer »Abendblätter« von Jacques Offenbach Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Opernball 2020: Das Wiener Staatsballett mit seinem Direktor Manuel Legris bei der Apotheose nach dem Walzer »Abendblätter« von Jacques Offenbach

Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

I.
Der Opernball 2020 markierte das Ende der Direktionszeit Dominique Meyers; selbst wenn er dem Haus vertraglich noch bis zum Ende der Spielzeit zu 50 % zur Verfügung stehen wird. Außerdem gab er den Blick frei auf manches, das besser im Dunkel geblieben wäre.

II.
Da wäre zum ersten die nicht wirklich engagierte Übertragung des ORF: Teresa Vogl beispielsweise, die Eno Peci das Mikrophon wegzog, ehe der Choreograph der Darbietung des Staatsballetts ausgesprochen hatte. Oder Mirjam Weichselbraun, die von all den Prominenten auf der Feststiege nur Birgit Sarata für erwähnenswert hielt. Oder Christoph Wagner-Trenkwitz, dessen Bemerkungen über ein homosexuelles Tanzpaar mehr über ihn verrieten als unsere Gesellschaft.
Egal — es war.

III.
Da wäre, zum zweiten, die Begrüßung der Fernsehzuschauer durch die Ballorganisatorin Maria Großbauer und den Hausherrn: Dominique Meyer lobte — Diplomat, der er ist — seine Mitarbeiter für ihren unermüdlichen Einsatz bei der Verwandlung des Opernhauses für den Ball. Für die neben ihm stehende Großbauer fand er kein Wort, keinen Blick. (Knapp eine Stunde später wird Dominique Meyer seinen Ballettdirektor nach der Darbietung des Wiener Staatsballetts herzlich umarmen.)

Wer weiß, wie offenherzig, manchmal auch jovial Meyer mit Angestellten umgeht, mit Stammgästen plaudert, konnte gar nicht anders als annehmen, daß es mit dem Einvernehmen zwischen Maria Großbauer und ihm nicht zum besten steht. Ob es (denn freilich, jeder wird es abstreiten) nicht doch den »Deal« mit dem Ex-Vorstand der Wiener Philharmoniker gegeben hatte: »Ball-Mutti« gegen Unterstützung für die Vertragsverlängerung? Wenn, dann erfüllte nur Meyer seinen Teil der Abmachung. Der damalige Vorstand der Wiener Philharmoniker, Andreas Großbauer, hatte sich ja im Dezember 2016 verärgert gezeigt darüber, daß die Entscheidungsträger bei der Designierung des neuen Staatsoperndirektors keine Gespräche mit dem Orchester geführt hatten. Da war Großbauers Vorgänger eben doch ein anderer Kratki-Baschik…

IV.
Da wäre, zum dritten, die Musikauswahl für das Ballmotto »Königin der Nacht«: Während »E lucevan le stelle«, gesungen von Piotr Beczała, noch durchaus der Nacht zuzuordnen ist, wird man bei »Sempre libera«, dargeboten von Aida Garifullina, selbst mit zwei Händen und einer Taschenlampe vergeblich danach suchen. (Ein Schelm, der Böses dabei dachte, daß keine der beiden Arien der »sternflammenden Königin« erklang.) Ähnlich verhielt es sich mit dem Walzer-Duett »Tanzen möcht’ ich«; ordentlich exequirt vom Staatsopernorchester unter der gestischen Begleitung des Einspringers James Conlon. Den Opernfreunden wurde es Gewißheit: Daß viele Werke der oft verhöhnten »Silbernen Operette« von größerer musikalische Qualität sind als die Kopfgeburten zeitgenössischer Tonsetzer, verstreute Feigenblätter für Politik und Feuilleton in unseren Opernspielplänen.

Opernball 2020: Die Erste Solotänzerin Olga Esina und der Direktor des Wiener Staatsballetts, Manuel Legris Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Opernball 2020: Die Erste Solotänzerin Olga Esina und der Direktor des Wiener Staatsballetts, Manuel Legris

Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

V.
Le Roi danse. Eno Pecis Choreographie zu Jacques Offenbachs Walzer »Abendblätter« ließ wenig Zweifel, wie das Wiener Staatsballett zu Manuel Legris steht. Gleich zu Beginn präsentierte Peci »den Chef«. Allein auf der Fläche, schlüpfte dieser in einen auf einer Schneiderpuppe drapierten Frack, ehe er einen kurzen pas de deux mit Nina Poláková tanzte. Später ließ Peci Legris die Ersten Solistinnen präsentieren: Olga Esina, Nikisha Fogo, Natascha Mair, Ketevan Papava, Nina Poláková und Maria Yakovleva. Eine schöne Geste. Auch die Solisten, die Halbsolisten und die Mitglieder der Ballettakademie glänzten, immer wieder von Legris angeführt.

Das Finale schließlich: Die Wiener Tänzer nahmen jenen Mann in ihre Mitte, der nach acht Jahren Pause noch einmal beim Opernball die Fläche betrat. Der ihre Compagnie im letzten Jahrzehnt zu einem ungeahnten, international vielbeachteten Höhenflug geführt hatte.

Le Roi danse.

VI.
Jack Welch, über lange Jahre erfolgreicher CEO von General Electric, unterschied seine Mitarbeiter in Stars, die vitale Mitte und die Überforderten. Zu seinen Manager-Kollegen sagte er immer: »Einen Star zu verlieren ist eine Sünde.« — Daß der designierte Direktor mit Manuel Legris nicht handelseins werden konnte; daß der Wiener Ballettdirektor fortan (man gebe sich keiner Täuschung hin!) das Ballett des Teatro alla Scala zum Erfolg führen, während das Wiener Staatsballett in die Bedeutungslosigkeit zurücksinken wird: Es wird eine der ersten großen Fehlentscheidungen von Bogdan Roščić gewesen sein.

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