Feuilleton

Bayreuther Alpenträume.

Von Thomas Prochazka

Dramolett in einem Aufzug.

Bayreuth, Festspielhaus. Vor dem dritten Akt der Première der romantischen Oper »Lohengrin« von Richard Wagner in der älplerischen Wirtshaus-Inszenierung des gefeierten Regiekünstlers Andreas Homoki. Eine Koproduktion der Bayreuther Festspiele mit der Oper Zürich und der Wiener Staats­oper. Die Pause dauerte ungewöhnlich lange. — Nachdem es im Auditorium dunkel wurde, erhellt ein Lichtkegel die Bühnenmitte. Der Vorhang teilt sich. Hervor tritt die kraft Abkommenschaft mit allen für die Leitung der Festspiele notwendigen Fähigkeiten ausgestattete Intendantin.

Intendantin (räuspert sich):
Meine Damen und Herren, Roberto Alagna, der Lohengrin des heu­tigen Abends, wurde gegen Ende des zweiten Aktes von einer plötzlichen Text­indis­position befallen. Er kann daher die Vorstellung leider nicht zu Ende singen…
Das kundige Publikum (schreit, es geht wild durcheinander):
Pfui! Buh! — Aufhören! — Bist deppert? Sicher net, i hab’ a für’n dritten Akt zahlt! — Eine Frechheit! …
Stimme aus dem kundigen Publikum (von der Galerie):
Bravooo! — Endlich! — Das war ja ohnehin nicht zum Anhören! …
Stimme aus dem kundigen Publikum (vom Balkon):
Warum erst jetzt?
Besucher in der Mittelloge, erste Reihe Mitte (mit breitem Wiener Akzent):
A Ruah is jetzt’n! Haltet’s die Gosch’n da oben auf die billigen Plätz’! Mir woll’n die Oper hör’n!
Stimme von der Galerie (mit Berliner Akzent):
Ach, sind Se doch still! Se sitzen da oof Sponsor­karten! Wir haben unsere Plätze selbst bezahlt!
Distinguierte Besucher aus St. Petersburg (in der Mittelloge links, ihre vollen Champagner-Gläser stehen weithin sichtbar auf der Brüstung). — Er (auf Russisch):
Was chat die Frau chesacht?
Distinguierte Besucher aus St. Petersburg. — Sie:
Daß der Tenor nicht weiter­singen chann…
Distinguierte Besucher aus St. Petersburg. — Er (springt auf, das Champagner-Glas fällt von der Brüstung. Er applaudiert begeistert. Lautstark):
Bravo!
Die Intendantin (nach einer Pause):
Glücklicherweise hat sich … (der Name des Einspringers geht im Tumult unter), bereiterklärt, die Partie kurzfristig zu übernehmen und die Vor­stel­lung zu retten. Er sang die Gralserzählung bereits im Jänner 2013 im Wiener Musikverein…
Das kundige Publikum (unterbricht sie, pfeift, applaudiert lautstark):
Bravo! — Tolle Idee! — Na bitte, geht doch!
Stimme aus dem kundigen Publikum (von der Galerie, nachdem sich der Trubel gelegt hat. In die Stille des Hauses, fassungslos):
Na servus!
(Vorhang.)
 

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