Haupteingang des Musikverein in Wien, Blick Richtung Osten ins Gegenlicht Foto: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Musikverein_Portal_110606.jpg">Clemens Pfeiffer</a> &middot; <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/at/deed.en">CC 2.0</a>

Haupteingang des Musikverein in Wien, Blick Richtung Osten ins Gegenlicht

Foto: Clemens Pfeiffer · CC 2.0

Aufg’sperrt is (I)

Von Thomas Prochazka

Bis vor wenigen Monaten hätte man von einem Totalausfall berichtet. Heute jubeln das Feuilleton und Mitglieder diverser Internet-Foren über Konzerte und Arienabende in den größten Sälen vor maximal 100 Besuchern: — in Österreich. In Deutschland ist SARS-CoV-2 anders gefährlich, da gelten abweichende Regeln; je nach Bundesland. Ein bisserl Föderalismus muß schließlich sein, gelt ja?

II.
Nach der COVID-19-Pandemie scheint alles anders: Wo davor die »Tangente«, die Auslastung, die Mutter aller Zahlen war, geht es jetzt um »Signale«, um den »Aufbruch«. Nur: wohin bloß?

Geld und finanzielle Verantwortung — auch der Gesellschaft gegenüber — scheinen keine Rolle zu spielen, nicht nur bei der »Kultur«. (Was nicht weiter verwundert, werden die Defizite ja nicht aus den Privatschatullen der Intendanten beglichen. Der kleine, aber feine Unterschied zwischen einem Intendanten und einem Impresario.)

Ob das in der Wienerstadt auch damit zusammenhängt, daß sich hier zwei Intendanten noch einmal im spätabendlichen Sonnenschein ihrer Regentschaften glänzen sehen wollen? Der eine meint sogar, man solle nicht so kleinlich sein und für seine letzte Veranstaltung geltendes Recht brechen. Und 250 anstelle der erlaubten 100 Besucher »einladen« — für 100 EUR pro Karte, wohlgemerkt.

Eine gute Freundin und gescheite Frau schrieb mir, ihr seien »diese sinnlosen Versuche zuwider, um jeden Preis irgendwelche ›Kultur‹ zu produzieren, die nur die brauchen, die sie machen, und viel weniger die, denen sie angeboten wird«. Hat sie recht?

III.
Das Publikum strömt jedenfalls, die Veranstaltungen sind — Kunststück, bei maximal 100 erlaubten Besuchern! — binnen Stunden »ausverkauft«. Es ist fast so wie vor 40 Jahren, als alle, die keine Karten für Kleiber, Karajan oder Bernstein, Pavarotti, Domingo oder Carreras ergattern konnten, auf die Glücklicheren ein wenig neidisch waren.

Ja. Ja, es ist ein Glück, nach drei Monaten der Stille wieder ein Orchester live zu hören. Ja, es ist eine seltene Gelegenheit, zu erleben, wie sich die Akustik des Goldenen Saals mit einem Publikum von nur 99 Gleichgesinnten anhört. Und abermals ja, es ist faszinierend, welch unterschiedliche Bedrohung vom SARS-CoV-2-Virus auf die verschiedenen Orchester auszugehen scheint. (Das sollte unbedingt Gegenstand einer Studie werden. Aber bitte interdisziplinär, sodaß auch die Statistiker und Mathematiker eine Chance zur Mitarbeit bekommen. Denn ohne — ohnehin falsche — Modellberechnungen lassen sich keine präzisen Voraussagen und Vorlagen für die Politik treffen, gelt?)

IV.
Wo also die Wiener Philharmoniker am Freitag zu zweit am Pult saßen und das in den Cercle hinein erweiterte Podium frei blieb, spielten die Wiener Symphoniker unter Philippe Jordan gestern jeder an einem eigenen Pult. Die Herren im Frack, die Damen abendlich schwarz gekleidet. Zweimal: einmal um 17 und dann noch einmal um 20 Uhr. Liebe Symphoniker, Ihr hättet auch in Jeans, Shorts oder bunten Röcken, in T-Shirts oder Kapuzenpullovern kommen können. Es wäre mir eins gewesen. Was zählt ein Frack gegen das Glück, Euch wieder Musik machen, Euch Beethoven spielen zu hören?

»Es ist schön, wieder hier zu sein«, sagte Philippe Jordan, bevor er den Taktstock zur Leonoren-Ouverture Nr. 3 hob. Wie wahr. Wenn das erste fortissimo im Orchester aufrauscht; wenn sich die Klangkaskaden im Finale aufbauen, der Schlußakkord für gefühlte Sekunden in dieser Kathedrale der Musik verhallt… Es gibt ein Glück.

Noch besser gelang die »Eroica«, in den letzten Jahren öfter gemeinsam gespielt und auch für CD aufgenommen. Da schien die während der Ouverture noch spürbare Nervosität verflogen. Wie auch die Zeit verflog beim Zuhören, beim Zuschauen.

Maestro Jordan pflegt einen interessanten Dirigierstil: Fast wirkte er niedergeschlagen im Trauermarsch. Doch jeder weiche, harmonische Einsatz, jede gelungene Phrase zauberte ihm ein Lächeln ins Antlitz. Kein Konzert, sonder gemeinsames Musizieren. Und immer wieder der Nachhall dieses Saales, der, fast unbesetzt, interferierend in die nächste Phrase hinein klang.

Ich hätte ohne weiteres noch die erste Symphonie als Zugabe vertragen. Oder die achte.

V.
Wunderbar auch: Als zum ersten Mal das Hauptthema im ersten Satz der »Eroica« erklang, blinzelte die Sonne durch die Stirnfenster des Goldenen Saals. Ganz so, als sei sie überrascht, auf ihrem täglichen Weg hier wieder Musik zu hören. Es schien ihr zu gefallen. Sie beschloß, ein wenig zu verweilen.

Und plötzlich wußte ich: Alles wird gut.

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