Rezensionen Oper

Charles François Gounod: »Faust«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka
»Faust«, 3. Akt: Mandy Fredrich (Marguerite) bei ihrem Haus-Debut mit Jean-François Borras als Faust © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Faust«, 3. Akt: Mandy Fredrich (Marguerite) bei ihrem Haus-Debut mit Jean-François Borras als Faust

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

I.
Man spielt Faust an der Wiener Staatsoper. Oder Marguerite (der Haus-Debutantin wegen)? Oder doch Méphistophélès? Jedenfalls spielt man »nach einer Regie«. Diesmal von Nicolas Noël und Stephan Roche. (Geschuldet auch den widrigen Umständen vor der Première. Man erinnere sich.)
Es ward ein langer Abend.

II.
Mandy Fredrich wurde in letzter Minute als Einspringer für Anita Hartig präsentiert, welche Sonja Yoncheva ersetzt hatte. Die ihrerseits für die Neuproduktion der Tosca an der Metropolitan Opera freigegeben worden war (anstelle von Kristine Opolais).

Fredrich hatte die Marguerite bereits im Herbst 2016 an ihrem Stammhaus in Stuttgart gesungen. Im Sommer 2012 war die Deutsche die Königin der Nacht in der von Nikolaus Harnoncourt geleiteten Produktion der Zauberflöte bei den Salzburger Festspielen gewesen.

Fredrich hinterließ bei ihrem Debut als Marguerite im Haus am Ring einen durchaus günstigen Eindruck. Sie verfiel auch nicht in den Fehler, sich zum Forcieren verleiten zu lassen. Wenn Frédéric Chaslin am Pult des Staatsopernorchesters zu laut war: — nun, so sollte es denn sein. Eine weise Entscheidung.

»Ah! je ris« gelang, wenngleich zurückhaltend. Man suchte Zuflucht im technischen Rüstzeug, welches man sich durch die Jahre erworben hatte. … Bürde einer ersten Nacht.

Fredrich ließ eine junge Sopranstimme hören — mit all jene Unfertigkeiten und technischen Mängeln, welche ein Publikum (und die Intendanten) heute hinzunehmen gesonnen sind: eine in der Mittellage gut sitzende, tragfähige, fokussierte Stimme, die im tiefen Register immer wieder an Volumen verliert. Und mit für diesen Zeitpunkt in der Carrière der Deutschen bereits zu vibratoreichen, zumeist ungedeckten Spitzentönen. Fredrichs Material mag für mittelfristige Erfolge in mittleren und für kurzfristige an ersten Häusern ausreichen; — für eine Jahrzehnte währen sollende Carrière bedarf es mehr.

III.
Jean-François Borras kehrte uns wieder in der Titelpartie. Tragisch allerdings, wenn der erste Akt, der alte Faust, vom ganzen Abend am besten gelingt… Warum Marguerite sich zu diesem, von Méphistophélès verjüngten Faust hingezogen fühlen soll — gestern abend blieb’s ein Geheimnis. Auch »Salut! demeure chaste et pure« war von mehr Zurückhaltung geprägt, als der Arie guttat.

Lag es an der phasenweise in Larmoyanz abdriftenden Gestaltung Frédéric Chaslins? Borras jedenfalls präsentierte sich gestern nicht in jener Form, in welcher ihn das Wiener Publikum in Erinnerung hatte, nicht so mitreißend wie als Werther. Flüchtete sich mehrfach ins Falsett, wo der Opernfreund voix mixte erwarten durfte.

IV.
Der Valentin von Markus Eiche glänzte mit großem, an Wagners Gunther geschulten Ton. Den lyrischen Aspekten seiner Partie schenkte Eiche gestern nicht jene ihr zukommende Aufmerksamkeit. Mehr Soldat denn Bruder… Das klang dann doch hin und wieder grob. Jongmin Park unterstützte unauffällig als Wagner.

»Von Siébels Lied, der in Margarethens Garten Blumen pflückt, ist mir weder die Form noch die Weise im Gedächtnis geblieben.« Besser als mit Hector Berlioz’ anläßlich der Uraufführung 1859 getanenen Äußerung läßt sich Rachel Frenkels Leistung nicht zusammenfassen. Und die Marthe (Schwertlein) der Bongiwe Nakani klang so, daß ich für Méphistophélès’ leidende Grimassen während der Promenade vollstes Verständnis aufbrachte.

»Faust«, 1. Akt: Erwin Schrott in der Partie des Méphistophélès © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Faust«, 1. Akt: Erwin Schrott in der Partie des Méphistophélès

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

V.
MéphistophélèsErwin Schrott — war Méphistophélès. Wiewohl mit gesanglichen Defiziten (vor allem im vierten Akt, da klappte nicht alles), hinterließ der gebürtige Uruguayo den besten Eindruck. Wann immer Schrott auf der Bühne stand, gleichgültig ob singend oder auf der Bank vor Marguerites Haus Platz nehmend: Die Bretter waren seine, die Kollegen zu Statisten degradiert. Blicke, Gesten… ein Singschauspieler.

Schrotts Stimme liebt das forte mehr als das piano. Kernig, kraftvoll. Jedoch ohne jenen Schmelz, ohne jenes legato, das die Großen unter den Sängern adelt. Die Vornehmheit des fünften Erzengels — sucht man in Schrotts stimmlicher Gestaltung vergeblich. Den Kecken, Vor­witzigen, buchstäblich über Leichen Gehenden: Er gibt ihn im Übermaß.

VI.
Frédéric Chaslin am Pult des Staatsopernorchesters bot eine uneinheitliche Leistung. Einerseits wählte er langsame Tempi, welche vor allem den ersten und den dritten Akt lang werden ließen, andererseits trieb Chaslin Staatsopernchor und Orchester zu irrwitzigen, gehetzten Tempi: so etwa im Walzer »Ainsi que la brise légère« im Finale des zweiten Aktes. Dabei hatte Gounod in der Partitur Tempo di Valse (nach Nikolaus Harnoncourt vergleichbar einem Allegretto) notiert…

Die innere Tempo-Dramaturgie des Werkes: Gestern stimmte sie nicht.
Im gesamten also: ein zu langer Abend, um zu gefallen.

In einer früheren Version des Berichtes stand zu lesen, daß Sonya Yoncheva in der Tosca an der Metropolitan Opera Anna Netrebko ersetzt hätte. Anna Netrebko war von Anbeginn an nur für die Vorstellungen ab Ende April 2018 vorgesehen. Und Markus Eiche sang Wagners Gunther, nicht Strauss’ Guntram.

172 ms