»La Bohème«, 2. Akt: Marita Sølberg (Mimì) und Piero Pretti (Rodolfo) im Café Momus © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»La Bohème«, 2. Akt: Marita Sølberg (Mimì) und Piero Pretti (Rodolfo) im Café Momus

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Giacomo Puccini: »La Bohème«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Pariser Clichés.
Mit Clichés ist das so eine Sache: Meistens weiß man nicht, woher sie stammen. Aber hin und wieder lassen sich einige verifizieren — wie zum Beispiel gestern abend in der Wiener Staatsoper.

II.
Cliché No. 1: »Paris ist eine laute Stadt.« — Marco Armiliato arbeitete am Pult des Staatsopernorchesters dreieinhalb Akte lang erfolgreich an dessen Bestätigung, erst ab dem letzten Auftritt Mimìs hatte er ein Einsehen mit seinen Sängern. Bis dahin gab's viel Impressionismus zu bestaunen — aber leider in einigen Szenen nur (Ton-)Gemälde jener Art, welche man an der Ständen am Seine-Ufer oder auf der Place du Tertre um ein paar Euro erwerben kann. 

III.
Cliché No. 2: »Ganz Paris träumt von der Liebe.« — Piero Pretti als Rodolfo und Marita Sølberg als Mimì ließen nichts davon erahnen. Er, der 2006 als Rodolfo debutierte, war gestern abend vor allem damit beschäftigt, sich gegen die von Marco Armiliato aufgetürmten Klangwogen durchzusetzen, was mit Stentortönen seinen Eindruck auf das stark touristisch durchsetzte Publikum nicht verfehlte. Für lyrische Gestaltung, legato gesungene Phrasen oder animiertes Spiel mit seiner Mimì reichte es kaum, sieht man von einigen Ansätzen im vierten Akt ab. Marita Sølberg bemühte sich zwar um eine lyrische Tongebung und legato, ging aber schon bald in den Orchesterwogen unter. Eine Mimì im Haus am Ring sollte anders klingen, will man nicht nur jene, für welche ein Staatsopernbesuch Teil des Wien-Besichtigungsprogrammes ist, zufriedenstellen. Und vielleicht könnte sie das auch ohne die akustische Schneedecke, welche Marco Armiliato generös über dem winterlichen Paris Franco Zeffirellis ausbreitete.

IV.
Cliché No. 3: »Paris: a movable feast.« — Madamigella Musetta kam, sah — und outrierte. Aida Garifullina weiß, wie man mit dem Publikum und sich als Musetta in den Mittelpunkt spielt, nicht nur, wenn sie überflüssigerweise ihr schlankes Bein bis an die Hüfte zeigt. Leider vermag das jene, für die Oper ebenso wie für Thomas Hampson »a musical art form« ist, nicht darüber hinwegzutäuschen, daß die Stimme im unteren Register kaum trägt und in der Höhe bereits ungesund scharf klingt, mögen da in der Mittellage auch Anstrengungen, legato zu singen, unternommen werden. Auch Musettas Gebet gebrach jener lyrischen Linie, die, soll es uns rühren, Voraussetzung ist. So blieb allein die »strega« — doch sollte die nicht erst ab 19. November auf der Staatsopernbühne ihr Unwesen treiben?

V.
Cliché No. 4: »Die Pariser pflegen das  ›L’art de vivre‹ .« — Gabriel Bermúdez beherrscht es in der Gestalt des Malers Marcello, auch was die Tongebung betrifft, wie schon als Mercutio in Romeo et Juliette bei seinem Debut an der Staatsoper. Er scheint auf dem besten Weg, damals gemachte Vorhersagen zu erfüllen: Da klang vieles so rauh und ungeschliffen, daß man sich wunderte, warum Musetta ihn dem rollendeckenden Alcindoro von Markus Pelz vorzog. Man mag Gabriel Bermúdez zugutehalten, daß er auch in dieser Vorstellung für Alessio Arduini einsprang, aber mit verläßlicher Technik müßte selbst bei unvorhergesehenen Einsätzen mehr möglich sein. Selbst der Ensemble-Neuzugang Manual Walser als Schaunard klang, seine Schweizer Herkunft im Spiel nicht verleugnend, stimmlich gesunder als der Malerkollege. 

Ähnliches bewies Jongmin Park als Colline, der sich wegen einer Erkältung ansagen ließ und trotzdem mit seiner Mantel-Arie Zeugnis davon gab, daß sein Erfolg beim Wettbewerb »BBC Cardiff Singer of the World« keine Eintagsfliege war.

VI.
Gestern wurde an der Wiener Staatsoper industriell gefertigtes Speiseeis serviert, obwohl die Kartenpreise Köstlichkeiten der Maison Berthillon erwarten ließen. Das Dumme daran ist, daß, wer einmal die Erzeugnisse dieses auf der Île Saint-Louis beheimateten Künstlers genossen hat, kaum mehr an anderem Eis essen Gefallen findet.
Und das ist jetzt kein Cliché.

317 ms