Rezensionen Ballett

Edvard Grieg: »Peer Gynt«

Wiener Staatsballett

Von Ulrike Klein
»Peer Gynt«, 1. Akt: Peer Gynt (Denys Cherevychko), Klein Helga (Isabella Lucia Severi) und das corps de ballet © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

»Peer Gynt«, 1. Akt: Peer Gynt (Denys Cherevychko), Klein Helga (Isabella Lucia Severi) und das corps de ballet

© Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Eine Wiederbegegnung nach fast einem Jahr.

Im Jänner 2018 feierte das Wiener Staatsballett die Première von Edward Clugs Ballet Peer Gynt zur Musik Edvard Griegs.

Wie schon zu Jahresbeginn beschenkte uns auch jetzt das Orchester unter der Leitung von Simon Hewett mit Rainer Honeck am Konzertmeisterpult sowie Shino Takizawa am Klavier mit einer wunderbaren Wiedergabe von Griegs Melodien. Allein diese lohnten einen Besuch. (Wie schön wäre es doch, das Griegsche Klavierkonzert einmal wieder im Konzertsaal zu hören.)
Aber es war ein Ballettabend. Und kein Konzertprogramm.

Einige Partien wurden noch von der Premièren-Tänzern getanzt, andere warteten mit einer Al­ter­nativbesetzung auf: So war am gestrigen Abend Zsolt Török wieder ein sehr dominanter HirschFranziska Wallner-Hollinek eine mehr als ergreifende Mutter Åse. Ioanna Avraam und Igor Milos tanzten das Brautpaar, und Isabella Lucia Severi war wiederum Solveigs Schwester Klein Helga. Der Arzt Begriffenfeldt des András Lukács hat an Bedrohlichkeit gewonnen. 

Und nun die für mich neue Besetzungen, beginnend mit den kleineren Partien: Céline Janou Weder gab die verführerische Beduinentochter Anitra. Ihre »Vorgängerin« Nikisha Fogo wurde in dieser Serie mit der herausfordernden Rolle der Frau in Grün betraut. Und: Sie war hervor­ragend. Nun ist die Idee der zweigesichtigen Frau schon großartig, aber das alleine reicht nicht. Die Interpretation der jungen Solotänzerin war voller Leben. Da war wirklich Verführung im Spiel. Aber auch so etwas wie Innigkeit schwang mit. 

Ebenfalls neu: Eno Peci als Tod und Alexis Forabosco als Aslak. Daß Eno Peci ein ausgezeichneter Charakterdarsteller ist, ist hinlänglich bekannt. Aber das, was er gestern leistete, muß extra her­vorgehoben werden. Nach der grotesk-skurrilen Interpretation Andrey Kaydanovskiys war das nicht leicht. Peci gelang es, einen Tod auf die Bühne zu bringen, der ebenfalls skurril und vor allem intensiv ist, ohne seinen Vorgänger zu kopieren. Da gab es Momente, da blieb einem fast das Herz stehen… Das erste Mal, als er das Bett mit der toten Mutter über das Rund schob. Und dann, als er scheiterte, Peer in den Sarg zu locken.

»Peer Gynt«, 2. Akt: Solveig (Nina Poláková) und Peer Gynt (Denys Cherevychko) © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

»Peer Gynt«, 2. Akt: Solveig (Nina Poláková) und Peer Gynt (Denys Cherevychko)

© Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Womit wir zum Höhepunkt des Abend kommen: Nina Poláková als Solveig und Denys Cherevychko als Peer Gynt.

Mit dieser Besetzung gewann der Abend an Substanz. Da waren zwei erste Solisten aufgeboten, welche, mit Jahren an Erfahrung, ein Seelendrama nicht nur tanzten, sondern erlebten. Und das Publikum daran teilhaben ließen. Nun lebte auch der zweite Akt: Die im Jänner empfundenen Längen — gab es nicht mehr.

Bereits der junge Peer Gynt ist hier nicht nur der Bruder Leichtfuß, der sich durch das Leben schwindelt, sondern durchaus ernsthafterer Natur. Auch seine Solveig ist ernster, in sich ge­kehr­ter, vielleicht sogar weise zu nennen. (Als ob sie von Beginn an ahnte, wie alles enden würde.)

Daß die beiden hervorragende Solisten sind und auch gut miteinander harmonieren, macht das Ganze sicher von der technischen Seite her einfacher. Aus psychologischer Sicht war das gestern Hochleistungssport. Atemlos sah man zu, wie Peers Alterungsprozess voranschritt. Der pas de deux auf der Schwelle im zweiten Akt und das Erinnern an das erste Treffen waren an Trau­rigkeit und Einsamkeit nicht zu überbieten.

Im Jänner hatte ich noch Zweifel, ob dieses abendfüllende Ballett das Potential für ein langes Leben hat. — Ich revidiere meine Meinung: Wenn es in dieser Qualität und Intensität auf der Bühne zum Leben erweckt wird, kann es sich einreihen in die großen Abende des 20. Jahr­hun­derts. Und hoffe, daß Clugs Peer Gynt auch in der kommenden Spielzeit wieder zu sehen sein wird.

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