Feuilleton

Gedanken zur Ernennung des neuen Direktors des Wiener Staatsballetts

Wiener Staatsballett

Von Ulrike Klein
Die Früchte jahrelanger, harter Arbeit: das Wiener Staatsballett in der Uraufführung von Manuel Legris' Choreographie zu »Le Corsaire« © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Die Früchte jahrelanger, harter Arbeit: das Wiener Staatsballett in der Uraufführung von Manuel Legris' Choreographie zu »Le Corsaire«

© Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Daß Manuel Legris mit Ende der Spielzeit 2019/20 das Haus am Ring verlassen wird, wissen wir nun schon einige Zeit. Noch glomm der Hoffnungsfunke, daß sich eventuell eine Meinungsänderung ergäbe, da noch kein neuer Direktor für das Staatsballett bestellt war.
Diese Hoffnung hat sich mit gestern in Rauch aufgelöst.

Der designierte Chef des Hauses am Ring, Dr. Bogdan Roščić, gab gestern gemeinsam mit Volksoperndirektor Robert Meyer die Berufung Martin Schläpfers zum Leiter des Wiener Staatsballetts bekannt.

Meine erste Reaktion beim Lesen dieser Nachricht: Das kann nur eine Ente sein. Dann: Das kommt der Hinrichtung der Compagnie gleich. Schließlich: Jetzt werden die Kosten für Spitzenschuhe auf ein Minimum reduziert…
Ich bin mir sicher, diese Gedanken teile ich mit vielen Freunden des Wiener Balletts.

Wie kommt Roščić auf diese Idee? Sind die Unkenntnis und das Desinteresse am klassischen Ballett wirklich so groß, daß diesem ab 2020 nicht mehr jene Rolle zugestanden werden soll, die es jetzt innehat? Oder soll einfach nur gespart werden, damit mehr Etat für die Opern­produktionen verbleibt?

Anscheinend verläßt sich die neue Direktion gerne auf Kritikerumfragen. Man wählt seinen Dramaturgen aus dem »Opernhaus des Jahres« und ernennt den von der Zeitschrift »tanz« gekürten »Choreographen des Jahres 2010« zum Direktor des Wiener Staatsballetts.

In den vergangenen Jahren formte Manuel Legris aus einer Ballett-Compagnie der zweiten Reihe eine der Spitzenklasse. Ihm gelang es, aus bereits engagierten Tänzern und zahlreichen Neu-Engagements ein Ensemble zu schaffen, welchem der Sprung an die Weltspitze gelungen ist.

Derzeit wartet das Ballett mit einer ausgezeichneten Auslastung auf. Maßgeblich ver­antwortlich dafür sind die großen klassischen Repertoire-Stücke. Für Schwanensee, Der Nußknacker und Dornröschen, für Le Corsaire und Don Quixote, für Raymonda und weitere abendfüllende Handlungsballette sind Besucher aus dem In- und Ausland gerne bereit, tief in die Tasche zu greifen. Und sich die besten Plätze zu sichern.

Bei den gemischten Ballettabenden ist es nicht immer so einfach. Da sind sowohl das Stamm­publikum als auch die auswärtigen Gäste skeptisch. Manuel Legris ist sich der Problematik unbekannter Werke bewußt, besetzt diese in der Regel mit ersten Tänzern. Und wenn dann Choreographien von Frederick Ashton, George Balanchine, Jiří Kylián, Hans van Manen, John Neumeier oder Jerome Robbins (um nur einige zu nennen) gezeigt werden, strömt man ins Haus. 

Wer ist Martin Schläpfer? Derzeit künstlerischer Direktor und Chefchoreograph des Balletts der Deutschen Oper am Rhein. Einer Ballett-Compagnie eines deutschen Hauses der zweiten Liga. 

Roščić bezeichnet Schläpfer als einen »Schöpfer« und als einen der bedeutendsten Choreo­graphen der Gegenwart.

Warum wurde dann in den vergangenen Jahren nie ein Werk dieses »bedeutenden« Choreo­graphen vom Wiener Staatsballett interpretiert? Da hätte sich doch eine Möglichkeit ergeben müssen, eine Arbeit zu präsentieren. Immerhin gab es zahlreiche moderne Programme, die zeitgenössischen Choreographen eine Plattform boten. Man denke nur an Patrick de Bana, Edward Clug, Boris Eifman, Alexander Ekman, Jorma Elo, Natalia Horecna und Daniel Proietto. Gar nicht zu reden von den Arbeiten, die die Mitglieder des Hauses selbst kreierten…

Wie wird es nun weitergehen?

Es steht zu befürchten, daß sich die Compagnie noch vor dem Amtsantritt Schläpfers grundlegend verändern wird: Ältere Tänzer werden mit dem Auslaufen von Legris’ Vertrag ihre Karrieren beenden. Jüngere, welche weiterhin das große klassische Repertoire tanzen wollen und ihre Perspektiven gefährdet sehen, werden dem Wiener Staatsballett den Rücken kehren. Dieser Wandel wird sich nun schneller vollziehen, als uns lieb sein kann: Mit den ersten Abgängen werden Wiens Ballettfreunde schon im letzten Jahr der Ära Legris konfrontiert sein.

Martin Schläpfer wird ein hartes Stück Arbeit bevorstehen, will er das derzeitige hohe Niveau bewahren, den Ruf des Wiener Staatsballetts aufrechterhalten und das Stammpublikum zufriedenstellen. Immerhin ist man in Wien seit 2010 auf sehr hohem Niveau verwöhnt worden.

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