Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker bei einem hoffentlich einmaligen Neujahrskonzert ohne Publikum im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins © Wiener Philharmoniker/Dieter Nagl

Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker bei einem hoffentlich einmaligen Neujahrskonzert ohne Publikum im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins

© Wiener Philharmoniker/Dieter Nagl

Neujahrskonzert 2021 der Wiener Philharmoniker

Musikverein Wien

Von Thomas Prochazka

Ich glaube, wir Außenstehende haben keinen Begriff davon, welche Beharr­lichkeit des Orchesters vonnöten, welche Widerstände zu überwinden waren, um dieses Konzert Wirklichkeit werden zu lassen. Dennoch klang vieles melancholischer an diesem Vormittag, als es die Noten vermuten ließen: Sie-wissen-eh. Aber ohne Publikum ist es halt nur eine halberte G’schicht’…

II.
Den Anfang machte der Fatinitza-Marsch aus der gleichnamigen Operette von Franz von Suppé. Im ausverkauften Goldenen Saal sicher ein »Durchreißer«, wie man sich keinen besseren wünschen kann. Maestro Riccardo Muti ließ ihn ein Euzerl langsamer, weniger knallig spielen. Doch wie elegant klang das, wie delikat grundierten die Liegetöne der Violinen!

Suppés Ouverture zu Dichter und Bauer eröffnete den zweiten Teil des Konzertes, nachdem der Orchestervorstand Daniel Froschauer in einer kurzen Rede die Beweggründe des Orchesters zum Ausdruck gebracht hatte, daß das Neujahrskonzert Ausdruck der Hoffnung sei. (Ja, wir wissen, daß die Übertragungen und der Verkauf der Ton- und Bildträger Geld in die Kassa dieses privaten Vereins spült. Und warum auch nicht?)

Dichter und Bauer also. Das 1846 uraufgeführte Lustspiel von Carl Elmer kennt heute kein Mensch mehr. Suppés Musik hat überlebt. Riccardo Muti ließ fein musizieren, Tamás Varga am Solo-Cello und Charlotte Balzereit an der Harfe »concertirten«, die Kollegen »paßten si zuwe«, wie man das in Musikerkreisen nennt. Es war ein eleganter, doch schwermütiger, nachdenklicher Dichter, den man da vor unsere Ohren zauberte; kein »armer Poet« à la Spitzweg. Dafür hatte der Landmann mit den Naturgewalten zu kämpfen wie selten sonst. Da knallte das Gewitter, da blitzte es (Karin Bonelli am Piccolo!), als zeigte die Natur ihre Macht. Das mitreißende Finale: Wir wollen es als gutes Omen nehmen für's Neue Jahr.

Vorstand Daniel Froschauer im Kreise der Wiener Philharmoniker bei seiner kurzen Ansprache © Wiener Philharmoniker/Dieter Nagl

Vorstand Daniel Froschauer im Kreise der Wiener Philharmoniker bei seiner kurzen Ansprache

© Wiener Philharmoniker/Dieter Nagl

III.
Das Neujahrskonzert 2021 versammelte Werke einiger vor allem international vielleicht weniger bekannten Komponisten der Wiener Operette: Mit Carl Millöckers Galopp In Saus und Braus aus der Operette Der Probekuß endete der erste Teil schwungvoll und spritzig. Es müssen nicht immer die Sträusse sein… Der danach von 7000 Zusehern aus aller Welt via Internet in den publikumsleeren Goldenen Saal übertragene Applaus, die gelegentlichen Bravo-Rufe: Sie zählten vielleicht zum Berührendsten an diesem Vormittag.

Davor war Carl Zeller zum ersten Mal zu Neujahrskonzertehren gekommen: mit seinem Konzertwalzer Grubenlichter nach Motiven der Operette Der Obersteiger. Für mich der Höhepunkt des Konzertes: Wie da nach der elegischen Introduktion die Melodie des ersten Walzers förmlich in den Saal explodierte — wunderbar! Über dem musikantisch, erdig grundierten Dreierrhythmus erhob sich der mitreißende Schwung von Zellers Melodie. Und für eine paar Minuten war die Welt wieder in Ordnung. Darf man von der Kunst mehr verlangen?

IV.
Auch Karel Komzák jr. war erstmals mit einem Werk beim Neujahrskonzert vertreten: Mit seinem Walzer Bad’ner Mad’ln, op. 257. Uraufgeführt wurde der Walzer 1898 in Baden bei Wien, wo Komzák die Sommer über das Badener Kurorchester leitete und bis zu seinem Abschied 1896 die Winter als Militärkapellmeister des k.u.k Infanterie-Regiment Nr. 84 in Mostar zubrachte. Eingeschlagen von der kleinen Trommel, folgt nach einer Marsch­introduktion eine langsame Walzereinleitung (»Nach Schrammelart vortragen« steht im Klavierauszug), ehe nach weiteren vier Takten Marschtempo — mit Trompetensignal! — sich der Walzerrhythmus endgültig Bahn bricht: fortissimo und »Mit aller Kraft«.

Doch nun legt sich die Melancholie wieder über den Saal: Muti setzt auf knallendes Blech nach Militärmanier, wo es doch à la Kurkonzert zugehen sollte. Die ritardandi geraten zu stark, die einzelnen Walzerteile kommen nicht vom Fleck; wollen sich nicht recht miteinander verbinden. Wer den Badener Kurpark kennt… Schade.

V.
Josef Strauss’ Margherita-Polka, op. 244, und Johann Strauss’ Frühlingsstimmen, Walzer RV 4101, erklangen ja (ausnahmsweise!) bereits in den ersten philharmonischen Mini-Konzerten nach der Ausgangssperre im Frühling, um als Grundlage für die Balletteinlagen zu dienen. Josef Strauss wäre nicht Josef Strauss, erlaubte er sich in seiner Polka nicht musikalisch Zweifel am Glück der Verbindung zwischen der genuesischen Prinzessin Margherita und ihrem Cousin Umberto. Da paßte ein bisserl Schwermut ebenso wie die Grazie im orchestralen Vortrag.

Auch bei den Frühlingsstimmen brach sich die Melancholie wieder bahn: Was im Juni noch so schwungvoll, erdig und in der besten Strauss-Tradition geklungen hatte, büßte nun hörbar an Animo ein. Über einem (zu) langsamen Grundtempo erhoben sich große ritardandi, gerieten mitunter die Generalpausen (zu) lang, hemmten immer wieder den Fluß. Ob das (auch) am leeren Saal lag? Zeitweise Zweifel aufkamen an der Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens?

Maestro Riccardo Muti bei seinem sechsten Wiener Neujahrskonzert © Wiener Philharmoniker/Dieter Nagl

Maestro Riccardo Muti bei seinem sechsten Wiener Neujahrskonzert

© Wiener Philharmoniker/Dieter Nagl

VI.
Denn die Melancholie war nicht mehr zu vertreiben an diesem Vormittag: Beim Kaiser-Walzer, RV 437, ebenso wie der Neuen Melodien-Quadrille, RV 254, beim Walzer An der schönen blauen Donau, RV 314, und der Schnellpolka Stürmisch in Lieb’ und Tanz, RV 393, nach Motiven der Operette Das Spitzentuch der Königin. Muti, der die Neuen Melodien-Quadrille mit ihren Motiven aus Giuseppe Verdis Opern Ernani, Rigoletto, Il trovatore und La traviata immer wieder gern auf’s Programm setzt, nahm sich diesmal auch hier zurück.

Beim Radetzky-Marsch, op. 228, von Johann Strauss Vater, bescherte uns Sie-wissen-eh zwei Neuerungen: Erstens verzichtete man auf das »Einschlagen« des Marsches durch die kleine Trommel, und zweitens gab es — ohne Saalpublikum — kein Mitklatschen. Eine wohl einzig­artige Gelegenheit, diesen Marsch in Wien so zu hören. Oder, wie Maestro Muti in der Pressekonferenz launig angemerkt hatte: »Der Radetzky-Marsch wurde auch ohne Applaus komponiert.«

VII.
»Wir sehen oft, daß Musik überall als Unterhaltung angesehen wird. Musik ist nicht nur ein Beruf, sie ist eine Mission«, stellte Riccardo Muti in seiner Ansprache fest. Und weiter: »Die Gesundheit ist die erste, wichtigste Angelegenheit — aber auch die Gesundheit des Geistes. Und Musik hilft. Deshalb ist meine Botschaft an alle Gouverneure, Präsidenten und Premierminister überall auf der Welt: Betrachten Sie Kultur immer als eines Ihrer primären Ziele für eine bessere Gesellschaft im Morgen.«

Mögen des Maestros Worte Gehör finden.

  1. Das Rot-Verzeichnis (RV) ist benannt nach Michael Rot, dem Herausgeber der Neuen Johann Strauss Gesamtausgabe, einer wissenschaftlich kritischen Neuausgabe. Im Jahr 1999 erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt, setzte sich die Strauss Edition Wien das Ziel, das komplette Œuvre Johann Strauss’ systematisch zu erfassen. In der Zwischenzeit wanderten die Rechte zum Schott Musikverlag und sind unter dem Namen »Neue Johann Strauss Gesamtausgabe« zusammengefaßt. Die Wiener Philharmoniker übernahmen damals die Patronanz für die Orchesterwerke.

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