Feuilleton

Anton Bruckners Symphonie Nr. 8

Von Michael Krebs
Anton Bruckner (1824–1896), gemalt 1885 von Hermann von Kaulbach (1846–1909) Public Domain (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Anton_Bruckner_(Kaulbach).jpg">Wikipedia Commons</a>)

Anton Bruckner (1824–1896), gemalt 1885 von Hermann von Kaulbach (1846–1909)

Public Domain (Wikipedia Commons)

Durch Zweifel zum Ruhm.
Gedanken anlässlich der Aufführungen von Bruckners Achter in Wien.

Es waren bemerkenswerte und gewaltige Interpretationen und Darbietungen des Werkes durch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Mariss Jansons), die Wiener Symphoniker unter Philipp Jordan und das Bruckner-Orchester Linz (Markus Poschner) in dieser Saison.

Wieviel Zweifel, Verunsicherung und Unverständnis, Verachtung und öffentlicher Hohn als Wagner-Epigone mußte überwunden, Spott und Kritik von großen Teilen der sogenannten bürgerlich-kulturellen Oberschicht, für ihn, den Bauernsprößling aus Ansfelden in Oberösterreich, ertragen werden.

Wie schwer und steinig war für Anton Bruckner der Weg bis in den symphonischen Olymp!

Aber trotz aller Widrigkeiten war der Komponist durchdrungen von seiner Sendung, und mit größter bäuerlicher Starrheit, festhaltend an seinem Grundkonzept, gelangte er zu größtem Ruhm.

Vor ca. 125 Jahren, am 18. Dezember 1892, hatte sich Bruckners Traum erfüllt: Die Uraufführung seiner Achten unter Hans Richter im Wiener Musikverein!

Zur Entstehung

Wie schwer der Erfolg erkämpft wurde, soll in der Folge beschrieben werden: Von 1884 – 1887 entsteht die 1. Fassung. Am 4. September 1887 beendet Bruckner sein Werk. Er schickt die Komposition dem Dirigenten Hermann Levi – »seinem künstlerischen Vater« – nach München mit den Worten: »möge sie Gnade finden«. Der Dirigent jedoch konnte die Symphonie nicht verstehen: »Ich kann mich in die 8te Symphonie nicht finden und habe nicht den Mut sie aufzuführen. Tagelang habe ich studirt, aber ich kann mir das Werk nicht zu eigen machen« und Levi sandte die Partitur zurück. Bruckner nahm große Veränderungen am Werk vor. Im Jahr 1890 war die Umarbeitung abgeschlossen und die Achte vollendet.

Aber es sollte noch bis 1892 dauern, daß das Werk endgültig uraufgeführt werden konnte. Vorerst wollte Felix von Weingartner das Werk in Mannheim zur Uraufführung bringen. Bruckner an Weingartner: »Wie geht es mit der Achten? Wie klingt sie? Bitte sehr, das Finale so wie es angezeigt ist, fest zu kürzen, denn es wäre viel zu lange und gilt nur späteren Zeiten und zwar für einen Kreis von Freunden und Kennern. Das Tempo bitte ich ganz ad libitum abändern zu wollen. Bitte sehr! Haben H Hofkapellmeister doch einen günstigen Kritiker? Wird Herr Schott aus Mainz kommen? Ist Hoffnung vorhanden wegen des Verlages?« Bruckner will aber im Druck keine Änderung des Werkes, wie er sie für die Uraufführung vorschlägt. Weingartner schreibt am 2. April 1891 über die Proben: »Gestern hielt ich die ersten Proben mit Orchester Ihrer 8ten Symphonie. Zuerst Streicher allein, dann Bläser. Die Klangwirkung wird eine mächtige sein. Bei uns wirken die großen Bläsermassen öfters erdrückend auf den verhältnismäßig schwach besetzten Streicherchor und erbitte ich von Ihnen die Erlaubnis an einigen Stellen die Verdoppelung in den Holzbläsern und Hörnern herausnehmen zu dürfen.« Weingartner wurde jedoch in der Folge nach Berlin berufen und die Aufführung kam nicht zustande. 

Die Uraufführung

Verunsicherung und die Erinnerung an die Erlebnisse bei der Erstaufführung der Siebenten 1886, wo »die reichen Leute des philharmonischen Stammpublikums  bei der 1. Aufführung den Saal in Scharen verließen und Hans Richter so eingeschüchtert war, dass er 4 Jahre kein Brucknersches Werk mehr auf das Programm« setzte, ließen den Komponisten weiter zweifeln. Die positiven Gründe für die Aufführung waren wohl die Widmung der 8. Symphonie an Kaiser Franz Joseph I. und das Wohlwollen des Kaisers.

Bruckner erwartete die Uraufführung mit größter Unsicherheit: »Jetzt hab’n se’s schon probiert und wissen alleweil no nöt, was von ihr halten soll’n.«

Der Kaiser wollte ursprünglich das Konzert besuchen, erschien aber nicht. In seiner Vertretung: die Witwe von Kronprinz Rudolf. Der große Musikvereinssaal war ausverkauft. Das Orchester lieferte eine Meisterleistung.

Bruckner wurde nach jedem Satz stürmisch applaudiert, besonders nach dem Scherzo und Adagio (er erhielt drei Lorbeerkränze). Hanslick verließ demonstrativ vor dem Finale den Saal. Die Anhänger Bruckners im Stehparterre klatschten ebenso demonstrativ. Bruckner dazu: »Jetzt wird er am End’ no böser werd’n.«

Die Aufführung war der Höhepunkt der Saison. Hugo Wolf: »Diese Symphonie ist die Schöpfung eines Giganten und überragt an geistiger Dimension, an Fruchtbarkeit und Größe alle anderen Symphonien des Meisters. Es war ein vollständiger Sieg des Lichtes über die Finsternis, und wie mit elementarer Gewalt brach der Sturm der Begeisterung aus, als die einzelnen Sätze verklungen waren. Kurz, es war ein Triumph wie ihn ein römischer Imperator nicht schöner wünschen konnte. Mit welchem Gefühle mochte wohl Meister Brahms in der Direktionsloge dem Werke und der zündenden Wirkung desselben gefolgt sein!« 

»Die Wirkung dieser Symphonie ist einfach niederschmetternd, jede Regung zur Kritik vernichtend.«

Die Wiener Philharmoniker erklärten, keinen solchen Jubel bisher erlebt zu haben, und Hans Richter erklärte Bruckner zu einem »Tondichter«. Bruckner, ganz kleinlaut: »Wehe, wenn’s Hanslick erfährt!«

Bruckner hält sich auch hier, wie in all seinen bisherigen Symphonien, an die klassische Viersätzigkeit.

Aus der Programmbeilage von Josef Schalk zur Uraufführung der 8. Symphonie seien die programmatische Erklärungen zu den einzelnen Sätzen zitiert:

  • 1. Satz: Die Gestalt des Prometheus
  • 2. Satz: Der »deutsche Michel«
  • 3. Satz: Das stille Walten der Gottheit: der allliebende Vater der Menschen
  • 4. Satz: Der Heroismus im Dienste des Göttlichen

1. Satz

Hauptthema und Motiv des ersten Satzes schildern laut August Göllerich, einem Vertrauten Bruckners, die »Gestalt des Erzengels Michael«. Den letzten Fortissimo-Ausbruch mit dem Pianissimo-Schluß des Satzes bezeichnet Bruckner als »Todesverkündigung« mit der darauf folgenden »Totenuhr«: »Dös is so wie wenn einer im Sterben liegt, und gegenüber hängt die Uhr, die während sein Leben zu Ende geht – immer gleichzeitig fortschlägt: tik, tak, tak, tak…«. Diesen letzten Abschnitt (»Totenuhr«) habe ihm »der liebe Gott« diktiert. Bruckner meint: »Im 1. Satz ist der Trompeten- und Cornisatz aus dem Rhythmus des Themas: die Todesverkündigung, die immer sporadisch stärker, endlich sehr stark, auftritt, am Schluß: die Ergebung.« Bruckner imitiert musikalisch die Totenuhr.

1876 hatte Bruckner die Uraufführung von Wagners Ring des Nibelungen gehört. Die »Todesverkündigung« im 2. Akt der Walküre nimmt Einfluß auf den 1. Satz seiner 8. Symphonie. Constantin Floros interpretiert, dass Bruckner von der Arie des Fliegenden Holländers (2. Akt) bei der Komposition inspiriert wurde. Der Satz werde von »Tod, Verklärung und Triumph« bestimmt, analog zu Wagners »Todesverkündigung und Verklärung«.

2. Satz

Es ist wenig bekannt, dass Bruckner beim Scherzo vorerst an ein musikalisches Porträt seines Steyrer Freundes Carl Almeroth dachte: Geradheit, Schlichtheit, Naivität und Aufrichtigkeit. Bruckner sah in seinem Freund die Verkörperung der Figur des »Deutschen Michel« und meint: »Der deutsche Michel ziagt dö Zipflhaub’n über die Ohren, halt si hin und sagt: ›Haut’s no zua, i‘ halt’s schon aus!‹«

Im Hauptthema des Scherzos wird der »Deutsche Michel« porträtiert. Bruckner dazu: »Micherl möchte schlaf’n, doch hat er keine Ruh, er wird am Ohr gezupft bis er wieder erwacht und als Starrkopf (Dickschädel) den Kampf mit den Widersachern aufnimmt und mit Keulenschlägen um sich haut.« »Dem Micherl geht’s recht schlecht!«, meint er einmal, »aber zum Schluß is’ er do’ obenauf!« Bruckners Aussage zum Trio: »Der Micherl träumt ins Land« mit dem folgenden »Gebet des Micherl«.

Musikalisch interpretiert der Komponist die Figur des »Deutschen Michel« als »groß, mächtig, stark«, ähnlich seinem Namenspatron, dem Erzengel Michael. 

Damit ist die Personifikation des deutsch-österreichischen Volkscharakters gemeint, die Eigenschaft, den Idealismus trotz aller hereinbrechenden Schicksalsschläge nicht aufzugeben und schließlich doch zu siegen nach dem Spruch des oberösterreichischen Bauernführers Stefan Fadinger: »Viel Feind, viel Ehr!«

3. Satz

Constantin Floros ist der Meinung, dass Josef Schalks Interpretation (Das stille Walten der Gottheit: der all-liebende Vater der Menschen) auch Äußerungen Bruckners sein könnten. Das Hauptthema besitze den trauervollen Charakter von Wagners Tristan und Isolde. Die Atmosphäre der Musik liege vor allem im geistlichen, religiösen Bereich. Bruckner beabsichtigte mit dem Einsatz von Harfen eine »Sphärenstimmung« zur erzeugen. Floros schließt daraus, dass der bibelfeste Bruckner an die »Offenbarung des Johannes« bzw. an den Kampf des Erzengels Michael mit dem Drachen, wo Harfen als Gleichnis für Sphärenstimmung vorkommen, gedacht hat. Bruckner war bis zur 7. Symphonie der Meinung: »A Harf’n g’hert in ka Sinfonie«. In der 8. Symphonie habe ihn der »Stimmungszauber« zum Einsatz der Harfe gebracht: »I’ hab’ ma nöt helf’n könna!«

Bruckner erzählte einmal, dass ihm das Hauptthema des 3. Satzes eingefallen sei als er »einem Mädchen tief in die Augen geblickt« habe. Über das 2. Thema meint der Komponist stolz: »Gelt ja, das is wirklich nöt schlecht!«

4. Satz

Vom Beginn des Satzes sind mehrere Interpretationen Bruckners erhalten, die ein Treffen der Majestäten von Österreich, Russland und Preußen schildern. Historisch verbürgt ist solch ein Ereignis im Jahre 1884 (15. und 17. September): die »Drei-Kaiser-Zusammenkunft« in Skiernewice bei Brünn. Bruckner wurde auch von der Vorstellung einer Kaiserparade auf der Schmelz in Wien inspiriert: »Einzug der Monarchen«, das »Ritt-Motiv der Kosaken« schildert die »stampfende Begleitfigur«, in der Folge »Militärmusik« mit Blech, Trompeten und Fanfaren und abschließend die Trompetenfanfaren als »Begegnung der Majestäten«. 

Am Schluß wird durch das Zitieren der vier Hauptthemen der gesamten Symphonie mit Eintritt des vergrößerten Scherzo-Themas in Trompeten, Klarinetten und Flöten der »Deutsche Michel« in die »strahlenumglänzte Gestalt des Erzengels Michael« verwandelt. Bruckner schreibt dazu in seine autographe Partitur: »Halleluja«.

Zur Rezeption

Brahms soll laut Mitteilung eines Zeugen nach der Aufführung den Ausspruch getan haben: »Bruckner ist doch ein großes Genie.«

Eduard Hanslick war Bruckner vorerst gut gesonnen. Dann aber, nach der Hinwendung Bruckners zu Wagner, folgte eine Feindschaft, die in  mehrmaliger Ablehnung Bruckners als Lehrenden für Harmonielehre und Kontrapunkt an der Wiener Universität endete. Hanslick schreckte in seinen Kritiken nicht davor zurück, Bruckner lächerlich zu machen. Am 23. Dezember 1892 schrieb er in der »Neuen Freie Presse«, der einflußreichsten Zeitung Wiens, über Bruckners Achte: »in Einzelheiten insteressirt, als Ganzes befremdend«. Bruckner übertrage »Wagner’s dramatischen Styl auf die Symphonie. Bruckner verfällt nicht nur alle Augenblicke in spezifisch Wagner’sche Wendungen, Effekte, Reminiszenzen – er scheint sogar gewisse Wagner’sche Stücke als Vorbild für seinen symphonischen Aufbau vor Augen zu haben.« Z.B. das Tristan-Vorspiel mit seinen chromatischen Motiven, die er »in’s Endlose« musikalisch verarbeite, »so lange, bis wir von diesem monotonen Jammer trostlos niedergedrückt sind.« Charakteristisch für Bruckners neueste c-Moll-Symphonie sei das »unvermittelte Nebeneinander von trockener, kontrapunktischer Schulweisheit und maßloser Exaltation.« »Alles fließt unübersichtlich, ordnungslos, gewaltsam in eine grausame Länge zusammen. Jeder der vier Sätze, am häufigsten der erste und dritte, reizt durch irgend einen interessanten Zug, ein geniales Aufleuchten – wenn nur daneben alles Übrige nicht wäre! Es ist unmöglich, daß diesem traumverwirrten Katzenjammerstyl die Zukunft gehört, – eine Zukunft, die wir darum nicht beneiden.«

»Das Finale endlich, das uns mit barocken Themen, seinem konfusen Aufbau und unmenschlichen Getöse nur als ein Muster von Geschmacklosigkeit erschien, der kindliche Hymnenton dieses Programms charakterisiert unsere Bruckner-Gemeinde, welche bekanntlich aus den Wagnerianern und einigen Hinzukömmlingen besteht, denen Wagner schon zu einfach und selbstverständlich ist. Man sieht, wie der Wagnerismus nicht nur musikalisch, sondern auch literarisch Schule macht.«

»Tobender Jubel, Wehen mit den Sacktüchern, aus dem Stehparterre, unzählige Hervorrufe, Lorbeerkränze u.s.w. Für Bruckner war das Konzert jedenfalls ein Triumph.« Hanslick stellt die Frage, ob Hans Richter dem Abonnement-Publikum der Wiener Philharmoniker »einen Gefallen erwiesen habe«: »Dieses Programm scheint doch nur einer geräuschvollen Minorität zuliebe gemacht worden zu sein.« Würde man das Werk außerhalb des Abonnements aufführen, wäre dies der Beweis.

Richard Heuberger lobt im »Wiener Tagblatt« die Klangpracht des »gedankenarmen« Werkes. Die melodischer Erfindung sei »spärlicher« gegenüber der 1., 3., 4. oder 7. Symphonie. »Am reichsten ist in diesem Punkte noch das Adagio bedacht, ein Satz, der trotz enormer Ausdehnung (er dauert 26 Minuten) ununterbrochen fesselt, herrliche Züge tiefsten Ernstes enthält und – von manchen steifen und eigensinnigen, mehr mechanischen als organischen Stücken abgesehen – zu dem Schönsten gehört, was Bruckner je geschrieben.« Die Instrumentation sei »ein Sieg virtuoser Orchestrationstechnik«, »eine unglaubliche Klangfülle und Farbenpracht ist über das Ganze ausgegossen und blendet auch oft dort, wo die Konzeption nicht Stich hält. Den Stempel des Ungewöhnlichen, des Ungeheuerlichen mehr als des Ungeheuren« präge das Werk. Die Wiener Philharmoniker hätten ihre »bisherigen Ruhmestaten womöglich noch übertroffen«. Heuberger bleibt vom Komponisten Bruckner nicht überzeugt.

Max Kalbeck in der »Montags-Revue«

Das Werk nehme unter allen Symphonien Bruckners »die erste Stelle« ein, sie übertreffe die anderen Symphonien »durch Klarheit der Disposition, Übersichtlichkeit der Gruppierung, Prägnanz des Ausdruckes, Feinheit der Details und Logik der Gedanken«. Jedoch besitze sie mangelnde musikalische Ordnung: »Wozu diese ewigen Wiederholungen subalterner Tonfiguren, dieses manirirte plötzliche Abreißen des thematischen Fadens, diese jäh wechselnden Orkanausbrüche und Windstillen. Ein Drittel der umfangreichen Partitur wäre über Bord zu werfen«. Seine Freunde hätten Bruckner dazu überreden sollen.

Der Zuhörer folge »von dem bedeutenden Allegro durch das originelle Scherzo und gesangreiche Adagio über alle Lücken und Unebenheiten des Werkes hinweg mit reger Aufmerksamkeit und stets wachsendem Interesse, und wenn ihm während der endlosen, Episode an Episode anstückelnden Flickarbeit des von tausend deutschen Micheln besessenen Finalsatzes die Geduld ausgeht, so kann weder der programmatische ›im Dienste des Göttlichen wirkende Heroismus‹ noch die kontrapunktische Vereinigung sämtlicher Hauptthemen daran etwas zu seinen Gunsten ändern.« 

Hans Richter und die Wiener Philharmoniker hätten sich mit der Aufführung »gerechte Ansprüche auf einen der vielen Lorbeerkränze erworben, die der mit Beifall überschüttete Komponist nach jedem Satze der Symphonie empfing.«

Eusebius Mandyczewski, »Deutsche Kunst- und Musikzeitung«, nennt das Werk, wie die anderen Symphonien: »Blendend, aber hohl und zusammenhanglos.«

Balduin Bricht, »Österreichische Volkszeitung«, bezeichnet das Werk als »die Krone der Musik unserer Zeit«.

Theoder Helm und seine Meinung zu Bruckners Symphonie

Der 1. Satz sei »ein überaus düsteres Nachtstück, nur von wenigen Lichtblicken erhellt, aber durchwegs fesselnd«. Die Themen seien »weit übersichtlicher, als man es sonst bei Bruckner gewohnt ist.« Bruckner neueste Schreibweise besitze »ruhelose Chromatik«.

Helm befürwortet das Programm trotz der »etwas überschwenglichen Ausdrucksweise«. »Wenn einem großen Tondichter bei Schaffung eines Musikstückes ein bestimmtes Bild vorgeschwebt hat: warum soll man die Mitteilung desselben dem Publikum vorenthalten?«

In dem »behäbigen, aber später mächtig gesteigerten Hauptgedanken« des Scherzos wollte Bruckner »das Wesen des Deutschen Mich’l in seiner Behäbigkeit, aber auch kernfesten Tüchtigkeit und unbeugsamen Beharrlichkeit« schildern.

Beim Adagio überließ sich Bruckner »ganz rückhaltlos seiner Inspiration, dachte an kein Publikum mehr und an menschlich normale Aufnahmefähigkeit«. »Ein herrlicher, tief empfundener, klangschöner Gesang drängt in diesem bewunderungswürdigen Adagio den anderen«. Es besitze »drei der großartigsten Steigerungen der gesamten Instrumentalmusik«. »Die letzte, größte Steigerung im Adagio und dessen wunderbar zartes Verklingen gehört ganz Bruckner: er hat wohl nie etwas Edleres, Ergreifenderes geschrieben.« Der 3. Satz sei »eine symphonische Dichtung für sich und könnte auch als solche selbständig aufgeführt werden.«

Theodor Helm gratuliert Bruckner in einem Brief zu seinem Erfolg, nicht nur bei seinen Anhängern: »In der Nähe des Platzes, wo ich saß z. B. applaudierte Alles mit entzückten Mienen besonders nach dem unvergleichlichen Adagio – und doch war nicht ein bekanntes Gesicht darunter.«

Conclusio

Die Aufführung war ein triumphaler Erfolg.

Hans Richter und die Wiener Philharmoniker werden für die Wiedergabe überaus gelobt, besonders im Adagio hätte das Orchester »mit fast nie dagewesenem Glanze seine unerreichte Vortragskunst« gezeigt.

Das Werk erzielte beim Publikum großen Erfolg, nur wenige Hörer verließen nach dem 3. Satz den Saal. Hugo Wolf nach der Aufführung: »Erst in tausend Jahren wird man dieses herrliche Werk verstehen.«
Dem ist nichts hinzuzufügen.

(In Zusammenarbeit mit Rupert Strobl.)

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