Rezensionen Oper

Giacomo Puccini: »La Bohème«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka
»La Bohème«, 2. Akt: Valentina Naforniţa (Musetta) und Alfred Šramek (Alcindoro) im Café Momus © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»La Bohème«, 2. Akt: Valentina Naforniţa (Musetta) und Alfred Šramek (Alcindoro) im Café Momus

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

I.
Nach den gelungenen Premièren von Peter Eötvös‘ Tri Sestri und Adolphe Adams Le Corsaire in der Choreographie des Wiener Ballettdirektors Manuel Legris kehrte der Repertoire-Alltag wieder. Jean-François Borras und das Haus-Debut von Angel Blue ausgenommen, erlaubte die Besetzung den Opernfreunden eine Bestandsaufnahme der Qualität des Wiener Ensembles. Dieses, soviel sei vorausgeschickt, zeigte sich den beiden Gästen ebenbürtig.

II.
Fast 53 Lenze zählt die Inszenierung von Franco Zeffirelli, natürlicher Feind jedes fortschrittsgläubigen Intendanten. Aber immer noch geht ein Staunen durch das Auditorium, wenn sich der Vorhang zum zweiten Bild, dem Café Momus, hebt. Daüber, liebe Intendanten, lohnt es sich nachzudenken.

III.

Heutzutage versorgen wohlmeinende Freunde oder Agenten junger Sänger die Öffentlichkeit mit Video-Ausschnitten im Internet. Sehr beliebt ist bei Sopranistinnen — Angel Blue, die Mimì dieser La Bohème-Serie, bildet da keine Ausnahme — die große Szene der Violetta aus dem ersten Akt von Verdis La Traviata. Ganz so, als stellte diese Partie keine allzu hohen Anforderungen an die Interpretin. Ein Irrtum, wie kundige Opernfreunde wissen…

Im Internet nur einen Mausklick entfernt, demonstriert Ileana Cotrubas, wie eine Erste Sängerin die Szene der Violetta Valéry gesangstechnisch und vom Spiel her interpretiert. Und als Zuhörer kommt man zum Schluß, daß bei manchen jungen Sängern weniger Marketing mehr wäre.

Dies ist auch der Schlüssel zum Verständnis der gestrigen Aufführung: Alle Beteiligten boten der Reaktion des Publikums nach gute Leistungen. Vorausgesetzt, man ignoriert Vergleiche mit der Vergangenheit und dem, was möglich und in der Partitur gefordert ist.

Angel Blue, die 32-jährige, gebürtige Kalifornierin, unter anderem »Miss Hollywood 2005«, sang die Partie der Mimì mit jener Stimme und Technik, welche im Jahr 2009 für den zweiten Platz bei Plácido Domingos »Operalia«-Wettbewerb ausreichte: In der Mittellage und in der Höhe gut ansprechend, verlor sie im tiefen Register des öfteren den Sitz und damit Volumen. Der Stimme gebrach es an emotionaler Tiefe, die Phrasen wurden mehr deklamiert denn gesanglich ausgeformt.

IV.
Jean-François Borras, der im vergangenen November an der Seite Elīna Garančas so gute Figur in Werther gemacht hatte, kämpfte als Rodolfo überraschenderweise an manchen Stellen mit den technischen Schwierigkeiten seiner Partie. Die Stimme ist kräftig, gewiß, und sprang in allen Registern an, doch blieb der Sänger jene Feinheiten schuldig, in welchen doch erst der ganze Unterschied liegt. »Dolcissimo« notierte Puccini z.B. über der Phrase »Che gelida manina«, aber »dolcissimo« stand am gestrigen Abend nicht hoch im Kurs. Das galt gerade (oder vor allem) für das Duett mit Marcello im dritten Bild. Wer die Ohren nicht vor dem noch immer vom Publikum gefeierten Bühnenbild Franco Zeffirellis verschloß, kam nicht umhin, sich zu wundern, worin des Duettes Zauber denn besteht.

V.
Dies lag allerdings nur zum Teil am Marcello des Alessio Arduini. Kräftig genug ist sein Bariton, doch fehlt ihm jener Schmelz, ohne die man italienische Oper nun einmal nicht in jener Qualität singen kann, welche das Publikum rührt und berührt. Gestern hörte sich das alles trocken an, blieb vieles Stückwerk.

VI.
Valentina Naforniţa war ihrem Marcello eine ebenbürtige Musetta: Auftrumpfend an der Grenze zur Outrage im Walzerlied, mehr als nur kokett im Feldzug zur Rückeroberung ihres Geliebten, enttäuschte ihre stimmliche und darstellerische Präsenz im vierten Bild. Die Spitzentöne beispielsweise wurden dem ganzen Abend hindurch mit Anlauf und im forte serviert. Die pianissimi im zweiten Bild — »con molta grazia ed eleganza« notierte Puccini in der Partitur — sang sie lauter als die piani im vierten. Das war achtbares Repertoire, nicht mehr.

VII.
Puccini schöpft aus jener schon seit Haydn und Mozart bestehenden Tradition, welche die Vorschrift zum Legato-Singen nicht explizit ausweist, weil Selbstverständlichkeiten in Partituren nichts verloren haben. Das Können und das Wissen darum scheinen aber leider immer öfter verloren zu gehen — ein Umstand, der alle Sänger der gestrigen Vorstellung einte. Oder, um Joyce DiDonato zu zitieren: »Legato, legato, legato!«

VIII.
Clemens Unterreiner zeigte als Schaunard die von ihm gewohnte Bühnenpräsenz und wußte gewiß Teilen des Publikums zu gefallen. Ryan Speedo Green als Colline konnte da weder schauspielerisch noch stimmlich mithalten, die Vorschußlorbeeren seit seinem Eintritt ins Ensemble sind längst aufgezehrt. Die zunehmende Rührung, welche Puccini beispielsweise für die »Mantel-Arie« vorschreibt, blieb er schuldig. Wie bei allen anderen gestern abend klang seine Stimme trocken und flach.

IX.
All dies mag bis zu einem gewissen Grad auch der Leitung von Simone Young geschuldet sein. Die Australierin stand nach 1993 und 2000 erstmals wieder für La Bohème am Dirigentenpult des Staatsopernorchesters (gestern geführt von Rainer Honeck). Sie schien eher dem Tempo denn der Emotionen verpflichtet: Straff (und leider vielfach auch zu laut), gewährte Simone Young den Sängern kaum jene Momente des Innehaltens, welche doch so notwendig sind, um in den Zuhörern Emotionen zu wecken. Beiläufigkeit im sonst für Ergriffenheit im Publikum so anfälligen vierten Bild war die Folge.

X.
Und dann war da noch das Wunder dieser Osternacht: Alfred Šramek, Dialyse-Patient, nach eigenen Worten von der Schulmedizin ob seiner Krebserkrankung aufgegeben und in Behandlung eines Alternativmediziners, trotzte seinen Beschwerden und gab einen wenn auch fragilen Benoit und Alcindoro. Die Wiener Opernfreunde sahen, wissen und wünschen ihm, der nach familiären Schicksalsschlägen nun ganz der Oper lebt, noch viele Auftritte, egal ob als Benoit oder Alcindoro.

Angesichts dessen erschien alles andere auf einmal nicht mehr ganz so wichtig.

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