Rezensionen Oper

Giuseppe Verdi: »Falstaff«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka
»Falstaff«, 3. Akt: »Tutto nel mondo è burla« © Wiener Staatsoper GbmH/Michael Pöhn

»Falstaff«, 3. Akt: »Tutto nel mondo è burla«

© Wiener Staatsoper GbmH/Michael Pöhn

I.
An der Staatsoper spielt man wieder Falstaff. In einer publikumswirksamen Inszenierung und mit einem der letzten großen Operndirigenten am Pult. Endlich — so die Hoffnung — hat man im Haus am Ring erkannt, daß es der besten, der wissenden Maestri bedarf, um eine Produktion auch mit sparsamen Einsatz von Sänger-Stars zum Erfolg zu führen. Nicht jene der dritten Garnitur oder Konzertdirigenten, wie so oft in den letzten Jahren.
Soweit der erste Eindruck.

II.
Falstaff ist die subtile Rache von »Il vecchio« aus St. Agatha an einer Gesellschaft, welche ihn auf tragische Stoffe festlegte. Für »ausgeschrieben« erklärte. »Ihr verlangt nach einer neuen Oper?«, scheint er in jedem Takt zu fragen. »Nun gut, ich schreibe Euch eine. Beißt Euch die Zähne daran aus!«

Hundert Jahre später ist die Situation unverändert.

III.
Die Falstaff-Partitur ist echter, bester Verdi: aber verknappt, konzentriert, auf’s Äußerste verdichtet. Da macht sich einer einen Riesenspaß — und teilt reihum die Ohrfeigen aus.

An die Wagnerianer, welche die Leitmotivtechnik einfordern: Das sofort nach dem ersten Akkord erklingende, absteigende Motiv des dicken Ritters begleitet uns die ganze Oper hindurch; auf Verdis Art und Weise selbstverständlich. Welch musikalischer Witz, wenn es in der Szene mit Dr. Cajus viermal, jeweils um eine Oktave höher, anklingt, während sich Sir John Falstaff riesengleich aus seinem Armsessel hochstemmt!

An die Rossini-Anhänger, welche in einer opera buffa (comedica lirica) nach parlandi verlangen: Köstlich Verdis Witz, wenn die Damen und Herren im Nonett-Finale des ersten Aktes getrennt — und doch musikalisch vereint — ihre Ränkespiele vorbereiten: letztere im 4/4-, erstere im wiegenden 6/8-Takt. Mozarts Don Giovanni läßt grüßen.

An die Bellini- und Donizetti-Anhänger mit ihrer Forderung nach großen Szenen. (Auch Anklänge an Mendelssohn vermeint man hie und da zu vernehmen.) Ihrer gibt es wenige im Falstaff. Wozu auch? Spöttisch darf Mrs. Quickly im Duett mit Falstaff »Reverenza« orgeln, absteigend bis zum tiefen Sopran-C. Mit Verzierungen selbstverständlich. Mehr bedarf’s nicht.

Verdi reicherte die Partitur des Projektes »Dickbauch«, wie er die Arbeit an Falstaff in den Briefen mit Arrigo Boito zu bezeichnen pflegte, mit so vielen Referenzen an eigene und fremde Werke an, daß es oftmaligen Hörens und eines gewissen Maßes an Opernerfahrung bedarf, um all die Reminiscencen aufzuspüren: seien es die Hörner im Duett Falstaff/Ford oder die Anklänge an den Pagen Oscar aus Un ballo in maschera, wenn Mrs. Quickly Alice Ford und Meg Page von ihrem Besuch beim dicken Ritter berichtet…

Ein intellektuelles Hörvergnügen.

IV.
Zubin Mehta, einer der großen Alten, kehrte für diese Neuproduktion an das Haus am Ring zurück. Ans Pult des »glänzend disponierten Staatsopernorchesters« schriebe das Feuilleton, verirrte es sich in Folgevorstellungen. Nennen wir’s lieber: in sehr gutem Einvernehmen mit vielen philharmonischen Freunden, angeführt von Albena Danailova und Josef Hell.

Mehta nahm die Tempi nicht so schnell wie von einigen erwartet, ohne allerdings zu schleppen — Ergebnis einer langen Carrière oder Tribut an die Sänger und das Orchester? Hin und wieder ging’s jedenfalls ein wenig freier zu, ohne daß dies störte.

Denn: Nichts wirkte da aufgesetzt, mit erhobenem Zeigefinger herausgestellt. Der Maestro ließ den Sängern Raum zum Atmen und zur musikalischen Gestaltung. Gewährte Freiheiten. Die wußten freilich nicht alle zu ihrem Vorteil zu nutzen.

»Falstaff«, 2. Akt: Dr. Cajus (Thomas Ebenstein) und Ford (Ludovic Tézier) auf der Jagd nach dem Nebenbuhler im eigenen Heim © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Falstaff«, 2. Akt: Dr. Cajus (Thomas Ebenstein) und Ford (Ludovic Tézier) auf der Jagd nach dem Nebenbuhler im eigenen Heim

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

V.
Sir David McVicar siedelte das bunte Treiben in Windsor im England William Shakespeares an. Charles Edwards schuf ein geschmackvolles Bühnenbild, Gabrielle Dalton ebensolche Kostüme. Daß die Herrschaften auf der Bühne ihre Aktionen nicht immer dem (Noten-)Text ablauschen, der Salon in Fords Haus ebenso wie die Mauer im Garten keine Patina aufweist, sich daran keine Pflanzen ranken, daß die Damen samt und sonders ohne Taschentuch, Ford und Fenton auf der Straße ohne Hüte unterwegs sind… Das scheidet die drei von den großen Meistern. Einem Jean-Pierre Ponelle wäre solches nicht passiert. Entscheidend für das Wohl und Wehe der Produktion ist es nicht.

Im Gesamten gelang dem leading team eine idiomatische Interpretation des Librettos. Im Garter Inn, darin Sir John Falstaff Quartier bezog, wuselte es, erzählte ein zerwühltes Bett ebenso wie ein nicht abgeräumter Tisch mit heruntergebrannten Kerzen von den wichtigen Dingen im Leben und der dringenden Notwendigkeit der Geldbeschaffung.

Das Problem der Gleichzeitigkeit verschiedener Gruppen auf der Bühne löste McVicar mit einer hölzernen Brücke. Der zweite Spielort in luftiger Höhe direkt hinter dem Bühnenportal erlaubt rasche Wechsel der Ebenen, Auftritte und Abgänge, ohne die zu ebener Erde laufende Haupthandlung zu stören.

Das Stelldichein im Park mit angedeuteter Prügelszene erinnert mit den Kostümen an Don Quixotes Kampf gegen die Schatten. Die Szene der Elfenkönigin evoziert Assoziationen an den Mendelssohn’schen Sommernachtstraum. Das alles wird geschmackvoll und animiert exequirt, mit sichtbarer Freude aller Beteiligten.

VI.
Als Nannetta und Fenton gaben Hila Fahima und Paolo Fanale in dieser Neuproduktion ihre Rollen- bzw. Haus-Debuts. Der aus Palermo gebürtige Tenor harmonierte gut im Spiel mit seiner Partnerin, blieb allerdings in der gesanglichen Umsetzung seiner (nicht allzu großen) Partie blaß. Bei beiden waren jene stimmtechnischen Unzulänglichkeiten nicht zu leugnen, von welchen das Feuilleton heute kaum mehr Notiz nimmt: mangelndes legato vor allem. Fanale ließ einen etwas trockenen, angenehm timbrierten Tenor hören, mit Schwachen bei den Spitzentönen. Ob man ihn beispielsweise als Alfredo Germont hören wollte? Wohl eher nicht.

Hila Fahima blieb in ihrer Verkleidung als Elfenkönigin den Zauber schuldig. Auf schön geformte Phrasen folgten welche mit flacher, stumpf klingender Stimme, blieb der Vortrag uneinheitlich. Die eng geführte Stimme klang — vor allem, wenn sie ins piano zurückgenommen werden sollte — nicht frei, vermochte keine Fülle zu entwickeln. Mag man Fahima auch mancherorts zum Star hochschreiben: Für eine nachhaltige, große Carrière reicht die gestrige Leistung nicht.

VII.
Lilly Jørstadt als Meg Page und Carmen Giannattasio als Alice Ford boten ähnliches: trockenes, mitunter angespannt klingendes Material mit Schwächen im tiefen Register. Sich unwillkürlich ändernde Stimmfarben deuteten für ein an den großen Alten geschultes Ohr auf einen wechselnden Stimmsitz hin. Alle anderen Ohrenbesitzer werden keine Einwände erheben, spielten die Damen doch mit Leidenschaft und sichtbarer Freude.

VIII.
Marie-Nicole Lemieux hatte die Mrs. Quickly bereits vor fünf Jahren im Haus am Ring gesungen. Gestern (wie auch schon in der Première) vermißte man jene musikalische Wandlungsfähigkeit ihrer Altstimme, welche für eine ausgezeichnete Darstellung der Partie unabdingbar ist. Zwar mußte sich die Franco-Kanadierin nicht mühen, das geforderte Stimmvolumen zu entwickeln, doch reduzierte sich die erzielbare, stimmliche Delicatesse vor allem im Duett mit Falstaff auf jene Eindimensionalität, welche an anderen Abenden aufkommende Langeweile im Parkett begründet.

»Falstaff«, 3. Akt: Falstaff (Ambrogio Maestri) im Bade © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Falstaff«, 3. Akt: Falstaff (Ambrogio Maestri) im Bade

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

IX.
Thomas Ebensteins trocken klingender Tenor machte bereits in der ersten Szene klar, warum Nannetta Fenton Dr. Cajus vorzieht. Spieltenor hin oder her, da quäkte es im Verein mit dem Bardolfo des Herwig Pecoraro schon gewaltig. Schade eigentlich, denn Ebenstein ließ das eine oder andere Mal mit schön geformten Phrasen aufhorchen, trotz des Gefühls, seine Stimme stünde immer unter großem Druck. Riccardo Fassi sang und spielte einen beherzten Pistola und ergänzte das Herren-Quintett im — gestern leider verschleppten — Nonett im ersten Akt.

X.
Eigentlich — eigentlich ist der Ford des Ludovic Tézier die tragische Figur des Abends: Eifersüchtig, wird er nicht nur als Mr. Fontana zum Gespött Windsors, sondern auch mit der hintertriebenen Verheiratung Nannettas mit Dr. Cajus. Gabrielle Daltons rotes Beinkleid und ebensolcher Umhang sowie das mit güldener Stickerei verzierte Wams für Ford macht dies ebenso deutlich wie Verdis Musik. Man höre nur genau hin, wie Tézier mit ruhigem Ton seine große Szene gestaltete. … Wie Zubin Mehta Tézier unterstützte in der gesanglichen Entwicklung seiner Rolle. … Wie Verdi Ford im sich famos steigernden Finale des zweiten Aktes musikalisch der Lächerlichkeit preisgibt. Und Tézier seiner Figur trotzdem die Würde zu bewahren weiß.

XI.
Ambrogio Maestri kehrte uns nach der Première als Sir John Falstaff wieder: Rekonvaleszent noch, wie seine vorsichtigen Bewegungen im zweiten und dritten Akt andeuteten. Stimmlich ausgeruht.

Faszinierend, wie Maestri das Publikum mit seiner Stimme zu bannen weiß, wenn er die Ehre besingt. Köstlich, wie er den von sich eingenommenen Sir John im Duett mit Mrs. Quickly spielt, nur um Minuten später dem als Signore Fontana verkleideten Ford seine Qualitäten in der Eroberung Alices anzupreisen. (Welch kompositorische Raffinesse übrigens, wenn Verdi im Orchester die Hörner hervortreten läßt, während Falstaff Signore Fontana gegenüber Alices Mann einen Tölpel nennt.)

Man mag Maestri vorwerfen, daß seiner Falstaff-Interpretation ein Schuß Selbstironie innewohnt. Wenn er am Ende des Abends »Tutta nel mondo è burla« intoniert, weiß man, daß Sir John sich seine Niederlage nicht zu Herzen nehmen wird. Weil er sich nicht ändern kann. Und immer wieder auf’s Neue auf das »Sir« in seinem Namen vertrauen wird. Ford hingegen… Er wird in Windsor noch länger an den Hörnern zu tragen haben, welche er sich in seiner Eifersucht selbst aufgesetzt hat…

XII.
Diese Falstaff-Produktion bietet dank Zubin Mehta und David McVicar mit seinem Team eine stimmungsvolle Umsetzung der Partitur. Wer kam, um sich zu unterhalten, wurde mit einem der Shakespeare-Zeit abgeschauten Bühnenbild und die Zeit des englischen Dramatikers evozierenden Kostümen bestens bedient. Wen nach mehr dürstete, der konnte sich am engagiertem Spiel aller Beteiligten und einer viele Details offenlegenden musikalischen Umsetzung der Partitur erfreuen. Und wer nicht so genau hinhörte, hatte wohl auch an den gesanglichen Leistungen nichts auszusetzen.

Denn: Die Kunst des Spielleitens liegt nicht in der Bevormundung des Publikums durch die mit der Übertragung des Textes in andere Zeiten einhergehende Einschränkung auf einige, wenige Aspekte. Sondern im Herausarbeiten der für uns heute noch brauchbaren Shakespeare-Werte.

Diesmal gelang’s.

440 ms