Rezensionen Oper

Richard Wagner: »Parsifal«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka
»Parsifal«, 3. Aufzug: Flügelbehelmte Geistesgrößen aus dem Wien des Otto Wagner und Patienten des Wagner-Spitals als Gralsritter des Alvis Hermanis © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Parsifal«, 3. Aufzug: Flügelbehelmte Geistesgrößen aus dem Wien des Otto Wagner und Patienten des Wagner-Spitals als Gralsritter des Alvis Hermanis

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

I.
Zwischen der szenischen Bankrotterklärung des Alvis Hermanis und Repertoire-Niveau entsprechenden Sängerleistungen erblühte eine instrumentale Aue. (Dies ein erstes Resümée.)

II.
Die Verlegung des Wagnerschen Bühnenweihefestspiels in ein Spital des Wien Otto Wagners: — welch hanebüchene Idee!

Was Wunder also, daß bei Kwangchul Youn als Gurnemanz in der ersten halben Stunde die Stimme bedrohlich tremoliert? Bei dieser Realität gewordenen Schizophrenie zwischen Text und Bühnenbild bzw. verlangter Aktion? Selbst wenn man des Spielvogt Hermanis’ Inszenierungsansatz weiter verfolgen wollte: Spätestens, wenn Kundry in der Zwangs­jacke hereingeführt wird und trotzdem Gurnemanz den Balsam aus Arabien überreicht, wird die Szene sinnlos.

Daß Amfortas in seinem Bett aus dem Bühnenhintergrund gefahren wird, nur um von vorne wieder nach hinten — zum Bade — zu schlurfen: großzügige Zuwaag’ des Spielvogts. Freiheit der Kunst hin oder her: Verantwortlich Handelnde hätten dieses Konzept bereits beim ersten Gespräch dankend abgelehnt und als Requisite zum Einheizen im ersten Akt von La Bohème kassiert…

»Parsifal«, 1. Aufzug: Kundry (Anja Kampe) und Parsifal (Christopher Ventris) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Parsifal«, 1. Aufzug: Kundry (Anja Kampe) und Parsifal (Christopher Ventris)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

III.
Man spielt Parsifal dieses Jahr. Christopher Ventris heißt der Schuldige, der den tumben Toren ebenso wie den hellsichtigen Ritter mit musikalischer und szenischer Ernsthaftigkeit gestaltet. Ventris sucht seine Partie gesanglich zu fassen, singt, wo möglich, auf Linie. Begibt sich auch jener jugendlichen Ungestümheit, welche ein Johan Bohta im ersten Aufzug zu entfachen wußte. Nun: Man lauschte gerne.

IV.
An Kwangchul Youn als Gurnemanz zogen die Jahre nicht spurlos vorüber. Nach schwachem Beginn bot er dann — zumindest phasenweise — jenes Niveau, an welches man sich erinnerte. Trotzdem: Welch’ ein Unterschied zu René Papes Leistung in der Première…

V.
Jochen Schmeckenbecher übernahm, nachdem er im Vorjahr Klingsor gesungen hatte, die Partie des Amfortas. Gesanglich zufriedenstellend. Doch erreicht seine Darstellung des siechen Gralskönigs in keiner Sekunde die Intensität eines Gerald Finley. … Schmeckenbecher schlurft als Leidender zwischen den Schwestern einher. Auf sich allein gestellt (etwa bei der Enthüllung des Grals — einem menschlichen Gehirn —), geraten seine Bewegungen zu bestimmt. Ein Simulant: Ich nahm ihm in den nachfolgenden Szenen sein Siechtum nicht mehr ab.

VI.
Boaz Daniel ist zweiter Primararzt in des Spielvogts Station im Wagner-Spital. Anstatt ein erster Klingsor sein zu dürfen. Im ersten Aufzug rollt er die ins Gitterbett gesperrte Kundry von der Bühne, nachdem ihm Primarius Gurnemanz den Schlüssel dafür aushändigte. Obwohl dieser Gurnemanz zuvor den sich als Diplom­pflege­personal auftretenden Knappen sang: »[…] den Gral auch wähnt er fest schon uns entwunden.« Kollegiale Verhältnisse sehen anders aus. Und die Szene kippt — zum wievielten Male an diesem Abend? — ins Absurde...

Musikalisch blieb Daniel im Beliebigen. Keine Höhepunkte. Keine Dämonie. Allerdings: Wie soll Primarius Klingsor Sinnhaftigkeit in seinem Tun erkennen, wenn er, vom Spielvogt gezwungen, untätig zusehen muß, wie Parsifal einen überdimensionalen, vergoldeten Grillspieß aus einem einem großen Gerhirnmodell zieht und ihn zum zurückeroberten »heiligen Speer« erklärt? Den Spielvogten ausgeliefert, hat man’s nicht leicht als Opernsänger heutzutage…

VII.
Gleiche Kunde muß von Anja Kampe als Kundry gegeben werden: Großen Ausbrüchen folgten Phrasen mit unsteter Tongebung und wechselndem Stimmsitz. Kampes stärkster Moment: der Vollzug der Fußwaschung an Parsifal im dritten Aufzug. Da ahnte man das Mögliche. (Und fühlte sich bestätigt in seiner Wahrnehmung der österlichen Walküre vor einem Jahr.)

»Parsifal«, 1. Aufzug: Willkommen auf Primarius Gurnemanz’ (Kwangchul Youn) Station im Wagner-Spital des Alvis Hermanis © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Parsifal«, 1. Aufzug: Willkommen auf Primarius Gurnemanz’ (Kwangchul Youn) Station im Wagner-Spital des Alvis Hermanis

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

VIII.
Stefan Mickisch stellte in seiner letzten Betrachtung des Parsifal die Frage, warum die Gralsritter und die Blumenmädchen das gemeinsame As-Dur verbindet. Nach dem gestrigen Abend stellt sich die Frage nicht: Denn der Blumenmädchen Sang erklang gestern selten in As-Dur. Der schwankte munter zwischen G- und A-Dur: — leider nicht bei allen zur selben Zeit…

IX.
Die instrumentale Seite des Abends jedoch (ich schrieb dies bereits): außerordentlich. Es gibt weltweit wohl nur wenige Opernhäuser, in welchen ähnliche Orchesterleistungen erfahrbar sind. Und dies dem Dirigat zum Trotz: Immer wieder brach Semyon Bychkov der Spannungsbogen; — vor allem der erste Aufzug litt darunter. Daß Bychkov, anders als bei der Première, liegengelassene Zeit mit gehetzten Tempi anderswo aufholte, änderte wenig am Gesamteindruck. … Unver­kennbares Indiz: unsaubere Choreinsätze und Sänger, welche immer wieder aus ihren Rollen fielen, um nach dem Souffleurkasten zu schielen.

X.
Dieser Parsifal: eine Prüfung. (Wenn auch keine so große wie im Vorjahr.) Aber schließlich ist ja Passionszeit.

358 ms