»La traviata«, 2. Akt: Violetta Valéry (Marina Rebeka) im Duett mit Giorgio Germont (Plácido Domingo) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»La traviata«, 2. Akt: Violetta Valéry (Marina Rebeka) im Duett mit Giorgio Germont (Plácido Domingo)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Giuseppe Verdi: »La traviata«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

»Abwechslung ist die Seele des Lebens«, schreibt Alfred Kerr, Bismarck zitierend. Konwitschny gab in Graz (und im Theater an der Wien) Alfredo in Strickjoppe und als Muttersöhnchen. Sivadier gibt an der Staatsoper Alfredo als Möchtegern-Latino und Violetta als saufende Schauspielerin im billigen Kleidchen.

II.
Das Verhalten Giorgio Germonts ist heute fast unmöglich. Diese Unmöglichkeit wird, natürlich, viel stärker sichtbar, wenn sie auch noch in heutiger Tracht gespielt wird. Oder?

Ach so: Das jetzige Kleid will andeuten, Giorgio Germonts Ansichten seien zu jeder Zeit denkbar. Während sie eben verdammt zeitgebunden ist. Das nicht mehr Zeitgemäße wird dadurch unterstrichen, hervorgekehrt… Das gegebene Werk wird nur Stoff zum Anlaß, für den Regisseur.

III.
Die Staatsoper bot erstmals Plácido Domingo als Giorgio Germont auf. »Nonno« eher als »Padre«, mit 82 Lenzen. Hier galt’s dem Kassenrapport. Der Quote. Und dem Publikums­verlangen. Nicht der Kunst.

Beeindruckend, wie der ehemalige Weltklassetenor sich seine Technik zu bewahren wußte. Beeindruckend, wie er neugierig sich weitere Rollen erarbeitet. Beeindruckend, wie sein unverwechselbares Timbre immer noch binnen Sekunden verrät, wer da jetzt die Bühne betreten hat.

Doch das Alter fordert seinen Tribut — unbarmherzig: In der großen Szene mit Violetta schien es, als wüßte Domingo nicht mehr, wieviel Atem er für die eben zu singende Phrase benötigt, stieß mehrmals die überschüssige Luft aus. »Di Provenza« muß einfach anders klingen — mochten auch viele begeistert applaudieren, die gemeinsam mit dem Sänger alt wurden.

Gänzlich versungen und vertan war die nachfolgende Stretta: Da rettete sich jemand über die Runden. Mit falschen bzw. verschleppten Einsätzen in einer an Verdi angelehnten Eigenkomposition.

So sehr es auch schmerzen mag: Es ist an der Zeit, dankbar zurückzublicken und die Konsequenzen zu ziehen.

IV.
Dmytro Popov überraschte bei seinem ersten Wiener Alfredo Germont mit einem leicht metallischen Tenor und jenem dunklen Timbre, welches in den letzten Jahren so aus der Mode gekommen ist. Und mit einem Anflug von Legato. Die Stimme klingt (ob der Herkunft?) auch ein wenig guttural.

Der Sänger bemühte sich um Differenzierung, auch um engagiertes Spiel mit Violetta und am Fest bei Flora. Da liebt einer und versteht die Welt nicht mehr. Die Verzweiflung dieses jungen Menschen wurde — Gottseidank wieder einmal! — spürbar. Leider erfüllten weder »De’ miei bollenti spiriti« noch »Oh mio rimorso« die Erwartungen nach der im ersten Akt gebotenen Leistung. Trotzdem: Irgendetwas hat diese Stimme, die mich mit einem endgültigen Urteil zaudern läßt.

»La traviata«, 2. Akt: Violetta Valéry (Marina Rebeka) mit ihrem geliebten Alfredo (Dmytro Popov) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»La traviata«, 2. Akt: Violetta Valéry (Marina Rebeka) mit ihrem geliebten Alfredo (Dmytro Popov)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

V.
Marina Rebeka kehrte nach dem März 2015 als Violetta Valéry auf die Staatsopernbühne zurück: Die brillanten Passagen des ersten Aktes waren ihre Sache nicht: Da gab es einige unsaubere Koloraturen und falsche Töne sowohl im oberen als auch im tiefen Register zu notieren.

Das Publikum war gestern übrigens wieder einmal indisponiert und nützte (unter anderem) die Generalpause zwischen Cavatine und Cabaletta in Violettas großer Szene zu unpassendem Zwischenapplaus. Gewiß, die lettische Sopranistin klang zu gesund für eine Schwindsüchtige. Doch interpretierte sie »Addio del passato« ebenso überzeugend, wie sie ihrem geliebten Alfredo im Ensemble des zweiten Aktes von den Wundern der Liebe sang.

VI.
In der Partie der Flora Bervoix tanzte Zoryana Kushpler um vieles besser als sie sang. Sie führte die Riege der Comprimarii an — das sind jene Sänger der Nebenrollen, welche man trotzdem hören sollte. Einzige (positive) Ausnahme: Jongmin Park als Dottore Grenvil. Aber die meisten kamen ohnehin »Domingo schauen«. Und wurden, was das Optische betrifft, nicht enttäuscht.

VII.
Positiv erwähnt seien die Herren des Staatsopernchors: Am Fest bei Flora hinterließen sie einen denkbar günstigeren Eindruck als ihre weiblichen Kolleginnen. Letztere interpretierten die Zigeunerinnen a piacere, was die Synchronisation mit dem Orchester betraf.

VIII.
Am Pult stand — endlich wieder einmal! — mit Marco Armiliato ein Advokat für Verdis Genie. Daß er die Don Carlo-Vorstellungen Ende Mai übernehmen wird: ein Gewinn für alle. Maestro Armiliatos Animo übertrug sich auf das Beste auf’s Staatsopernorchester unter der Führung von Rainer Honeck: Schon lange nicht mehr gab es im Haus am Ring einen derart federnde und doch sehnige Wiedergabe dieser Partitur zu hören. Gelungen. Besonders das Vorspiel zum dritten Akt erklang mit einer Schönheit und Innigkeit, welche Wiener Opernfreunde lange entbehren mußten.

Davon bitte mehr.

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