Deckengemälde von Marc Chagall im Pariser Palais Garnier (Ausschnitt) © Thomas Prochazka

Deckengemälde von Marc Chagall im Pariser Palais Garnier (Ausschnitt)

© Thomas Prochazka

Von » blackfacing «, Gutmensch*innenden und der alltäglichen Diskriminierung

Von Thomas Prochazka

Die Gutmensch*innenden, die Sozialen Netzwerke und das » blackfacing «. Dreimal Schielen nach der Macht.

Eine aus dem Ruder gelaufene » blackfacing «-Debatte führt zum überstürzten Rückzug der auf die Diskussion aufgesprungenen afroamerikanischen Sängerin aus den Sozialen Netzwerken. Eine andere Sängerin ist verdammt müde; — aber (leider) nicht zu müde, einer Kollegin im Internet » blackfacing « vorzuwerfen. Ein sich in der Rolle des investigativen Journalisten Gefallender nützt seine Kommentare für ähnliche Äußerungen. Nebenbei moderiert er Pseudo-Diskussionen mit Gleichgesinnten und zitiert eine Duz-Freundin mit den Worten: Wenn bei Otello geblack­faced wird, habe ich keine Lust mehr, über die musi­ka­li­sche Qualität zu berichten.

Die Gutmensch*innenden, die Sozialen Netzwerke und das » blackfacing «: eine für manche unheilvolle Trias?

II.
» Blackfacing «: die Verwendung von Schminke auf dem Theater zwecks Darstellung einer Figur mit laut Libretto oder Partitur dunklerer Hautfarbe, als sie in der lokalen Bevölkerung üblich ist.

Zu welchem Zweck? Weil Autoren Figuren hervortreten lassen wollten; aus verschiedensten Gründen.

Der kleine Neger im Rosenkavalier (im Personenverzeichnis der Partitur steht es so) soll uns den Reichtum der Familie Werdenberg vor Augen führen. Der dunkel geschminkte Otello1 ist selbst für den Novizen nach der Lektüre des Opernführers von der Galerie aus deutlich auszumachen: Er ist der (Anti-)Held des Abends. Der siegreiche Feldherr. Heerführer. Er besitzt das Vertrauen der Mächtigen Venedigs. Ist Gemahl der schönen, adeligen und von vielen begehrten Desdemona. Dennoch: Otello ist ein Eifersuchtsdrama, keines der Identität. (Verdi, der Theatermann, war immer an menschlichen Schicksalen interessiert. Das Drumherum, gleichgültig ob in Simon Boccanegra, Don Carlo oder Aida, war ihm Decorum; dramatisches Element.)

Wenn ich eine » Zauberflöte « sehe und sehe, dort wird geblackfaced, dann habe ich überhaupt gar kein Interesse mehr daran, über den transparenten Orchesterklang nachzudenken.

Eine freie Journalistin und Dozentin für Musikjournalismus

III.
In der Zauberflöte begegnet uns Monostatos — ein Mohr, wie das Personenverzeichnis berichtet. Die Meinung einer freien Journalistin und Dozentin für Kulturjournalismus dazu: Wenn ich eine Zauberflöte sehe und sehe, dort wird geblackfaced, dann habe ich überhaupt gar kein Interesse mehr daran, über den transparenten Orchesterklang nachzudenken. Dann frage ich mich eher: Was ist das für eine Regie, was haben sich die zur Hölle dabei gedacht, was sind das für Institutionen, die das nicht nur geschehen lassen, sondern das aktiv supporten. Und warum diskutieren wir darüber nicht?

Nun denn, diskutieren wir: Diskutieren wir darüber, daß Papageno kein Problem mit dem Mohren hat. Daß er die Existenz von Menschen mit anderer Hautfarbe als seiner eigenen mit der Weisheit des simplen (und daher unprüfbaren) Menschen zur Kenntnis nimmt: Es gibt ja schwarze Vögel in der Welt, warum denn nicht auch schwarze Menschen? Damit ist das Thema für ihn erledigt: Humanismus pur.

IV.
Die Gutmensch*innenden, die Sozialen Netzwerke und das » blackfacing « …

Die Gutmensch*­innende erblickt im » blackfacing « ein fast unüberwindliches Hindernis, wenn sie an die Rezension einer solchen Aufführung schreiten soll. (Ganz abgesehen davon, daß transparenter Orchesterklang oftmals nichts anderes beschreibt als das Unvermögen des Dirigenten, aus den Gesangs- und Orchesterstimmen ein abgestimmtes Klangbild zu formen.)

Daß Sarastro über Sklaven gebietet, absolut herrscht; daß er Pamina entführt hat und gefangen hält, stört Gutmensch*­innende nicht. Daß der — wir dürfen annehmen, von Sarastro eingesetzte — Hüter der Tempelschwelle in dessen Sinn spricht, wenn er zu Tamino sagt: Ein Weib tut wenig, plaudert viel, du Jüngling glaubst dem Zungenspiel, ebenfalls nicht. (Auch wenn die Stellung der Frau in der Gesellschaft zu Mozarts und Schikaneders Zeiten eine andere war als heute.) Seltsam.

Heischte nicht zuvörderst diese Weltsicht Aufmerksamkeit? Wäre, um zu Monostatos zurückzukommen, nicht vordringlich zu analysieren, was ihn dazu bewegt, im Verlauf des Abends die Seiten zu wechseln? Was Sarastro zur Vernichtung der Königin der Nacht und ihrem Gefolge legitimiert? Was soll uns der Tag ohne die Nacht? Und was bliebe uns dann von der Zauberflöte …? Sollen wir also dieses Werk nicht mehr aufführen?

Könnte es sein, daß Institutionen, die » blackfacing « aktiv supporten, sich darum bemühen, ihrem Publikum Die Zauberflöte so zu zeigen wie in der Partitur beschrieben? Könnte es sein, daß die Intendanten dieser Opernhäuser darauf vertrauen, daß ihr Publikum mündig genug ist, den Unterschied zwischen dunkler Schminke und Diskriminierung auf Grund der Hautfarbe zu kennen?

V.
Die Gutmensch*innenden, die Sozialen Netzwerke und das » blackfacing «.

Die Sozialen Netzwerke, die Internet-Foren sind der Gutmensch*innenden Tummelplätze. Eine Minderheit von vorauseilend politisch korrekten Intendanten und Empörungsziselierern (© Andreas Rebers) führt mit den Daumen auf ihren Smartphones einen Kreuzzug um die Deutungshoheit über die digitalen Stammtische. Hinter heruntergelassenen Visieren schrecken sie nicht vor Versuchen medialer Vernichtung der zu Feinden Auserkorenen zurück: jener, die abweichende Meinungen vertreten. Diese Minderheit versteht sich als die Hohepriester einer Wahrheit, welcher mit allen Mitteln zum Sieg verholfen werden muß.

VI.
Das » blackfacing «: Muß wirklich darauf hingewiesen werden, daß der Auftrag von Farbe (nicht nur im Gesicht) zum Zwecke der Verstellung, des sich Geneigtmachens der Götter oder ähnlichem, vielen Kulturen immanent ist? — Die wiederholte Behauptung, » blackfacing « sei rassistisch, wird durch Wiederholung nicht wahrer; — nur lächerlicher.

Wer nicht wahrhaben will, daß Schauspieler und Sänger in Rollen schlüpfen, sich verkleiden, maskieren, scheint Grundlegendes über das Theater nicht verstanden zu haben. Wer als Berichterstatter, Intendant oder Sänger nicht begreift, daß die Verwendung jeder Art von Schminke auf einer Opernbühne allein dem Ziel größtmöglicher Illusion in der Darstellung dient, hat seinen Beruf verfehlt. Denn in der Oper, auf dem Theater, darf Schminke einfach nur Schminke sein.

VII.
Doch, zugegeben, ist es einfacher, sich über » blackfacing « als » rassistisch « zu empören, als die Stimme wider die alltägliche Diskriminierung von Sängern zu erheben. Wer — ausgenommen die Betroffenen — interessiert sich schon dafür? Dafür, daß eine 50-jährige Sopranistin an keinem größeren Haus mehr als Violetta engagiert wird, auch wenn sie technisch um Klassen besser singt als ihre jüngeren Kolleginnen? Dafür, daß sich Regisseure oder deren Assistenten in Proben herablassend und abfällig über nicht ihren körperlichen Vorstellungen entsprechende Sänger äußern dürfen, ohne von den Intendanten aus den Produktionen geworfen zu werden? Weil dem Wahn » Musiktheater «, den Spielvögten, alles untergeordnet werden muß?

Bei Besetzungen hat es um die Stimme zu gehen. Und ausschließlich die Stimme.

Conrad L. Osborne

Nach einem Vorsingen, bei welchem es nicht einmal ein Gespräch mit dem Intendanten gegeben hat, hieß es in der Absage an eine Sängerin, sie sei » toll « und » erfahren «. Ihre Musikalität und Gestaltungsfähigkeit ist [sic!] wirklich ausgezeichnet. Man habe allerdings ein insgesamt jüngeres Ensemble im Sinn. Und weiter: Ich hoffe, Sie verstehen das. — Tun wir. Kein Problem, wirklich. Wir verstehen, daß hier offen Diskriminierung auf Grund des Alters stattfindet. Und daß Opernhäuser lieber billige und junge Piepsmäuse engagieren anstatt die Künstler, die am besten singen. (Wer meint, solche Vorfälle zählten nicht, solange keine Namen genannt werden, verkennt, daß die Phalanx der Institutionen übermächtig ist und die Betroffenen auch morgen noch ihren Lebensunterhalt verdienen müssen.)

VIII.
Alter, Aussehen, Hautfarbe, Herkunft, Nationaliät oder Religion haben weder bei Engagements noch bei der Beurteilung einer künstlerischen Leistung eine Rolle zu spielen. Bei Besetzungen hat es um die Stimme zu gehen. Und ausschließlich die Stimme, so Conrad L. Osborne in einem seiner Essays. In der Kunst sind Quoten fehl am Platz. Das einzige, was zählen darf, ist die künstlerische Qualität.

Ob Gutmensch*innende das je verstehen werden?

  1. Über die richtige Übersetzung des italienischen Wortes « moro » wurde in unzähligen Beiträgen hitzig (und ergebnislos) debattiert. Die einen übersetzen mit » Maure «, die anderen mit » Mohr «.

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