Feuilleton

Terrassen-Talk

Von Thomas Prochazka

Dramolett in einem Aufzug.

Tisch auf der Terrasse eines alteingesessenen Kaffeehauses am Salzachufer mit Blick auf die Alt­stadt und die Festung. Am Morgen nach der TV-Übertragung von Mozarts Oper »Die Zauberflöte«.

Kompetente TV-Klassik-Star-Moderatorin (enthusiastisch):
Was für eine Nacht! Eine Nacht des Schreckens und der Freude, eine Nacht der Gefahren und der Über­ra­schun­gen! Wir haben als ›Königin der Nacht‹ eine blutjunge Sängerin erlebt! Sie ist einge­sprungen, hat in diesem riesigen Haus debutiert und damit die Vorstellung gerettet. Sie hat genau eine Stunde…
Kulturkritiker des Lokalblattes (unterbricht sie):
So ein Quatsch! Drei Stunden waren es! Ich habe mit ihr ge­sprochen. Sie war gerade beim Shopping in der Stadt, als der Anruf kam…
Bayrischer Hauptstadtkritiker (läßt sich, angetan mit Lederhose und Leinenhemd, auf dem letzten freien Sessel nieder):
Griaß eich! (Sich ins Gespräch mengend.) Sie hätt’ net oheb’n soll’n…
Kulturkritiker des Lokalblattes (erbost, als wären es seine Festspiele):
Also, erlauben Sie mal!
Wiener Kritiker:
Richtig! Die Hila Fahima hätte das viel besser gesungen! Dominque… — ich meine, Direktor Meyer — schwärmt immer so von ihr.
Kompetente TV-Klassik-Star-Moderatorin (ungerührt):
Nein, eine Stunde! Ich hab’s extra gestern so gesagt…
Kulturkritiker des Lokalblattes:
Drei! Aber ohne Vorprobe…! Ohne Vorprobe sang sie die zwei berühmten Mozart-Arien…
Bayrischer Hauptstadtkritiker (belustigt):
Da Mozart hoat nur zwoa berühmte Arien g’schrieb’n?
Kulturkritiker des Lokalblattes:
Na, in der »Zauberflöte«!
Bayrischer Hauptstadtkritiker (kann sich das Lachen kaum verkneifen):
Ah so! Zwoa be­­rühmte Arien in da »Zauberflöt’n«… Und i hob’ ma scho denkt…
Wiener Kritiker:
Wie gesagt, die Hila Fahima…
Bayrischer Hauptstadtkritiker (unterbricht ihn. Vertraulich):
Sog amol, wos mochst’n Du nochher 2020, wenn dei Bazi weg is und der … dera Roščić kummt?
Wiener Kritiker (ernsthaft):
Na, dagegen schreiben, selbstverständlich! So wie alle!
Bayrischer Hauptstadtkritiker:
Oba Du woaßt jo no goar net, wia dös werd’n wiard…
Wiener Kritiker (indigniert):
Das ist ja völlig egal. Darum geht’s ja gar nicht. Sondern, das ist eine politische Angelegenheit! Dieses weltberühmte Institut… (unterbricht sich) Dom… — ich meine, Di­rektor Meyer — ist in jedem Fall der bessere Operndirektor! Das kann gar nichts werden mit diesem Roščić…
Bayrischer Hauptstadtkritiker:
No, dann paß nua auf, daß di net täuschst…!
Wiener Kritiker (spricht unbeirrt weiter):
…und überhaupt, Ihr in München: Irre ich mich, oder habt Ihr dem Constantinos Carydis die ›Carlos Kleiber-Medaille‹ als bestem Nachwuchsdirigent verliehen?
Bayrischer Hauptstadtkritiker:
Itzt’n schaust, daß’d weidakimmst! Erstens: Oana muaß de Pletsch’n jo kriag’n, oda? Zweitens: Dös woar 2011. Drittens: Der dirigiert jo a ›Andante‹ so schnell wia a ›Allegro‹. (Wendet sich an den Kulturkritiker des Lokalblattes.) Oba hobt’s es net 2016 g’schriab’n, daß der Carydis — woart, glei hob i’s … (blickt einen Moment sinnierend in die Höhe) … fia a jed’s Stück’l a passende, spezifische Klangaura find’t, an Foarb’n­reichtum entwick’lt, der wos nur entsteh’n koan wann oana sölbst die kloanst’n Nuancen, Verzierungen und Phrasierungsdetails beacht’t und ernst nimmt, also ins Innerste von de Werke z’hear’n vasteht? Außadem: Woast Du, wiavü Wossa seither die Isar oba­g’flossa is? (Zur kompetenten TV-Klassik-Star-Moderatorin gewandt.) Letzt’ns hoat eam da Bachler nur mehr a »Nozze« dirigier’n lass’n. Und heia kriagt er nua oa Aka­de­miekonzert. So schaugt’s aus!
Kompetente TV-Klassik-Star-Moderatorin (eigensinnig):
Also, ich finde, sie hat das blitzsauber gesungen! Und sie hat die Vorstellung gerettet!
Bayrischer Hauptstadtkritiker (gemütlich):
Ihr werd’s ma do net einreda woll’n, daß de Soalzburga Festpiele bei solchen Koartenpreis’n koa Zweitbesetzung hob’n? Und waun’s dös Madl is. Weu, de hot jo die ›Kinigin da Nocht‹ a scho a paar Mal fia de Kinda g’sunga...
Kulturkritiker des Lokalblattes (wirft sich in die Brust, als wären es seine Festspiele):
Trotzdem! Die Riesendimensionen des Großen Festspielhauses muß man erst einmal bewältigen!
Bayrischer Hauptstadtkritiker:
Dös is ja dem Madl sei Beruf! Oba dös is ja no a Stu­dentin, koa Sängerin net. Und a net de begabteste… Koa Linie, koa sauberer Register­aus­gleich, koa Volumen, koa Tiefe, a flache Tongebung. De Koloratur’n… Und dös is itzt’n guat fia 430 Euro pro Kart’n? Dös muaß ma feiern? ›A star is born‹, oda wos? Meina Seel’! … Dös gibt’s jo net, daß ma dös net heart…
Die kompetente TV-Klassik-Star-Moderatorin, der Kulturkritiker des Lokalblattes und der Wiener Kritiker springen erbost auf, werfen ein paar Geldscheine auf den Tisch und wenden sich zum Gehen.
Kulturkritiker des Lokalblattes (zornig, im Abgehen):
Ihr Piefke! Ihr glaubt immer, das deutsche Feuilleton ist etwas Besseres! — Dabei schwappte dieses ganze blöde Regie-Theater-Zeugs doch aus Deutschland zu uns herein. Nicht umgekehrt!
Bayrischer Hauptstadtkritiker (zückt die Schnupftabakdose. Gemütlich):
Jo, mei… Daß es Ösis ollaweil glei ang’riahrt seids, wann amoi ona wos sogt. (Nimmt eine Prise, schneuzt sich, daß das Echo vom Mönchsberg widerhallt. Danach, halblaut vor sich hin.) Außa­dem: De Piefke san nördlicher dahoam. Und a deitsches Feuilleton gibt’s a scho long nimma! Oba der, der wos seit Jahr’n dös Regie-Theater in Mingga spuilt: Des is a Ösi.
(Vorhang.)
 

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