Feuilleton

Reichsdeutsche Uraufführung von »Die Frau ohne Schatten«

Von Johannes Reichelt

Es ist über die spezifisch Dresdner Erstaufführung zu berichten. Ich kann mir Werturteile über das Werk, soweit sie nicht mit der Dresdner Darstellung verknüpft sind, ersparen, da ja die Wiener Uraufführung voranging.

»Uraufführungen von gleichem Rang«, wozu Rich. Strauß1 in Form früherer Gnadenerlasse die Dresd­ner und die noch kommende Münchner Erstaufführung erheben wollte, sind ein Unding. Kö­nig­lich gebietet der Meister wohl über das Orchester und hält durch sein überlegenes Mu­si­zie­ren Ausführende und Hörende im Bann, aber seine Gnadenerlasse sind kraftlos; ihre Absicht verstimmt. Die Kunststätte, wo unter Schuchs Leitung die dramatischen Werke von Richard Strauß aus der Taufe gehoben wurden, sollte über die Wandlung des Komponisten, der in Wien sich neue Taufpaten suchte, hinweggetäuscht wenden. Krisen und Mißstimmungen lagen in der Luft, die nicht wirkungslos an der Dresdner Erstaufführung vorübergingen.

Es fehlt in Dresden die überlegene, verantwortlich leitende Persönlichkeit, die über Klippen in künstlerischen und verwaltungstechnischen Dingen mit Sicherheit hinwegführt. Viele Stimmen priesen die neue Leitung, den Künstlerrat, wo bald jener, bald dieser Liebling des Publikums einen gewissen Einfluß hat. Es fehlt ein überlegener Kunstdiktator, der auseinanderstrebende ln­ter­essen auf die richtige Bahn leitet, ein Fachmann und ein spiritus rector zugleich, der durch seinen Kunstuniversalismus und seine Persönlichkeit zum Führer wird; es fehlt dem Kunst­institute, das einst einen Weltruf hatte, seit Schuchs Tod und Graf Seebachs Weggang eine Per­sön­lich­keit, die für alle Maßnahmen verantwortlich gemacht werden könnte. Viele Köche verderben den Brei. Das gilt auch in Kunstdingen. Wir haben ein herrliches Künstlerensemble, erlesene Solisten und Regisseure, tüchtige Kapellmeister und das altberühmte Orchester. Aber der geniale Führer fehlt, der die zersplitterten Kräfte sammelt, der die Sächsische Landesoper zur alten kulturellen Vormachtstellung führt. So stand die Erstaufführung »Die Frau ohne Schatten« nicht auf der ragenden Höhe wie die früheren Strauß-Uraufführungen. Man gedachte der geschlossenen Uraufführungen und der hinreißenden künstlerischen Eindrücke, die einst unter Schuchs universaler Leitung von dieser Richard Strauß-Stätte ausgingen.

Zur Vorgeschichte der Mißstimmungen: Mehrfache Verschiebung des Aufführungstages. Täg­li­che Proben während der Festspiele. Zwang zu den Rollerschen Dekorationen, die nicht die be­rühm­ten Dresdner Eigenwerkstätten, sondern die Berliner Strauß-Firma Baruch & Söhne herstellen. Nicht rechtzeitige Lieferung. Dabei die Dekorationen im 3. Akt von einer Kitschig­keit, wie sie Dresden bei einer Erstaufführung noch nicht erlebte. Die Hauptprobe kam, am 18. Oktober Verkündigung des Künstlerrates in den Tageszeitungen: Jeder Eintritt zur Hauptprobe ver­bo­ten. Also auch die Presse ohne Zutritt! Die unentwegten Kritiker, die sich nicht einschüchtern ließen, kamen dennoch zur Hauptprobe und sahen das Haus bis in die obersten Ränge gefüllt. Bekannte und Vettern mit einem halben Dutzend Karten versehen. Selbst Dienstmädchen und Kinder in stattlicher Zahl, darunter Neunjährige mit der Bonbontüte. Nach dem 2. Akt wurde die Haupt­probe abgebrochen. Auf Wunsch des Komponisten. Verblüffung und Entrüstung. Die Thea­ter­lei­tung gab an, daß durch die Transportschwierigkeiten ein Teil der De­ko­rationen nicht ein­ge­trof­fen sei. Verlegung der »Uraufführung« auf den 6. November. Abreise vieler Kritiker. Wider­ruf: Auf­führung am 22. Oktober. Und so geschah es.

Über alles Lob erhaben war das Orchester, das in Klangseligkeit wie in früheren Zeiten schwelg­te. Glutvoll und hinreißend der junge Kapellmeister Fritz Reiner, ganz in den Inten­tionen des Komponisten aufgehend und befeuernd mit seiner eigenen Begeisterung. Eine nicht kleine Ar­beit des Hörens gibt uns die konzentrierte Musik des neuen Strauß. Wundervoll malt der Feuer­kopf am Dirigentenpult die eindringlichen Schilderungen der Details, mit prächtigem Far­ben­sinn deutet er die berückende Tonsprache, daß man schließlich doch die ganz in Sym­bo­lik getauchte, verklauselte Handlung und ihren tiefen Sinn versteht. Die Zwischenspiele sind unter seiner genialen Leitung von überwältigendem Klangzauber. Das Musizieren zwischen Sänger und Orchester war von wundervoller Schmiegsamkeit, daß die breite Melodik der Sing­stimmen in dem vielstimmigen Orchester führend blieb. In einer Ansprache pries Richard Strauß die »mustergültige, von Genialität und Fleiß getragene Einstudierung des Werkes durch Kapellmeister Reiner« und bezeichnete dies Erlebnis als eine seiner schönsten Kom­­po­ni­sten­erin­nerungen. Der Hauptanteil des Erfolges in Dresden kam also der prächtigen Kapelle zu, die auf alter Höhe wie unter Schuchs Leitung steht, und dem jungen genialen Ka­pell­mei­ster Fritz Reiner.

Von den Solisten stand an der Spitze Ottilie Metzger-Lattermann mit ihrer fabelhaften Cha­rak­teri­sierungskunst und der Ausdrucksfähigkeit ihres Organes. Ihre »Amme« war von dämo­ni­scher Größe. Ganz in Wohllaut getaucht und stilvoll Fritz Vogelstrom als Kaiser. Nicht am Platze trotz ihrem Edelorgane Elisabeth Rethberg als Kaiserin. Meisterlich das Färberpaaar Eva von der Osten und Friedrich Plaschke. Szenisch blieb manches ungelöst. Ich nehme an, daß die De­ko­ra­tionen nicht durchweg die vielgerühmten von Professor Roller aus Wien waren. Einwandfrei war nur die Landschaft mit dem Falknerhaus. Mancherlei Illusionsstörungen gab es, die der Regie auf das Schuldkonto geschrieben werden müssen. Die Aufmachung des 3. Aktes war geradezu kitschig und führte nicht zu der abgeklärten Stimmung, die die kosmische und menschliche Tendenz des Märchendramas, hier ganz in Klangzauber getaucht, haben könnte. Die vor­ge­schriebene »schöne Landschaft«, ein paar bepappte Felsen mit einem fleckigen Himmel als Hintergrund und einer unsagbar hilflosen Darstellung des Wasserfalles, über den sich dann eine kom­pak­te Brücke schlug, war nicht einmal einer Provinzbühne würdig. Die Szene unterstützte nicht die Absicht des Dichters und hatte nicht den Duft der Märchenstimmung. So mußte man sich allein von der Musik in das wundersame Märchenland »der Frau ohne Schatten« tragen lassen.

Das Publikum konnte nur schwer der Handlung folgen. Es nahm den 1. Akt sehr beifällig auf, den zweiten nicht innerlich widerspruchslos; nach dem 3. Akt aber kam es zu Kundgebungen mit der Siedehitze früherer Strauß-Uraufführungen. Wohl dreißigmal hob und senkte sich der Vor­hang. Richard Strauß mit seinen getreuen Helfern mußte sich immer wieder dem Publikum zeigen.

»Der Merker«. Österreichische Zeitschrift für Musik und Theater. 10. Jahrgang, Heft 22, 15. No­vem­ber 1919, S. 750 [Public Domain] via HathiTrust Digital Library.

  1. Anmerkung: In diesem Bericht wurde die Orthographie der Erst­ver­öffent­li­chung beibehalten. Auf eine An­glei­chung der Schreib­weise an die übliche Dar­stell­ung auf der Web­site »Der Merker« (z.B. Werk­titel oder Rollen­na­men) wurde verzichtet.

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