Rezensionen Oper

Giuseppe Verdi: »La traviata«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka
»La traviata«, 2. Akt: Ekaterina Siurina (Violetta Valéry) und Saimir Pirgu (Alfredo Germont) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»La traviata«, 2. Akt: Ekaterina Siurina (Violetta Valéry) und Saimir Pirgu (Alfredo Germont)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

I.
Ein Abend der Nebensachen (nicht: Nebensächlichkeiten). Wenn im ersten Akt Flora und der Marchese beim im Hintergrund getanzten Walzer in ihrem Treiben von der Szene zwischen Violetta und Alfredo abzulocken vermögen: Darf man dann von einer guten Vorstellung berichten? Wenn sich nach dem Duett »Parigi o cara« — zur Überraschung aller Beteiligten — keine Hand im Rund zum Applaus aufraffen mag: Ziemt es sich dann, in Lobeshymnen zu schwelgen?

(Gleiches begab sich auch vor Violettas »Sempre libera«. Jene Beifallskundgebung immer ab­ge­lehnt habend, soll die gestrige Begebenheit dennoch festgestellt sein.)

II.
Zugegeben, Zoryana Kushpler als Flora Bervoix und Clemens Unterreiner als Marchese d’Obigny wissen darum, eine Bühne mit Leben zu erfüllen. Sie glänzt vor allem am Ball in ihrem Haus, als lebenslustige Tänzerin ebenso wie als mitfühlende Freundin. Er erweckt die Aufmerksamkeit des Publikums allein mit seiner Präsenz. Zusätzlich präsentiert er die am besten klingende Stimme des Abends. Das Besetzungsbüro des Hauses allerdings betraut Unterreiner mit der als basso ge­kennzeichneten Partie des Marchese d’Obigny, während Sorin Coliban als Baron Douphol in einer Baritonpartie durch den Abend poltert. Es gibt Unergründliches auf dieser Welt.

Donna Ellen spielt eine allen dienende AnninaAyk Martirossian erkennt als Dottore Grenvil die Grenzen seines Tuns: allgemeine Bestürzung im dritten Akt. (Und ich frage mich: Warum erst jetzt?)

III.
Unsere Zeit ist nicht gesegnet mit Baritonen. Da ist Ludovic Téziers Tun als Giorgio Germont ein Lichtblick an diesem Abend. Obschon er die Stimme mit hörbar viel Kraft führt, es einige Zeit braucht, bis er seinen Rhythmus findet: Doch bemüht er sich um die Phrasierung; um’s legato; um die Gestaltung der Partie vornehmlich aus dem Gesang.

Allerdings klingt Tézier den ganzen Abend über, als stünde er unter Hochspannung; — als müsse er irgendjemandem etwas beweisen. Oder, als fühle er sich unwohl, weiß er doch um die Kon­ven­tionen des Bürgertums in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. … Ich will es ihm angesichts der tristesse dieser Produktion nachsehen.

IV.
Marco Armiliato nimmt sich der La traviata an. (Wieder einmal.) Umsichtig; rücksichtsvoll im Umgang mit den Sängern. Und ein-, zweimal blitzt sogar etwas wie Italianità auf: Als im Preludio das Solo-Cello zu singen beginnt; und als in Violettas Briefszene die Solo-Violine caressierend wirkt. Andernorts: solides Handwerk, auch des Staatsopernchors.

»La traviata«, 1. Akt: Clemens Unterreiner (Marquis d’Obigny), Donna Ellen (Annina), Ayk Martirossian (Grenvil) und Zoryana Kushpler (Flora) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»La traviata«, 1. Akt: Clemens Unterreiner (Marquis d’Obigny), Donna Ellen (Annina), Ayk Martirossian (Grenvil) und Zoryana Kushpler (Flora)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

V.
Eigentlich … eigentlich weiß der erfahrende Opernfreund nach der ersten Phrase des Brindisi, wie der Abend des Tenors verlaufen wird. »Con grazia« notierte Verdi in der Partitur; und: »leggerissimo«. Saimir Pirgu bietet keines. Daß er Alfredos Cabaletta »Oh mio rimorso! oh infamia!« nicht mit dem (von Verdi ohnehin nicht notierten) hohen ›c‹ be­schließt: geschenkt. Daß er sich durch die Partie bellt, kaum eine Phrase zu modellieren ver­mag, wiegt da schwerer. Viel schwerer. Oft wird (die »Krankheit« vieler Tenöre) die Bruststimme so hoch wie möglich gezogen, weil die Stimme im passaggio nicht »funktioniert«. Die auf diese Weise nicht er­reich­baren Spitzentöne werden einfach mit der Kopfstimme absolviert. — So singt man heute!

Mit Verlaub: Das ist keine einem ersten und auch kaum einem zweitklassigen Haus angemessene Leistung.

VI.
Nicht viel besser schlägt sich Ekaterina Siurina als Violetta. Auch hier kündigt das (im übrigen gar nicht so einfach zu singende, oft unterschätzte) Brindisi die Richtung an: »Tra voi« gleich zu Beginn führt die Stimme des Soprans über das mittlere ›d‹ hinunter zum tiefen ›f‹. Erst dort ist die Phrase zu Ende; verlangt also die Aktivierung des Brustregisters. (Danach wird zumeist geatmet.) Bei Siurina war das ›f‹ jedoch kaum mehr zu vernehmen: ein Menetekel.

Violettas große Szene mit Giorgio Germont gilt vielen Sopranen als die schwierigste der Partie: Sie erfordert andauernde Wechsel in und aus dem passaggio. Das ermüdet. Und wenn Germont père endlich die Bühne verlassen hat, warten alle gespannt auf »Amami, Alfredo«, um die Ta­schen­tücher zu zücken. Ich wartete vergeblich.

Siurinas Stimme läßt an diesem Abend bedenkenswerte Mängel hören: Viele In­to­na­tions­fehler in der Höhe (etwa ab dem hohen ›as‹) paaren sich mit einer Tiefe ohne Volumen: Konsequenz des kaum aktivierbaren Brustregisters. Die Stimme klingt den ganzen Abend über angespannt; eingeschränkt. In lauteren Passagen macht sich beunruhigendes Tremolo bemerkbar. Je nach Ton­lage ändert sich in den — zumeist ohne legato gesungenen — Phrasen die Stimmfarbe, sind Vo­kal­verfärbungen zuhauf zu verzeichnen.

VII.
Zu all dem gesellt sich Jean-François Sivadiers Sichtweise auf dieses Werk: Bonjour tristesse.

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