Rezensionen Ballett

Felix Mendelssohn Bartholdy:
»Ein Sommernachtstraum«

Wiener Staatsballett

Von Ulrike Klein
»Ein Sommernachtstraum«: Mihail Sosnovschi (Puck) und das corps des ballet © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

»Ein Sommernachtstraum«: Mihail Sosnovschi (Puck) und das corps des ballet

© Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Es wird Sommer in Wien. Die Nächte werden lau und mild… Auch in zwei Häusern der Stadt widmet man sich dem Treiben der Elfen: in Shakespeares Komödie »A Midsummer Night's Dream«.

Im Theater an der Wien gibt man die Oper Benjamin Brittens. Die Musik beschwört den Zauber des verwunschenen Waldes herauf, das Libretto von Britten und Peter Pears ist eng mit dem Original Shakespeares verbunden. Allein das müßte für einen gelungenen Abend sorgen. Leider will sich in der gebotenen Inszenierung die rechte Stimmung nicht einstellen. Umso bezaubernder zeigt das Wiener Staatsballett den Sommernachtstraum zu Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Jorma Elo schuf sein erstes abendfüllendes Ballett für die Wiener Compagnie. Uraufgeführt wurde es im März 2010 im Haus am Ring. Elo gelingt es, die in sich verwobenen Handlungsstränge zur Musik Mendelssohns zu entwickeln. Er beschränkt sich dabei nicht allein auf die Bühnenmusik zum Schauspiel (op. 61), sondern verwendet weitere Werke: die Ouverture in E-Dur (op. 21) zu Ein Sommernachtstraum, die Ouverture c-moll (op. 95) zu Ruy Blas, die vierte Symphonie A-Dur (op. 90) und den zweiten und dritten Satz des Violinkonzertes in e-moll (op. 64). Allein musikalisch wird der Abend damit schon zu etwas Besonderem.

Das Orchester unter der Leitung von Andreas Schüller ließ sich in bester Spiellaune hören, Konzertmeisterin Vesna Stanković entlockte ihrer Jacobus Steiner-Violine einen wunderbaren Klang.

Elo lässt seine Fassung des Sommernachtstraumes in antiker Zeit spielen. Die Kostüme und Bühne Sandra Woodalls sind inspiriert von antiken Vasenbildern. Elo arbeitet die Darstellung des Tanzes, wie wir sie von den griechischen Vasen kennen, in seine Choreographie ein. »Ich mische nicht bewußt irgendwelche Stilrichtungen. Ich versuche ganz einfach, mit der Musik zu schwimmen. Die Musik hat ihre Struktur, ihre eigene Qualität und Dynamik. Unsere Körper, unser Sinn sollte sich danach richten, nicht an irgendwelche Stile denken, sondern nur daran, was die Musik verlangt«, sagte Elo anläßlich der Wiederaufnahme in der Volksoper im Frühjahr 2013 (oe1.orf.at, 15.03.2013).

Dieses Vertrauen in die Musik, welches vielen Theaterschaffenden heutzutage verloren gegangen ist: Es gibt dem Abend den richtigen Rhythmus. (Nicht umsonst wurde Elo im Jahr 2011 für diese Choreographie der Prix Benois, der »Oscar« der Ballettwelt, verliehen.)

Nach 2013 kommt es heuer zur zweiten Wiederaufnahme in der Wiener Volksoper. Und auch jetzt büßte das Werk nichts von seinem Reiz ein, im Gegenteil: Man darf behaupten, daß diese zeitgenössische Choreographie ihren Platz im Ballett-Repertoire gefunden hat.

»Ein Sommernachtstraum«: Ketevan Papava (Titania) und Vladimir Shishov (Oberon) © Wiener Staatsballett/Ashely Taylor

»Ein Sommernachtstraum«: Ketevan Papava (Titania) und Vladimir Shishov (Oberon)

© Wiener Staatsballett/Ashely Taylor

Theseus’ und Hippolytas Hochzeit steht bevor, das Volk von Athen (repräsentiert von einer Gruppe Handwerker) bereitet die Feierlichkeiten vor. Zur Probe eines Theaterstücks ziehen sie sich in den nahen Wald zurück. Auch die jungen Liebenden, Hermia und Lysander sowie Helena und Demetrius, finden sich im Wald ein. Die ersteren fliehen vor Hermias Vater, der sie mit Demetrius verheiraten will. Demetrius stellt ihnen nach, und Helena, verliebt in Demetrius, folgt diesem. In der lauen Sommernacht geraten die verschiedenen Gruppen in einen Ehestreit der Elfenkönige Titania und Oberon. Ein Verwirr- und Verwechslungsspiel erster Klasse beginnt… Shakespeare eben.

Kein echter Königshof ohne Narr: Puck, ein Elf, seinem Herrn treu ergeben, hält die Handlungsstränge in den Händen. Und es wäre keine Komödie des großen Engländers, würden die Paare am Ende nicht zueinanderfinden.

Gala Jovanovic und Kamil Pavelka sind erstmals das Königspaar, Hippolyta und Theseus. Elegant gestalten sie das herrschaftliche Paar. Jung und überschäumend tanzen, ebenfalls als Debutanten, Natascha Mair und Scott McKenzie Hermia und Lysander. Den verschmähten Demetrius gibt Dumitru Taran. Er wird von einer hervorragenden Alice Firenze als Helena verfolgt.

Vladimir Shishov, bereits Oberon der Uraufführung, tanzt wiederum den König der Elfen. Seine Titania, Ketevan Papava, ist eine strahlend schöne Königin: elegant, verzaubernd … eine mächtige Elfe.

Höhepunkt der Choreographie Jorma Elos ist die Rolle des Puck, dem Solotänzer Mihail Sosnovschi auf den Leib geschneidert. Bereits in der Uraufführung verkörperte Sosnovschi das Zwischenwesen zwischen Elf, Mensch und Tier. Die Partie hat er sich über die Jahre so zu eigen gemacht, daß sie wie ein Handschuh zu passen scheint. Mit herausragender Technik getanzt, ist er auch schauspielerisch der listige, manchmal freche, dann wieder dienende oder im Umgang mit den kleinen Elfen liebevoll beschützende Geist des Waldes. Sosnovschi tanzt seine Rollen nicht nur, er schlüpft in die Charaktere hinein, er wird zur Rolle. Das ist seine große Kunst, die auch den gestrigen Abend wieder zu einem Erlebnis machte.

»Ein Sommernachtstraum«: Scott McKenzie (Lysander), Natascha Mair (Hermia), Mihail Sosnovschi (Puck), Alice Firenze (Helena), Dumitru Taran (Demetrius) und das corps des ballet © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

»Ein Sommernachtstraum«: Scott McKenzie (Lysander), Natascha Mair (Hermia), Mihail Sosnovschi (Puck), Alice Firenze (Helena), Dumitru Taran (Demetrius) und das corps des ballet

© Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Die Handwerkertruppe, mit Jaimy van Overeem (Squenz/Spielleiter), Matteo Magalotti (Flaut/Thisbe), Nicola Barbarossa (Schnock/Löwe), Marat Davletshin (Schnauz/Wand), Trevor Hayden (Schlucker/Mondschein) und Gabor Oberegger als köstlicher Zettel/Pyramus, bricht immer wieder den Elfenreigen auf und wird im Falle von Zettel ganz und gar hineingezogen, verliebt sich doch Titania in den eselsköpfigen Gesellen. Der Traum einer Sommernacht: Alles scheint möglich…

Als Apotheose dann die Hochzeit von Hippolyta und Theseus: Das Volk Athens tanzt fröhlich. Zwei Paare treten solistisch hervor: Oxana Kiyanenko mit Leonardo Basílio und Katharina Miffek mit Zsolt Török. Hermia und Lysander finden zusammen, ebenso Helena und Demetrius. Und auch Titania und Oberon versöhnen sich.

Und Puck? Er beendet die Szene: »Give me your hands, if we be friends, and Robin shall restore amends.«

438 ms