Feuilleton

Salzburg, Sommer 2019.

Salzburger Festspiele

Von Thomas Prochazka
Salzburg. Blick über die Salzach auf die Altstadt mit dem Dom und der Festung Hohensalzburg © Thomas Prochazka

Salzburg. Blick über die Salzach auf die Altstadt mit dem Dom und der Festung Hohensalzburg

© Thomas Prochazka

I.
Es gärt in der Festspielstadt. Das ist in Unterhaltungen mit den Salzburgern nicht zu überhören. Die Unzufriedenheit ist hoch. Man hofft auf eine Zeitenwende nach der für 2020 anstehenden Jahrhundertfeier und dem Abtreten Helga Rabl-Stadlers. Und bemerkt — welche Koinzidenz! — im nächsten Atemzug, daß Ende Juli die städtischen Müllberge bereits ein Ausmaß erreicht hätten, wie es in den vergangenen Jahren erst nach dem Ende der Festspiele der Fall gewesen war.

II.
Die »Salzbürger« (nach Erich Kästner), die Salzburger Bürger also, beklagen auch die immer zahlreicher werdenden Tagestouristen, welche sich zum Großteil in »Take away«-Manier selbst ver­sor­gen. Beim mittäglichen Rundgang durch den Mirabellgarten belästigen einen die Gerüche Asiens; — wie man sie sich in Europa eben so vorstellt. Die Mistkübel quellen über von den Kunst­stoff­ver­pack­ungen und dem nicht vollständig Verzehrten, wie oft auch immer die fleißigen Mitarbeiter der städtischen Müllentsorgung ihre Runden drehen mögen. Man sollte Peter Sellars vor­bei­schicken, damit er nicht nur den bei der Eröffnung der Festspiele Anwesenden, sondern auch den »To Go«-Verkäufern und ihren Kunden die Leviten liest…

Der Massentourismus und das Reisebüro-Arrangement haben sich Salzburgs bemächtigt.

Karl Löbl (1930 – 2014)

III.
Das neu eröffnete Louis Vuitton-Geschäft am Alten Markt vertrüge mehr Zuspruch. Auch Prada nebenan begrüßte gerne mehr kaufwilliges Publikum. Der lobenswerte Versuch, in der Wiener Phil­harmoniker-Gasse Meissen-Porzellan zu präsentieren, scheint übrigens nicht nur der Preise wegen nicht so recht zu funktionieren: Das — sicher des Russischen mächtige — Personal tut sich schwer mit detaillierter Beratung und Preisauskünften gegenüber Herrschaften, welche ihre ge­füll­ten Geldbeutel nicht vor sich her tragen.

Aber selbst nach westlicher Manier, doch mit Zurückhaltung gekleidete, wohlhabende Familien aus dem Mittleren Osten kaufen anscheinend lieber zuhause, wenn die Preise vergleichbar sind. Ihre Begeisterung für Salzburger Tracht hält sich allerdings in Grenzen… Und den in Autobussen auf einen Halt zwischen Hallstadt und St. Wolfgang herangekarrten asiatischen Besuchern schei­nen die Ortskenntnis und die Zeit für ausgedehnte Schaufensterbummel und Einkäufe zu feh­len. (In den großen Pariser Kaufhäusern können diese Gäste gleichzeitig mit ihren Einkäufen auch die zusätzlich notwendigen Gepäckstücke erwerben. Das Ausfüllen der Papiere für die Rück­er­stat­tung der Mehrwertsteuer wird von den fernöstlichen Sprachen mächtigem Personal er­le­digt.) »Der Massentourismus und das Reisebüro-Arrangement haben sich Salzburgs be­mächtigt«, stellte Karl Löbl bereits 1970 fest.1

IV.
Doch auch die wohlhabenden Europäer nehmen, so scheint’s, heute viel lieber Quartier an einem der umliegenden Seen und statten der Festspielstadt seltener als früher Besuche ab. Das »Stirb und Werde« so manchen alteingesessenen Geschäftslokals in der Altstadt legt Zeugnis ab davon. Für Salzburg und die Region wünscht man sich, daß die verbliebenen überleben und ihr Gedeih nicht von den Som­mer­fest­spie­len abhängt.

V.
Hinter vorgehaltener Hand beklagt man in Salzburg die schon seit Jahren immer stärker spürbar wer­den­de Beliebigkeit der Festspielaufführungen. Und das bei Kartenpreisen bis zu EUR 440,–. Gérard Mortier stellte bereits Anfang der 1990-er Jahre launig fest, keine Opernaufführung der Welt sei 4000,– Schilling (rund EUR 290,–) wert. Aber er müsse diese Preise verlangen, um seine Budget-Ziele zu erreichen.

Der Organismus »Festspielstadt« reagiert darauf: Teile des auswärtigen künst­le­ri­schen und tech­nis­chen Personals beklagen, daß die Kosten für Quartier und Verpflegung ihre Gagen fast zur Gänze aufzehren. Die Salzburger wiederum beklagen die Verstopfung ihrer Straßen und daß sie, die sich früher mit den auswärtigen Gästen zum Festspielpublikum mischten, sich die Kar­ten oft nicht mehr leisten können.

Es ist natürlich in irreführender Weise unvollständig, wenn das Direktorium nicht müde wird zu be­haup­ten, mehr als die Hälfte aller Karten koste weniger als EUR 100,–. Denn für die Kategorie »Oper« trifft dies bei weitem nicht zu. Doch die Opernvorstellungen und die Konzerte der Wie­ner Phil­har­mon­iker bilden nicht erst seit Karajans Zeiten das Herzstück der Festspiele. Sie sind die Publikumsmagnete und drängen das Schauspiel — auch weil nicht international — an den Rand.

Soll man fortschrittlich sein — oder tra­di­tions­ver­bun­den? Soll man mit den relativen wirtschaftlichen Erfolgen zufrieden sein? Oder doch endlich wieder die künstlerische Einmaligkeit suchen?

Karl Löbl (1930 - 2014)

VI.
Der ORF-Festspielflaneur Heinz Sichrovsky stellte — wohl nicht ganz ohne Verklärung Herbert von Karajans — fest, das Motto des seligen Maestros sei das einfachste gewesen: »Das Beste ist ge­rade gut genug.« Aber davon kann, wirft man einen Blick auf das Opernprogramm, keine Rede mehr sein: Zweitklassiges mischt sich mit Drittklassigem, Koproduktionen sind an der Ta­ges­ord­nung. Doch die Kartenpreise betragen beim koproduzierenden Partner oft nur ein Drittel des­sen, was man in Salzburg dafür auszugeben genötigt ist: — für vielleicht unterschiedliche, aber in der Regel vergleichbare Besetzungen.

Karl Löbl käme heute nicht mehr — wie noch anno 1970 — die Idee, anzumerken, daß Giorgio Strehlers Inszenierung der Entführung aus dem Serail im fünften Jahr ein wenig abgespielt wirke: Weder gibt es weit und breit einen Regiegiganten wie Strehler, noch spielt man in Salzburg eine Opernproduktion fünf Jahre lang.

VII.
Die Regisseure stehen allerdings so hoch im Kurs wie schon lange nicht in der »Ära« des Markus Hinterhäuser. Ihre Namen sind es, welche auf die Banner gedruckt wurden, die überall in der Stadt hängen. Geradeso, als vermöge Thomas Ostermeier Jugend ohne Gott ohne Schauspieler auf­zu­führen wie Burkhard C. Kominski Theresia Walsers Die Empörten. Als bedürften Achim Freyer und Simon Stone für die Produktionen des Œdipe und der Médée nicht eines Ingo Metzmacher, eines Thomas Hengelbrock an den Pulten sowie der Sänger, der Chöre und der Orchester. Doch sie alle bleiben ungenannt. Wichtig sind nur die Spielvogte: Jene, die sich in Über­schrei­tung ihres Amtes, doch mit Billigung des Direktoriums, Autorenschaft anmaßen über die auf­zu­füh­ren­den Werke. Und dem Publikum vorschreiben, wie es diese Werke zu deuten habe.

Salzburg, 2019: Der Banner am Balkon des Salzburger Landestheaters nennt mit Thomas Ostermeier nur den Regisseur von Ödön von Horváths »Jugend ohne Gott« © Thomas Prochazka

Salzburg, 2019: Der Banner am Balkon des Salzburger Landestheaters nennt mit Thomas Ostermeier nur den Regisseur von Ödön von Horváths »Jugend ohne Gott«

© Thomas Prochazka

VIII.
Das Pharisäertum begegnet dem aufmerksamen Beobachter im Salzburger Festspielsommer 2019 aller­dings auch auf anderen Ebenen.

Da wären zum ersten die von Peter Sellars als Festpielrede (englisches Original, deut­sche Über­set­zung) — »Listening to the Ocean: Planetary Change and Cultural Action« — verlesenen Be­den­ken zum Thema Klimawandel und Umweltverschmutzung der Ozeane. Doch die gelten offen­bar nur für Europa. Die Vereinigten Staaten von Amerika setzen weiterhin auf die Kunst­stoff­er­zeu­gung, ohne daß man eines Einspruchs Peter Sellars’ gewahr wird. Auf der Web­site des Department of World Arts and Cultures/Dance der UCLA erfährt man eben­so­wen­ig über Professor Sellars' Anliegen wie bei einer Suche nach seinen Wortmeldungen zu diesem Thema in großen U.S.-Tageszeitungen. (Vielleicht will die UCLA aber auch nur weder ihre Alumni noch ihre Sponsoren verärgern.)

Leider fehlt Sellars, mit eigenem Beispiel voranzuschreiten. Denn dann hätten er, sein Büh­nen­bild­ner George Tsypin und Kostümbildner Robby Duiveman für die Ausstattung des Idomeneo darauf bestanden, nur organische Materialien und wasserlösliche Farben zu verwenden. (Im­mer­hin taten Holz und Leinwand den Theaterausstattern über Jahrhunderte verläßlich ihren Dienst.) Darauf hätte man auch im Programmheft hinweisen können. Doch anstatt dessen be­geg­nen einem im Bühnenraum der Felsenreitschule unzählige Plastik- und Plexiglas-Elemente…

IX.
Mit der Idee des Umweltschutzes ist es etwas besonderes: Die liegt nämlich Intendant Markus Hinterhäuser so sehr am Herzen, daß er Peter Sellars Rede selbst (frei) ins Deutsche übertragen hat. Erstaunlich, wofür so ein Intendant Zeit findet...

Der Umweltschutz ließe sich selbstverständlich auch auf die anderen Produktionen ausdehnen: Man stelle sich vor, die Salzburger Festspiele verwendeten bei ihren Bühnenbildern, Requisiten und Kostümen anstelle von Plastik und Kunstfasern, wo immer möglich, natürliche Materialien: Die Prospekte wären wieder aus Holz und bespannter Leinwand, Kostüme und Schuhe aus Lei­nen, Seide und Leder, Pokale aus Glas oder Metall gearbeitet…

Müllvermeidung wäre auch bei den Kartenzuteilungen möglich: Denn wo steht geschrieben, daß diese per Post und eingeschrieben versendet werden müssen? Anstelle dessen könnte man die Kar­ten zum Download in die Wallet-Applikationen der Smartphones anbieten und auf die Be­ar­bei­tungs­ge­bühr verzichten. Das sparte nicht nur Porto, sondern auch Ressourcen und alle mit dem Postversand verbundenen CO2-Emissionen.

Wer kurzfristig Karten erwirbt, erhielte diese via email auf sein Smartphone. Und sollten dieselben Karten öfter von der Website der Salzburger Festspiele heruntergeladen werden, ob­sieg­te im Zweifelsfall der Download mit dem frühesten Datum und/oder dem mit dem im Be­nut­zer­kon­to gespeicherten Zeitstempel.

X.
Zum zweiten wäre da das Pharisäertum einiger Kommentatoren. Die glaubten näm­lich, das Pub­li­kum nach der Absage von Anna Netrebko für Adriana Lecouvreur und der Ansage von Yusif Eyvazov als Maurizio an diesem 31. Juli für seine Beweggründe zum Besuch der Vorstellung schel­ten zu müssen. Als ob sich in dieser Hinsicht seit Karajans Zeiten Wesentliches geändert hätte… Allerdings hatte Herbert von Karajan alle Hauptpartien mit den Großen seiner Zeit be­setzt, sodaß ein Ausfall zwar bedauernswert, doch zu verschmerzen gewesen war. (Und da­rüber, daß das sängerische Niveau der ersten Sänger Anfang der Sechzigerjahre höher lag als heu­te, besteht hoffentlich unter allen, welche funktionierende Ohren ihr eigen nennen, kein Dissens.)

Wäre es nicht ebenso bemerkens- und kommentierenswert, daß Markus Hinterhäuser die­se An­kün­di­gun­gen seinem Patenkind Lukas Crepaz, gleichzeitig kaufmännischer Direktor der Salz­bur­ger Festspiele, überließ? Und daß in einem Land mit auch nur einem Mindestmaß an po­li­ti­scher Hygiene Crepaz’ Berufung auf diese Position während der Intendanz seines Pa­te­non­kels undenkbar wäre? (Egal wie hervorragend der junge Mann in seinem Fach auch sein mag.)

XI.
Wäre nicht auch zu bemerken gewesen, daß der Salzburger Landeshauptmann das Einspringen der Sopranistin Hui He (* 1972) für Anna Netrebko mit schon beinahe bewundernswerter Ah­nungs­lo­sig­keit kommentierte: »Das ist eine tolle Chance für eine junge Sängerin.« Immerhin be­setzt dieser Mann einen Platz im Festspielkuratorium; — jenem Gremium, dessen Mitglieder das Direktorium der Festspiele bestimmen und die Budgets und Jahresabschlüsse genehmigen. Darf man annehmen, daß in solchen Sitzungen auch die Programme diskutiert werden? Sollte man da nicht vielleicht ein bißchen mehr von den Dingen verstehen, für die man Steuergelder ein­setzt?

XII.
Und ist es nicht ebenso bemerkenswert, daß die auf Pressekarten in den Aufführungen sitzenden Mitglieder der schreibenden Zunft in gespielter Überraschung das zahlende Publikum für seine Re­ak­tion maßregelten? Und daß sie selbst allerdings kaum den Weg in inadäquat besetzte Opern­vor­stel­lun­gen finden (bzw. danach darüber berichten), wo es doch, glaubt man den Worten, um die Werke und nicht um die Besetzungen geht? Spinnt man die Argumentationsweise der Kommentare weiter, wäre ein schlecht gesungener und gespielter Idomeneo ja ebenso wertvoll wie ein ausgezeichnet interpretierter. Oder etwa doch nicht?

Im Ende — horribile dictu! — sähen sich diese Zwischenrufer gar dazu gezwungen, ganze Re­zen­sio­nen dem musikalischen Teil so einer Aufführung zu widmen. Bei vielen reichten dafür die 280 Zeichen einer Twitter-Nachricht aus.

Also denn: — ja.
Ja, ich finde es bemerkenswert, daß ein immerzu als saturiert beschriebenes Pub­li­kum mit den Füßen abstimmte bzw. sich endlich einmal zu Wort meldete und einen Veranstalter hören ließ, daß es nicht län­ger gesonnen ist, für derart lieblos zusammengestoppelte Besetzungen soviel Geld zu bezahlen. Und daß es nicht nur zu den Aufgaben des Direktoriums der Festspiele zählte, manche Künstler daran zu erinnern, daß sie — der zauberhaften Landschaft des Salz­kam­mer­gutes zum Trotz — beruflich in Salzburg weilen, sondern auch, für die den ge­for­der­ten Prei­sen entsprechende Exklusivität bei den Besetzungen zu sorgen.

XIII.
Doch von Exklusivität kann, sieht man von Mariss Jansons’ Wirken als Operndirigent ab, kaum mehr die Rede gehen: Bernard Haitink und die Wiener Philharmoniker führen das Salzburger Pro­gramm im September beim Lucerne Festival und den Londoner Proms auf. Die Berliner Phil­har­mo­ni­ker — unter ihrem Chefdirigenten Kirill Petrenko — spielen die Salzburger Pro­gram­me zuvor in Berlin, ehe sie damit ebenfalls von Salzburg nach Lucerne reisen werden. Auch — und pars pro toto — das Programm des Liederabends von Christian Gerhaher und Gerold Huber konn­te man schon andernorts hören. Nachzusinnen, ob und wie die Exklusivität von Be­set­zun­gen in Oper und Schauspiel im Zeitalter des Flugzeugs überhaupt zu erreichen ist: Es wäre die Aufgabe der Verantwortlichen.

XIV.
Wer künstlerische Höchstleistungen im Sinn hat, wird auch die Voraussetzungen dafür zu schaf­fen ha­ben. Wenn die Wiener Philharmoniker, wie für jedermann aus dem Fest­spiel­pro­gramm zu er­se­hen, an manchen Tagen zwei Aufführungen absolvieren (Proben für kommende Auftritte nicht ein­ge­rech­net!), darf man sich nicht wundern, wenn mitunter die Qualität des Gebotenen lei­det. Da gilt es längst nur mehr dem Mammon.

Werden die Salzburger Fest­spiele endlich wieder ein Begriff für künstlerische Höchstleistungen? Oder bleiben sie, was sie jetzt sind: ein Reiseziel.

Karl Löbl (1930 - 2014)

XV.
Viele der »Salzbürger« wünschen sich eine Abkehr der Festspiele vom aktuellen Überangebot, z.B. der durchreisenden Orchester. Sie ersehnen die Rückkehr zu mehr Exklusivität und einer Fest­spiel­dau­­er von maximal fünf Wochen. Es gibt ihnen zu denken, daß viele der Opern­vor­stel­lun­gen, daß die Konzerte der Wiener Philharmoniker (bis auf einzelne Termine), jene der Berliner Philharmoniker nicht mehr seit Jahresbeginn ausverkauft sind. Daß es Karten ab EUR 30,– für die Konzerte von Mitsuko Uchida, Maurizio Pollini und Grigory Sokolov gibt (bzw. gab).

XVI.
Karl Löbls Worte von seinerzeit erscheinen heute aktueller denn je: »Werden die Salzburger Fest­spiele endlich wieder ein Begriff für künstlerische Höchstleistungen? Oder bleiben sie, was sie jetzt sind: ein Reiseziel.«1 Darüber wäre nachzusinnen.

  1. Karl Löbl in »Salzburg für Jedermann« vom 30. August 1970.

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