»Salome«: Vida Miknevičiūtė als Salome bei ihrem Debut an der Wiener Staatsoper. © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Salome«: Vida Miknevičiūtė als Salome bei ihrem Debut an der Wiener Staatsoper.

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

Richard Strauss: »Salome«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Wo uns ein Vorgang von grauenerregender Konsequenz in seinen Bann schlagen sollte, verliert sich diese Salome im Verspielten, Dekorativen der wuchernden Ornamente und kostbaren Stoffe einer wiedergefundenen Jugendstilherrlichkeit. — Dies nicht zuletzt aufgrund unzureichender Gesangsleistungen. Was tut auch die Musik in der Oper schon zur Sache in einer Zeit, in der die meisten besser zuschauen als zuhören?

II.
»Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht«, eröffnet Narraboth den Abend. Carlos Osuna ist es. »Sieh‘ die Mondscheibe, wie sie seltsam aussieht«, fällt der Page von Margaret Plummer ein. Und Wiener Opernfreunde wissen: Es hat sich am gesanglichen Niveau nichts geändert mit dem Antritt der neuen Direktion.

Einsam halten Wolfgang Bankl und Clemens Unterreiner als Erster bzw. Zweiter Soldat das Ensemble-Banner in Ehren, beide mit tadelloser Diktion, beide mit ausgeruht klingenden Stimmen. Doch sonst? Dem »Juden-Quintett« fehlt es an Spritzigkeit, an Brillanz, an musikalischem Witz. Geht Alexander Soddy am Pult des Staatsopernorchesters zu zügig voran, um größere Differenzierung zuzulassen? 

III.
Tomasz Konieczny rettete als Jochanaan die Ehre der Hauptpartien. Er ist im heutigen »Opern-Zirkus« einer der wenigen Sänger, deren Stimme wir sofort erkennen. Auch seiner Klangfärbung wegen, mögen sie auch viele als störend empfinden. Doch die letzten Monate hinterließen ihre Spuren: Die unendlich scheinenden stimmlichen Reserven: Sie sind verschwunden. Gestern präsentierte sich Koniecznys Stimme uneinheitlich. Fast zögernd, versagend zu Beginn. Erst mit Fortdauer seines Bühnenlebens fand sie zur alten Stärke; doch um den Preis der Linienführung. Dabei bedachte Strauss Jochanaan mit den schönsten Melodiebögen aller.

IV.
Dieser Abend bescherte Wien ein neues Herrscherpaar: Marina Prudenskaya als Herodias an der Seite von Vincent Wolfsteiner als Herodes. Prudenskayas Herodias stellte unzweifelhaft eine Verbesserung dar, vergleicht man ihr Tun mit jenem der in letzten Jahren Engagierten. Eine schmallippige, boshaft kommentierende Herodias — war sie nicht. Dazu gebrach es ihrer Stimme an Durchschlagskraft. Und ja, auch an schauspielerischer Präsenz. (Etwa, wenn sie gleich einer Hyäne um die Zisterne zu schleichten hätte, ihre Tochter mit Gesten und Blicken aufstacheln sollte wider Herodes.)

Einen Herodes, der im gesamten hinter den Erwartungen zurückblieb, die in Wien einst an diese Partie gestellt wurden. Wolfsteiner bleibt auch stimmlich zu sehr im Unverbindlichen, lotet die Lüsternheit des Tetrachen gesanglich zu wenig aus. Bleibt die letzten Steigerungen in der Verführung Salomes schuldig. Wolfsteiner singt den Herodes mehr als mancher Vorgänger; erinnert uns einige Male daran, daß auch Strauss in seiner Sturm und Drang-Periode dem legato nicht untreu geworden war (»Salome, komm, trink Wein mit mir«). Dennoch: In dieser Partie ließe sich größere Wirkung erzielen. 

»Salome«: Marina Prudenskaya (Herodias) und Vincent Wolfsteiner (Herodes) bei ihren Haus-Debuts © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Salome«: Marina Prudenskaya (Herodias) und Vincent Wolfsteiner (Herodes) bei ihren Haus-Debuts

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

V.
Mit Vida Miknevičiūtė gab auch die Salome des gestrigen Abends ihr Haus-Debut. Und klang vom ersten Ton an überfordert. Gewiß, Strauss komponierte diese Partie nicht, daß sie im Dauer-fortissimo gesungen werde. Dürfen wir annehmen, daß er wollte, daß die pianissimo notierten Passagen dennoch gehört werden? Damit war‘s gestern jedenfalls nicht weit her. Die Stimme der gebürtigen Litauerin — was uns in alten Zeiten an der Staatsoper die Rumänen und vor einem Jahrzehnt die Franzosen waren, sind uns jetzt die Sänger aus dem Nordosten Europas — bleibt oft schwer verständlich, trägt erst ab dem mezzoforte. (Kein chiaroscuro.) Müht sich in den lauten Passagen. Läßt einen unruhigen Ton hören, der viel zu früh in Miknevičiūtės Karriere von Überanstrengung kündet.

Auch schauspielerisch blieb diese Salome blaß: Narraboth wurde schon energischer umgarnt, der Tetrach lasziver in die Falle gelockt. (Daß der »Tanz der sieben Schleier« mehr und mehr zur Farce verkommt, will ich Miknevičiūtė nicht anlasten. Gibt es keine Ballettmeister am Haus?) Nein, nein, diese Salome becircte Jochanaan nicht. Flößte uns kein Grauen ein, wenn sie dessen abgeschlagenes Haupt ansang. Dazu fehlte es an den gesangstechnischen Fertigkeiten, an der musikalischen Durchdringung der Partie. Die doch die Voraussetzungen bilden, um auch im Spiel zu reüssieren.

VI.
Alexander Soddy verführte das Staatsopernorchester zu einer zwar raschen, doch dynamisch differenzierten Wiedergabe der Partitur. Man lärmte nicht durch das Werk. Da hörten wir schon anderes. (Auch von fehlenden Schlußakkorden will ich schweigen.) Jetzt gälte es, das »Wienerische« herauszuarbeiten, dem ¾-Takt zu huldigen, sich da und dort Zeit zu nehmen. Musikalisch zu gestalten. (Das funktioniert auch im Repertoire.)

VII.
Der einleitende Satz stammt übrigens von Gerhard Brunner. Er schrieb ihn in seiner Kritik zur Première dieser Produktion für die Opernwelt. Damals, immerhin: Salome. Diesmal: ein Salömchen.

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