Feuilleton

Parsifal in New York

Von Stefan Zweig
Blick nach Norden am Broadway von der 39. Straße Richtung 46. Straße. Von links nach rechts: Metropolitan Opera House mit Postern an der Südseite, die am 20. November 1905 beginnende Saison bewerbend; Broadway Theatre; New Amsterdam Theatre; Rossmore Hotel; Metropole Hotel and Bar; das New York Times Building; das Hotel Astor und Churchill's (ein Restaurant an der Nordseite der 46. Straße) Detroit Publishing Co., 1905; via <a href="http://hdl.loc.gov/loc.pnp/det.4a17652">United States Library of Congress</a>

Blick nach Norden am Broadway von der 39. Straße Richtung 46. Straße. Von links nach rechts: Metropolitan Opera House mit Postern an der Südseite, die am 20. November 1905 beginnende Saison bewerbend; Broadway Theatre; New Amsterdam Theatre; Rossmore Hotel; Metropole Hotel and Bar; das New York Times Building; das Hotel Astor und Churchill's (ein Restaurant an der Nordseite der 46. Straße)

Detroit Publishing Co., 1905; via United States Library of Congress

Die Oper, das berühmte Metropolitan-Opera-House, ist hier nicht gesondert vom schwarzen Block der Häuser, sie hat nicht Raum rechts und links zu ihren Seiten, sondern steht mit eingezwängten Schultern mitten in einer Avenue. Der Lärm, der teuflische Lärm einer amerikanischen Riesenstraße schlägt wie eine breite Schmutzwelle tief in die Vorhalle hinein.

Und jetzt, fünf Minuten vor Beginn, wird das Getöse infernalisch: Automobile tuten sich ungeduldig heran, die Ausrufer schreien wie besessen, ein Kartenagent läuft verzweifelt hin und her, ein Bündel unverkaufter Karten in der Hand, brüllt immer geringere Preise mit ausge­knarrter Stimme.

Denn man spielt heute »Parsifal«. Geraubt, heimtückisch entrissen wie Amfortas Speer (»heilig und hehr« klingt’s einem hymnisch im Ohre nach) wird hier Wagners Festspiel durchs Land gehetzt, Cleveland, Buffalo, Missouri, Kentucky und hundert andere Städte haben seine Weihe schon empfangen (wie schade, daß man’s nicht merkt!) und nun ist der Karren wieder glücklich in New York eingetroffen. Mit andächtigem Gemüte (und Kaugummi im Mund) strömt die Menge herbei.

Der Saal selbst groß und weniger protzig als man es erwartete. Surren und Geschwätz von überall. Dann plötzlich Dunkel und Applaus. Ein dicker Dirigent (darf ein guter Dirigent Fett ansetzen? frage ich mich) schwingt sich mit sehr viel Mühe — ?? ist sehr dick —­­ auf den Stuhl. Herr Hertz, wie der Zettel verrät. Jetzt ist es stockfinster. Man sieht nur die paar Kerzen an den Notausgängen in unsicherem Licht und die Glatze des Herrn Hertz.

Musik, hymnisch rauschende Musik, und dann endlich ein sehr abgeblaßtes, vom Herumwaggonieren ramponiertes Szenenbild. Die Kostüme hängen abgetragen um gute Stimmen. Aber das Schauspiel ist anderswo. lm Publikum nämlich. Das mag die Finsternis nicht (die, außerhalb Bayreuths, glaube ich, Gustav Mahler erfunden hat) und weiß sich resolut zu helfen. Sie wollen die Textbücher (½ Dollar) doch mitlesen! Und plötzlich blitzt es rechts und links mit leisem Knacks auf, elektrische Taschenlampen, die sich die Vorsorglichen mitgebracht. Rechts und links sieht man die kleinen, zitternden Lichtkegel auf den Textbüchern flimmern. Weihefestspiel im praktischen Land!

Auf der Bühne geht etwas vor (ich glaube, ein Schwan wird geschossen) und unten braut man Musik. Aber das ist jetzt Nebensache. Köpfe wenden sich in eine Richtung, ein paar Namen surren durch den Raum. Astors sind in ihrer Loge (oder waren es Vanderbilts, ich weiß nicht mehr), eine Diamantenkrone funkelt von dort durch das Dunkel (ach, dieses widerliche Dunkel, das einem wirklich die interessantesten Dinge verdirbt).

Der Vorhang fällt. Beifall von allen Seiten. Aber ein paar wissen es besser, sie wissen, man applaudiert nicht bei »Parsifal«. Also zischen sie. Das reizt die anderen (war es denn nicht »wonderful«) und sie klatschen wie irrsinnig und werfen irgend ein kurzes, stoßweises Heulen ins Getöse. Eine liebliche Schlacht der Begeisterungen.

Metropolitan Opera House, 1423 Broadway, New York: Blick vom Zuschauerraum zum Bühnenportal Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C./Jack Boucher (1931–2012); HABS NY,31-NEYO,79-11

Metropolitan Opera House, 1423 Broadway, New York: Blick vom Zuschauerraum zum Bühnenportal

Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C./Jack Boucher (1931–2012); HABS NY,31-NEYO,79-11

Die zweite ist dann im Foyer um »ice-cream«, die wirklich das Beste ist, was es in Amerika gibt. Ich begnüge mich mit den Brocken der Gespräche. Meist sind es ekstatische Interjektionen, wie »grand«, »wonderful«, »astonishing«, aber so gleichgiltig intoniert, mit so kalten, toten Stimmen, daß ich immer glaube, es galt der »ice-cream«.

Dazwischen ein, zwei rührende Gespräche. Es sind viele Deutsche da und die sind wirklich ergreifend in ihrer schönen Freude, endlich wieder Musik, deutschen Gesang, gehört zu haben. »Ich bin von Philadelphia hergekommen und fahre noch heute nachts zurück, morgen früh ist wieder office«, höre ich einen sagen. Er ist ein junger Bursche, blond und still, wohl noch nicht lang von Deutschland herübergekommen. Denen ist’s wirklich ein Fest, ein Weihespiel, den Wenigen, die förmlich frieren nach Musik in diesem Land, das die Geräusche taub gemacht haben für die Musik. Sie fahren Nächte durch, um ein paar Stunden Wagner zu haben, der ihnen Deutschland ist, sie sparen — ich sah es an ihrer Kleidung — den letzten Dollar, um den »Parsifal« erleben zu dürfen: wirklich ergreifend war mir der Glanz von Freude auf dem blonden Gesicht. Denn die Deutschen haben drüben keine andere Heimat als ihre Musik. Wie sie dankbar sind, wie beglückt, diese Verbannten, wenn sie für ein paar Stunden — und sei’s auch dank einem listigen Betrug — in dem edelsten Werke unserer Zeit ihre Ferne vergessen dürfen, wie sie aus dankbaren Augen strahlten, da die fromme Schwinge dieses einzigen Werkes einem Engel gleich sie hinübertrug in die verlorene Welt. Nie habe ich mehr gefühlt, als an diesem beglänzten Blick inmitten snobistisehem Yankeetreiben, wie viel Wagner für Deutschland bedeutet, wie sehr er selbst Deutschland ist, höchstes, eindringlichstes Symbol seiner Nation und seiner Zeit.

Dieser Beitrag Stefan Zweigs erschien erstmals in » ›Der Merker‹. Österreichische Zeitschrift für Musik und Theater«, Jahrgang 2, Teil IV, Juli – September 1911, S. 55 (via HathiTrust Digital Library).

302 ms