Feuilleton

Thielemann-Dämmerung in Salzburg?

Osterfestspiele Salzburg

Von Thomas Prochazka
Christian Thielemann bei der Arbeit © Osterfestspiele Salzburg/Matthias Creutziger

Christian Thielemann bei der Arbeit

© Osterfestspiele Salzburg/Matthias Creutziger

I.
Anfang August erreichte den Aufsichtsrat der Salzburger Osterfestspiele GmbH Post von ihrem künstlerischen Leiter. Darin ersuchte Christian Thielemann, gleichzeitig Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, das Gremium um die »Klarstellung der Befugnisse des Künstlerischen Leiters der Osterfestspiele Salzburg«.

In diesem Schreiben hielt Thielemann fest, daß »nach allgemeinem Sprachverständnis« die künstlerische Leitung eines Festivals voraussetze, daß »vom Leiter alle wesentlichen Programmentscheidungen vorgegeben werden«. Dem stehe, so Thielemann weiter, entgegen, daß Nikolaus Bachler gemäß einer Presseaussendung mit seinem Amtsantritt am 1. Juli 2020 »erstaunlicherweise« auch die künstlerische Gesamtverantwortung der Osterfestspiele Salzburg übernehmen solle. Und konstatierte einen Widerspruch zu den ihm übertragenen Kompetenzen: »Die Position der Künstlerischen Leitung kann nicht zwei Mal vergeben werden.«

II.
Nachdem einige Mitglieder des Feuilletons gemutmaßt hatten, hinter der Entscheidung des Aufsichtsrates der Osterfestspiele stehe die Idee, die Berliner Philharmoniker unter ihrem neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko als Residenzorchester zurückzuholen, veröffentlichte die Sächsische Staatskapelle Dresden GbR am 27. August 2019 eine Erklärung. Diese hatte nicht nur das Ziel, Christian Thielemann nach dem Bekanntwerden seines Schreibens vom 29. Juli 2019 den Rücken zu stärken. In der Pressemitteilung aus Dresden wurde Thielemann nicht einmal erwähnt. Sondern es wurde darauf hingewiesen, daß der »Vertrag der Staatskapelle Dresden GbR mit den Osterfestspielen Salzburg nach seiner automatischen Verlängerung im Juli dieses Jahres momentan bis 2022« gelte. Der Vertrag der Staatskapelle sei eine »direkt mit den Osterfestspielen getroffene Vereinbarung und unabhängig«. Es geht also — auch — um die Salzburger Einnahmen für die Sächsische Staatskapelle Dresden.

Verträgen halte Treu! Was du bist, bist du nur durch Verträge.

Richard Wagner: »Das Rheingold«

Die Antwort der Osterfestspiele Salzburg GmbH ließ nicht lange auf sich warten: »Die heute publizierte Erklärung der Staatskapelle Dresden GbR ist sachlich unzutreffend«, las man. »Der Orchesterrahmenvertrag endet nach derzeitiger Vertragslage 2020.« Und: »Zu seiner Verlängerung bedarf es zunächst einer Verlängerung des 2020 auslaufenden Rahmenvertrages zwischen dem Freistaat Sachsen und der Osterfestspiele Salzburg GmbH. Dieser wiederum ist verknüpft mit dem Chefdirigentenvertrag von Christian Thielemann. Es kann also von einer unabhängigen Wirksamkeit des Orchestervertrages nicht die Rede sein.«

Seither herrscht angespannte Ruhe. Anfragen nach Dresden mit dem Ansinnen um Aufklärung blieben unbeantwortet. Der interessierte Musikfreund aber reibt sich angesichts solcher verbal verteilten Ohrfeigen die Augen. 

Und registriert den Widerspruch in der Presseaussendung der Osterfestspiele Salzburg, erinnert er sich der Feststellung in Thielemanns Schreiben: »Mein Vertrag hat sich zwischenzeitlich bis 2022 verlängert.« Selbst wenn der Orchesterrahmenvertrag, wie von den Osterfestspielen behauptet, mit dem Chefdirigentenvertrag Thielemanns gekoppelt wäre, liefen dann doch beide bis 2022. Oder?

Wie zerrüttet muß eine Geschäftsbeziehung sein, wenn die Vertragspartner in solcher Art öffentlich miteinander umgehen? Und wie schwammig sind diese Verträge formuliert, wenn deren Auslegung zu derart divergierenden Ansichten führt?

III.
Was aber, wenn es gar nicht um die Osterfestspiele geht?

Was, wenn jene Einflüsterer, die dem Aufsichtsrat der Osterfestspiele die Bestellung Nikolaus Bachlers antrugen, von gänzlich anderen Motiven geleitet waren? Was, wenn die Staatskapelle Dresden und Christian Thielemann vielleicht bedauernswerte, aber in Kauf zu nehmende Bauernopfer in einem größeren Plan wären?

Warum wird um die künstlerische Vorherrschaft eines zehn Tage dauernden Festivals mit zwei Opernaufführungen und sieben Orchesterkonzerten mit solcher Vehemenz gerungen? Wie gedeihlich funktioniert die Zusammenarbeit des Aufsichtsrates mit der Geschäftsführung der Osterfestspiele? Wie wenig Anstand besitzen Menschen, die wiederholt durchaus selbstbewußt formulierte, doch nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Schreiben des künstlerischen Leiters den Weg in die Presse finden lassen?

Gelang es der Sächsischen Staatskapelle Dresden und Christian Thielemann 2013, derart vorteilhafte Verträge abzuschließen, welche die mittlerweile zu 60 % in öffentlicher Hand stehende Osterfestspiele Salzburg GmbH1 nicht mehr länger zu erfüllen gesonnen ist? Es erscheint schwer vorstellbar, daß sich die Dresdner gegen eine Ausdehnung ihrer Salzburger Residenz auf drei oder vier Opernvorstellungen wehren, wenn damit mehr Geld zu verdienen ist.

Was also steckt wirklich hinter dem Gezerre?

IV.
In Unkenntnis der Verträge der involvierten Personen kann eines nur spekulieren. Wohlan, denn: Spekulieren wir.

V.
Szenario I. Man will die Berliner Philharmoniker zu Ostern wieder an die Salzach locken. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Mit einem Chefdirigenten, dem die Kunstform Oper zweifellos näher liegt als jenem, mit welchem das Orchester seinerzeit die Mozartstadt verließ; — in Richtung des großen Geldes, wie es heißt.

Was die Rückkehr der Berliner Philharmoniker an der Feststellung von Heinz Sichrovsky ändern soll, das Orchester als auch Sir Simon Rattle verkörperten »in Opernbelangen Amateurstatus«, es gäbe in Baden-Baden »miserable Kritiken und zusehends schütter besuchte Vorstellungen«, bleibt unbeantwortet. Auch ein Kirill Petrenko vermag keine Wunder zu wirken. Das Bayerische Staatsorchester (re)agiert viel flexibler als das im Scharoun-Bau zu Berlin beheimatete. Denkt jemand, die Kombination Petrenko/Berliner Philharmoniker erreiche binnen kurzem im Opernbereich das Niveau Thielemanns mit den Dresdnern — oder Petrenkos mit dem Bayerischen Staatsorchester? Auch täusche man sich nicht: Die Erwartungen des Publikums der Osterfestspiele an die szenische Umsetzungen der Opern sind andere als jene der Münchner Opernfreunde.

VI.
Szenario II. Es geht gar nicht um die Osterfestspiele.

Im Herbst 2020 tritt Helga Rabl-Stadler als Präsidentin der Salzburger Festspiele ab. Es wäre doch praktisch, die — ohnehin zu 60 % in öffentlicher Hand stehenden — Osterfestspiele unter Nikolaus Bachlers Leitung den Pfingst- und Sommerfestpielen anzugliedern. Markus Hinterhäuser könnte sich vermehrt um die Gestaltung der Konzertprogramme kümmern, Bachler verantwortete das Schauspiel und die Oper. Mit dem Förderverein der Osterfestspiele würde man gewiß handelseinig. Schließlich gäbe es die Osterfestspiele ja heute schon nicht mehr, wäre 2010 nicht die öffentliche Hand eingesprungen. Ein möglicher Coup: Die Berliner Philharmoniker könnten auch im Sommer die Opernproduktion von Ostern übernehmen. Und mit Petrenko am Pult akzeptierte das Publikum höchstwahrscheinlich auch so handwerklich schlechte Arbeiten wie die Warlikowskische Münchner Salome.

Ein weiteres mögliches Indiz: Wenn sich Dominique Meyer mit der Intendanz der Osterfestpiele Salzburg nicht ausgelastet sah, gilt für Nikolaus Bachler wohl nämliches.

VII.
Szenario III. Es geht den Salzburger Einflüsterern weder um die Berliner Philharmoniker noch um die Salzburger Oster- oder Sommerfestspiele. Sondern — wieder einmal — um die Wiener Staatsoper.

Nikolaus Bachler, der, so hört man immer wieder, gerne schon früher Direktor der Wiener Staatsoper geworden wäre, soll für deren Leitung bereitstehen, wenn die Widerstände gegen Bogdan Roščićs Pläne für das größte Repertoire-Haus der Welt zu groß werden und dieser — freiwillig oder gezwungen —  nach zwei Spielzeiten das Feld räumt. Denn noch scheint nicht ausgemacht, daß das technische und das künstlerische Personal Roščićs Ideen mittragen werden: angefangen von den verpflichteten Dirigenten bis hin zur Tatsache, daß der Spielplanentwurf der Saison 2020/21 um den Jahreswechsel dreimal zwei Opernvorstellungen an einem Tag vorsieht. Das große Vorbild, die Metropolitan Opera in New York, läßt grüßen.

Mit der Intendanz der Osterfestspiele bei weitem nicht ausgelastet, könnte Bachler in diesem Fall als »weißer Ritter« nach Wien eilen, ohne Salzburg aufgeben zu müssen. (Zwar würde man Ioan Holender fragen, doch will dieser vielleicht lieber weiterhin im Hintergrund die Fäden ziehen.) Säße Dominique Meyer in Salzburg und nicht in Milano, man käme schwerlich daran vorbei, ihn zu fragen. Wien ist von Salzburg aus schließlich bequem in zweieinhalb Stunden zu erreichen.

Christian Thielemann am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden, seit 2013 das Residenzorchester der Osterfestspiele Salzburg. Wie lange noch? © Staatskapelle Dresden/Matthias Creutziger

Christian Thielemann am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden, seit 2013 das Residenzorchester der Osterfestspiele Salzburg. Wie lange noch?

© Staatskapelle Dresden/Matthias Creutziger

VIII.
Die Anhänger des aus Berlin gebürtigen Kapellmeisters formieren sich bereits und machen in E-mails unmißverständlich klar, daß sie im Falle des Abganges der Staatskapelle Dresden nicht länger an Besuchen der Osterfestspiele Salzburg interessiert sind. Wie es aussieht, stehen bei einem Abtritt Thielemanns und der Dresdner jede Menge Austritte aus dem Förderverein und damit nicht wenige freie Plätze bei zukünftigen Osterfestspielen zu erwarten. Man liest von »bodenloser Frechheit und Undankbarkeit« der Salzburger Verantwortlichen gegenüber der Kombination Thielemann/Staatskapelle Dresden, von »Entsetzen über diese widerliche Unfähigkeit, die Reichweite dieser verblödeten Entscheidung zu erkennen«.

Markige Worte enttäuschter Opernliebhaber an die Verantwortlichen. Die lieber nicht darauf vertrauen sollten, daß sie sich nicht doch einmal für die finanziellen Auswirkungen ihrer Entscheidungen verantworten werden müssen. Ob die für den 17. September 2019 anberaumte Aufsichtsratssitzung die Entscheidung bringen wird? Denn verständigt sich dieses Gremium nicht in letzter Minute auf eine Lösung, die es allen Beteiligten erlaubt, das Gesicht zu wahren, wird man entweder Christian Thielemann oder Nikolaus Bachler auszahlen müssen.
Wie bequem, daß man in diesem Fall auf Steuergelder und Subventionen zurückgreifen können wird, um eventuell daraus entstandene Abgänge zu decken.

IX.
Dumm nur, daß in Österreich in weniger als vier Wochen eine Nationalratswahl ansteht. Was, wenn sich die Wähler in der Wahlzelle daran erinnern, welchen Parteien die Politiker (bzw. deren Vertreter) angehören, die mit solchen Entscheidungen ihre leichte Hand im Umgang mit fremden Geldern offenkundig werden lassen? Was, wenn diese Wähler als Steuerzahler kurzentschlossen ihr Kreuzchen woanders machen?

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  1. Laut dem Beteiligungsbericht 2018 des Landes Salzburg, S. 71f, ergeben sich für die Osterfestspiele Salzburg GmbH folgende Beteiligungsschlüssel: 20 % Land Salzburg (Landtagspräsidentin Dr. Brigitta Pallauf), 20 % Stadtgemeinde Salzburg (Bürgermeister-Stellvertreter Bernhard Auinger), 20 % Salzburger Tourismus GmbH (Sarah Wedl-Wilson MA, Vorsitzende des Aufsichtsrates), 25 % Stiftung Herbert von Karajan Osterfestspiele Salzburg (Dr. Karl Ludwig Vavrovsky) und 15 % Verein der Förderer der Osterfestspiele in Salzburg (Dr. Stefan Vargha). Jeder der Anteilseigner hat Anspruch auf einen Sitz im Aufsichtsrat. Für das Jahr 2016/17 wurde ein Ergebnis vor Steuern von 276.000 EUR bei einem Umsatz von 4,38 Mio. EUR ausgewiesen.

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