Peter Paul Rubens (1577 – 1640): »Helena Fourment« (›Het Pelsken‹), 1636/1638 (Ausschnitt). Öl auf Eichenholz, 176 × 83 cm. Wien, Kunsthistorisches Museum, GG 688 © Kunsthistorisches Museum, Wien

Peter Paul Rubens (1577 – 1640): »Helena Fourment« (›Het Pelsken‹), 1636/1638 (Ausschnitt). Öl auf Eichenholz, 176 × 83 cm. Wien, Kunsthistorisches Museum, GG 688

© Kunsthistorisches Museum, Wien

Aufg’sperrt is (II)

Von Thomas Prochazka

Mitte April ließen die Mitglieder der Direktorenkonferenz unserer Bundes­museen mit bemerkenswerter, nein, bewundernswerter Ahnungs­losigkeit um die öffentlichen Reaktionen verlauten, daß sie nicht gesonnen seien, ihre Häuser vor dem 1. Juli wieder zu öffnen. Man habe Reparaturarbeiten vorgezogen, das Personal befinde sich ihn Kurzarbeit, und nach dem Ausbleiben der Touristen nur für die österreichische Bevölkerung zu öffnen, zahle sich nicht aus.

Nachdem die Welle der Empörung abgeklungen war, einigte man sich auf eine Öffnung ab Ende Mai, wenn manchmal auch nur teilweise. Zeit also für Museumsbesuche ohne Menschenmassen vor den Objekten.

II.
Im Kunsthistorischen Museum in Wien ist der Andrang derzeit »überschaubar«. Daß manche die begrüßenswerte Initiative »pay as you wish« mit einem Gratiseintritt verwechseln, hat seinen Grund wohl in den mangelhaften Englischkenntnissen dieser Besucher. Selbst wenn die Ägyptisch-Orientalische Sammlung und die Saliera in der Kunstkammer nur an Wochenende und Feiertagen zu besichtigen sind — die Gemäldegalerie und das Café-Restaurant rechtfertigen einen Besuch allemal. (Und beim Verlassen kann man auch als Jahreskartenbesitzer die 2 EUR — oder ein bisserl mehr — in die aufgestellte Spendenbox werfen. Als kleines »Dankeschön« ans Haus.)

III.
In diesen Wochen, da die Stadt vornehmlich den Wienern gehört, lohnen Museumsbesuche umso mehr. Schiele im Leopold-Museum, Kunst ab 1945 in der neueröffneten Albertina modern im renovierten Künstlerhaus… Und im »Kunsthistorischen« Albrecht Dürers Venezianerin oder das Portrait Kaiser Maximilian I., in unserer Familie seit unzähligen Memory-»Schlachten« mit unserer Tochter mit den Werken aus dem Kunsthistorischen Museum nur mehr »Grüner Max« genannt. (Und nein, bitte nicht fragen, wer immer gewonnen hat.)

Welcher Luxus, den Saal mit den Gemälden Pieter Bruegels d. Ä. nur mit zwei, drei anderen Besuchern teilen zu müssen! Freie Sicht auf die Jäger im Schnee, Zeit und Muße, die Kinderspiele nach bekannten und unbekannten Spielen abzusuchen. Malte Bruegel die Kinder wirklich als »kleine Erwachsene«? Die für die große Bruegel-Ausstellung 2018/19 neu renovierte Kreuztragung Christi minutenlang für sich allein zu haben. Oder mit Hilfe des Google Arts & Culture-Projektes Jan Vermeers Die Malkunst in allen Einzelheiten für sich zu entdecken. Wiederzuentdecken; — ungestört von nachschiebenden Menschenmassen und dem Klicken unzähliger Photoapparate.

Sich wie ein Habsburger Herrscher fühlen im Angesicht der Meisterwerke Velazquez’, deren Modernität in der Pinselführung einen immer wieder erstaunen macht… Sich beim Anblick von Giorgiones Die drei Philosophen Gedanken machen über die unterschiedlichen Deutungen. Denn die vom Kunsthistorischen Museum angegebene ist nur eine mögliche. (Smartphones und das Internet machen es an Ort und Stelle möglich.)

Tizians Violante und seine Junge Frau in schwarzem Kleid, derzeit nebeneinander gehängt, sind auch zu bewundern. Obwohl man mit Tizians nie alleine ist. Sich vor seinem Mädchen im Pelz daran erinnern, daß es da doch irgendwo in der Niederländischen Abteilung das Rubens-Pendant geben muß. Bei der Betrachtung der Danae steigen die Erinnerungen auf an den Salzburger Festspielsommer 2016. Und der Wunsch, die Strauss’sche Liebe der Danae wieder einmal live zu erleben.

Wie rasch doch die Zeit vergeht in dieser, so wohltuenden Stille in den Sälen…

Peter Paul Rubens (1577 – 1640): »Venus frigida«, 1614 (Ausschnitt). Öl auf Eichenholz, 145.1 × 185.6 cm. Antwerpen, Koninklijk Museum voor Schone Kunsten Public Domain

Peter Paul Rubens (1577 – 1640): »Venus frigida«, 1614 (Ausschnitt). Öl auf Eichenholz, 145.1 × 185.6 cm. Antwerpen, Koninklijk Museum voor Schone Kunsten

Public Domain

Sine Cerere et Baccho friget Venus

Publius Terentius Afer (195/184 BC – 159/158 BC)

IV.
Im Rahmen der großen Rubens-Ausstellung im Winter 2016 präsentierte das Kunsthistorische Museum auch das Gemälde Venus frigida aus dem Koninklijk Museum voor Schone Kunsten in Antwerpen. Durchgehend drängten sich die Kunstfreunde davor, freie Sicht gab’s nie. Und: Photographieren verboten. Jetzt hängt dieses Meistermerk immer noch in Wien. Teilt einen Saal mit anderen Rubens-Gemälden. Grüßt jeden Besucher. Welch’ schöne Überraschung.

Die vergangenen Monate zeigen uns, wie recht Publius Terentius Afer mit dem diesem Gemälde zugrundeliegenden Zitat hat: »Sine Cerere et Baccho friget Venus.«1 »Et Apollo«, bin ich mit Blick auf unsere Theater versucht hinzuzufügen.

V.
Die häuslichen Memory-»Schlachten« mit den Meisterwerken aus dem Kunsthistorischen Museum: Schon bald wurde Jacob Jordaens’ Das Fest des Bohnenkönigs zum »Bohnenheini«, Rubens’ Helena Fourment zum »Pelzchen«. Der Museums-Shop versorgte uns mit Lesezeichen. Die erzkatholische Großmutter war gar nicht »amused«, als das — zugegebenermaßen freizügige — »Pelzchen« zum Lieblingslesezeichen avancierte…

»Memory« kann man auch im Museum spielen: mit den kopierten Kärtchen in der Hand durch die Säle streifen, die Meisterwerke suchen. (Nicht nur unsere) Kinder spielerisch für die Künste begeistern. 

VI.
In diesen Wochen sollten wir die Gelegenheit ergreifen und unsere Museen besuchen. Uns wieder von den bildenden Künsten verführen und begeistern lassen. Uns in diesen, unseren Prachtbauten verlieren. Denn nichts wäre schlimmer, als wenn jene recht behielten, die da meinen: »Schande. Diejenigen, die soviel geschrieben und ›gekräht‹ haben, waren alle noch nicht da.«

Die Türen sind offen. Hineingehen und staunen müssen wir selber.

  1. Der Ausspruch »Sine Cerere et Baccho friget Venus« (»Ohne Wein und Brot leidet Venus Not.«) stammt aus der Komödie Eunuchus des Publius Terentius Afer (195/184 BC – 159/158 BC), eines der berühmtesten Komödiendichter der römischen Antike. Es war bereits zu dessen Zeiten als Sprichwort bekannt.

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