Rezensionen Oper

Gaetano Donizetti:
»Lucia di Lammermoor«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka
»Lucia di Lammermoor«, 2. Teil: Lucia (Olga Peretyatko) und die Hochzeitsgäste auf Enricos Schloß (Chor der Wiener Staatsoper) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Lucia di Lammermoor«, 2. Teil: Lucia (Olga Peretyatko) und die Hochzeitsgäste auf Enricos Schloß (Chor der Wiener Staatsoper)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

I.
Lucia di Lammermoor an der Wiener Staatsoper: Ein szenisches Nichts grundiert eine gesanglich hinter den Erwartungen zurückbleibende Vorstellung.
Große Abende sehen anders aus.

II.
Paris, 2007. Eine gutaussehende Russin mit einigem Talent erringt bei Plácido Domingos »Operalia«-Wettbewerb den zweiten Platz. Es folgt der rasche, kometenhafte Aufstieg der jun­gen Sängerin: Engagements an »ersten Häusern«, große Roben, teurer Schmuck, CD-Aufnahmen. Man nennt das »Erfolg«. Zwölf Jahre später folgt die bittere Erkenntnis, daß man als kaum fertige Gesangstudentin nicht nur mit den Zinsen wucherte, sondern für kurzfristigen Gewinn einen Gutteil seines Kapitals verspielte.

III.
Wien, Jänner 2019. Evelino Pidò, Dirigent der Neuproduktion von Lucia di Lammermoor, läßt die operninteressierte Welt wissen, daß er keine Vorliebe für eingelegte Spitzentöne und fiorituri hegt, das Werk gerne partiturgetreu aufgeführt sehen will.

Und warum auch nicht? Was spricht dagegen, Lucia di Lammermoor so aufzuführen, wie Donizetti das Werk notierte? Unsere Hörgewohnheiten der letzten 60 Jahre? Oder die seit Donizettis Zeiten üblichen Usancen großer Sängerinnen, ebendiese Spitzentöne und Verzierungen als Beweis ihrer Fertigkeit dem Publikum zu präsentieren? (Immerhin hält die Partitur für die Sängerin der Titelpartie eine Reihe hoher ›b‹, ›h‹ und ›c‹ sowie einige Läufe über den ganzen Stimmumfang bereit.)

IV.
Wien, Feber 2019: Die nicht mehr ganz so junge, aber immer noch gutaussehende Russin müht sich nach Kräften, die Partie der Lucia mit Anstand zu bewältigen. Denn eines scheinen alle Be­tei­ligten nicht bedacht zu haben: Begibt man sich der fiorituri und der Spitzentöne, verlagert sich die Aufmerksamkeit des Publikums notgedrungen auf die Umsetzung dessen, was Donizetti in der Partitur verzeichnete.

Bereits Lucias erste Arie »Regnava nel silenzio« offenbart Olga Peretyatkos gesangstechnische Män­gel: Die Stimme klingt seltsam verschattet, wie heiser. Aus piano wird fortgesetztes mezza voce. Säuseln. Immer wieder merkt man, daß Peretyatko sich bemeistert, keine Spitzentöne zu singen. Im zweiten Teil scheint sie sicherer. Der Schluß des Sextetts wird mit einem hohen ›c‹ beschlossen, die Stimmung (auch im Parkett) steigt.

In der Wahnsinnsszene allerdings muß Peretyatko den Offenbarungseid leisten: Wieder begibt sie sich der traditionellen eingelegten Spitzentöne. Wandert auf der Bühne von rechts nach links und wieder zurück. (Dem Spielvogt sei Dank.) Doch Berührtheit — will sich keine einstellen. Auch in der Kadenz verzichtet die Russin auf die traditionellen Spitzentöne, die Läufe steigen nur bis zum hohen ›c‹. Aber die Koloraturen klingen verschliffen an diesem Abend; unrein; gequält. Selbst das Parkett hört, daß man bei »Operalia« — und danach — erfolgreich sein kann, ohne das Brust­register aktivieren können zu müssen: Das tiefe Register klingt kraftlos, entwickelt kein Volumen. Die Folge: Am Ende der Szene regt sich keine Hand im Rund...

Das anschließende Chorfinale will Peretyatko mit einem hohen ›es‹ beschließen. Doch das an­stelle dessen ein wenig zögerlich erklingende ›d‹ verebbt rasch...

»Lucia di Lammermoor«, 1. Teil: George Petean (Enrico), Olga Peretyatko (Lucia) und der betrogene Edgardo (Juan Diego Flórez) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Lucia di Lammermoor«, 1. Teil: George Petean (Enrico), Olga Peretyatko (Lucia) und der betrogene Edgardo (Juan Diego Flórez)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

V.
Juan Diego Flórez steht als Lucias Liebhaber auf der Bühne. Aber sein Edgardo hinterläßt  — man soll die Wahrheit reden — ebenfalls einen zwiespältigen Eindruck. Auch Flórez’ Stimme klingt angestrengt, scheint mit viel Druck geführt. Der Schmelz, welcher sie auszeichnete: Er wich einem härteren, fokussierten Ton. Gewiß, Flórez absolviert alle Spitzentöne sicher, doch mit hörbarem Kraftaufwand und sich ändernder, hellerer Stimmfarbe im hohen Register. Wie bei seiner Partnerin wünschte ich mir mehr Kern im Klang, mehr ... Gewicht in der Stimme. Die Arie »Tombe degli avi miei«... Sie erklang schon empfindsamer, berührender als an diesem Abend.

VI.
George Petean ist ein ordentlicher Enrico, stimmlich wie darstellerisch. Das reicht aus, um an der Staatsoper für eine Première besetzt zu werden. Die Kunst des legato steht heutzutage beim Pub­likum ohnehin nicht hoch im Kurs. Warum also unnötig Zeit und Mühe darauf verwenden?

Enricos Cabaletta »La pieta de in suo favore« beschließt Petean übrigens mit einem hohen, aber an­ge­strengt und vorsichtig klingenden ›g‹. (Wie fast alle seine Töne jenseits des passaggio an diesem Abend … vorsichtig klingen.) Verwunderlich übrigens, wie dieser Enrico mit seiner Schwester umgeht, sie herumstößt; soll sie ihn doch vor dem drohenden Untergang bewahren (welcher Lord Ashton im Ende doch ereilen wird). — Dem Spielvogt Laurent Pelly sei Dank für neue psychologische Einsichten.

VII.
Den stimmlich besten Eindruck hinterläßt mir Jongmin Park in der Partie des Raimondo. Parks Stimme strömt (als einzige) wohltuend an diesem Abend, wenngleich auch er bei den tiefen Tönen schwächelt. Auffällig auch Parks stete Verfärbung aller Vokale in Richtung »o«. Dies macht sein Tun schwer verständlich. (Ich erwähnte dies bereits.)

VIII.
Den anderen Sängern sei pauschal für ihre Mitwirkung gedankt. Ohne sie wäre eine Aufführung nicht möglich: Lukhanyo Moyake singt einen passablen Arturo und erinnert in seiner Tongebung an Bojidar Nikolov, der Normanno des Leonardo Navarro gibt sein Bestes; und Virginie Verrez als Alisa weiß sicher, daß es am Haus bessere Kolleginnen und noch viel zu lernen gibt.

IX.
Evelino Pidò hat mit dem Orchester der Wiener Staatsoper geprobt. Man hört es mit Dank­barkeit. Pidò arbeitet auch unermüdlich daran, den Abend musikalisch zu einem Erfolg zu machen. Das merkt man allerdings (und sollte es doch nicht). So erdenschwer, so retardierend hatte ich Donizettis Orchestersatz nicht in Erinnerung. Das reicht trotz sehr guter Or­che­sterleistung nur für einen Achtungserfolg.

Dem Staatsopernchor werden in dieser Produktion die undankbaren Aufgaben übertragen, in die Kulissen zu singen (zur Hochzeitsszene im ersten Teil) oder den Körper neckisch mittels Ge­wichts­ver­lagerung von einem Bein auf das andere zu bewegen (zu »D’immenso giubilo« im zweiten Teil). Ich will annehmen, daß das Publikum der Opera Philadelphia, an welcher diese Produktion im September 2018 ihre Première feierte, über diese Vielfalt in der Personenführung ebenso begeistert war wie ich.

X.
Über die Nicht-Inszenierung von Laurent Pelly gestatte man mir ebenso zu schweigen wie über seine einfallslosen, häßlichen Kostüme und die bis auf wenige Meter Spielfläche zugebaute Bühne von Chantal Thomas (Licht: Duane Schuler).

Diese Lucia di Lammermoor: vergessen, bevor man das Haus verließ.

156 ms