Großes Festspielhaus, Salzburg (Detail). © Thomas Prochazka

Großes Festspielhaus, Salzburg (Detail).

© Thomas Prochazka

Youtube:
»Cavalleria rusticana« (Milano, 1940)

Von Thomas Prochazka

Im April 1940 fand sich eine illustre Sängerriege zusammen, um gemeinsam mit dem Chor und dem Orchester des Teatro alla Scala, Milano, Pietro Mascagnis größten Opernerfolg einzuspielen. Der Komponist, 77 Jahre alt, dirigierte selbst.
So verfügen wir heute über ein Tondokument, daß uns Aufschluß über des Schöpfers Absichten gibt, bezüglich der Wahl der Tempi, der Dynamik…

II.
Eines vorweg: Diese, in ihrer Gesamtheit auf Youtube verfügbare Cavalleria rusticana ist mit ihren knapp 83 Minuten Spieldauer die langsamste, mir bekannte Einspielung. Allerdings eine, die ich nicht mehr missen möchte.

Bereits das einleitende Andante moderato hat nichts von der wärmenden Sonne Siziliens an sich. Pietro Mascagni, der Dirigent, stellt uns einen bedrückenden Ostermorgen vor. Die einleitenden Chöre — wunderbar gearbeitet sowohl in der Komposition als auch der Interpretation —mit den übereinander gelegten, verschiedenen Taktarten: ¾-Takt für die Damen, ⁴⁄₄-Takt für die Herren des Coro del Teatro alla Scala. Doch atmen sie keine Leichtigkeit; sind nicht »hingetupft« wie bei Mascagnis Nachfahren. Unter des Komponisten Leitung legt sich eine schwarze Sonne über Land und Leute. Das Drama entfaltet sich mit breitem Ton vor unseren Ohren, fast gravitätisch. Vor allem aber unabänderlich.

III.
Es ist faszinierend zu hören, wie Mascagni sein Werk interpretiert. Bedächtig, doch sehr, sehr sorgfältig. Dabei konzentriert. Diese Interpretation eignet sich nicht dazu, nebenbei gehört zu werden.

Für das »Regina Coeli« sah Mascagni Moderato assai vor, verlangt nach einem Wechsel in den ¹²⁄₈-Takt Lo stesso tempo — und zieht, ohne daß es dafür den geringsten Hinweis in der Partitur gäbe, nach Santuzzas Solo-Einwürfen das Tempo an. Das erfolgt so organisch, ergibt sich so natürlich aus dem Fluß der Musik… Es steht eben nicht alles in den Noten.

IV.
Die Plattenfirma »His Masters Voice« versammelte ein exquisites Sänger-Ensemble: Gino Bechi (27) sang den Alfio mit viel Italianità und ohne jene stimmlichen Probleme, welche uns heute als Begleiter jedes Interpreten dieser Partie die Treue halten. 

Maria Marucci, die Lola der Aufnahme, fiel gegenüber dem restlichen Ensemble nicht ab, ließ ihren durchwegs gut entwickelten Mezzosopran hören. Mascagni zeichnete Lola als vielleicht kapriziöse, mit Sicherheit naive, aber keineswegs hinterhältige, junge und hübsche (Ehe-)frau. Der Schlüssel zu dieser Partie liegt vielleicht in Turridus Brindisi (ab [1:08:58]); — hier larghetto gesungen und dirigiert und weitab jener falsch verstandenen, schwungvollen Geselligkeit, die uns immer wieder auf den Bühnen begegnet und aus den Orchestergräben schallt. Denn Lola steht nicht abseits des Geschehens, sie läßt sich von Turridu einschenken und trinkt dem Geliebten zu: »(beve)« vermerkt die Partitur.

Giulietta Simionato (30) sang die Alt-Partie der Mama Lucia. Simionato ließ bereits damals ihre Vorzüge wie Schwächen hören: Ohne Probleme bei den Höhen bleibt sie in den tiefen Passagen ihrer Partie unauffällig. Zu unauffällig, als daß uns dieses Schicksal einer ihren Sohn verlierenden Mutter berühren könnte. Dazu kommt, daß die Santuzza von Lina Bruna Rasa mit ihrer stupenden Technik Simionato in den Schatten stellt. (Und dennoch, möchte man anfügen, schätzten wir uns heute glücklich, einen Mezzosopran vom Kaliber Simionatos auf unseren Bühnen erleben zu können.)

Pietro Mascagni · »Cavalleria rusticana« · Lina Bruna Rasa · Benjamino Gigli · Giulietta Simionato · Maria Marucci · Gino Bechi · Coro e Orchestra del Teatro alla Scala, Milano · Pietro Mascagni · Seraphim IS 6008

Pietro Mascagni
»Cavalleria rusticana«
Lina Bruna Rasa · Benjamino Gigli · Giulietta Simionato · Maria Marucci · Gino Bechi
Coro e Orchestra del Teatro alla Scala, Milano
Pietro Mascagni
Seraphim IS 6008

V.
Bruna Rasas Partner als Turridu war Benjamino Gigli, zum Zeitpunkt der Aufnahme knapp 50 Jahre alt. Giglis tenore lirico spinto besaß genügend Stamina für diese Partie. Niemals beschleicht einen das Gefühl, der Tenor gerate an seine Grenzen, im Gegenteil. Giglis helle, weich und dennoch viril klingende Tenorstimme blühte über dem passaggio erst richtig auf. (Es war dies ja zeitlebens seine Stärke.) Mascagni nahm die Siciliana (Andantino, As-Dur, ⁶⁄₈-Takt) eher breit, doch Gigli zeigte keine Schwäche. Wie er bei »[…] e nun me mporta si ce muoro accisu. E s’iddu muoru e vaju mparadisu« auf »accisu« das hohe ›g‹ ansetzte, hielt, mit einem portamento — und ohne nach dem fast zwei Takte lang gleichmäßig gehaltenen Ton zu atmen! — auf das ›as‹ wechselte, »E s’iddu muoru« dennoch stentando (»schleppend, zögerlich«) interpretierte: Das tut ihm bis heute kaum einer gleich. Da ging ein Könner zu Werke. (Man höre zum Vergleich Jonas Kaufmann und Roberto Alagna, oder bereits älteren Datums, Plácido Domingos und Mario del Monacos Interpretationen der Siciliana. Gigli wird von allen als der größte Stilist gelten.)

In Giglis Interpretation fügten sich alle Spitzentöne harmonisch in die Phrasen, nichts störte die Weichheit des Klangs, die feine Abstimmung, die Rundheit des Tons. Wo gibt’s das heute noch?

VI.
Lina Bruna Rasa galt nicht nur vielen ihrer Kolleginnen, sondern auch Pietro Mascagni als der Inbegriff der Santuzza. Hört man diese Aufnahme, versteht man Mascagnis Wunsch, immer wieder mit Bruna Rasa zu arbeiten. Die Sängerin war zum Zeitpunkt der Aufnahme 33 Jahre alt, hatte ihre Ausbildung mit 14 Jahren begonnen und im Alter von 20 Jahren unter Arturo Toscanini als Elena in Arrigo Boitos Mefistofele am Teatro alla Scala, Milano, debutiert. Bruna Rasa, ein genuiner soprano spinto, sang die Santuzza mit einer vokalen Fertigkeit, die uns heute noch staunen macht. Die Klarheit, etwa in der Bruststimme, bei »Debbo parlati« oder »No, no, Turiddu rimani ancora, dunque tu vuoi abandonarmi?«, die stimmliche Präsenz in den am oder knapp über dem passaggio liegenden Abschnitten leuchten uns an aus einer lange hinabgesunkenen Zeit.

Doch welche Tragik: Bereits vier Jahre später wird Bruna Rasas Karriere vorüber sein, sie bis zu ihrem Tod 1984 40 Jahre in einer psychiatrischen Anstalt zubringen…

VII.
Diese Einspielung, einst beim Label EMI auch auf CD erschienen, wäre es wert, wieder aufgelegt zu werden. Als Zeitdokument; und als Erinnerung daran, was uns Oper sein kann.
Buona Pasqua!

99 ms