Feuilleton

Salome.

Salzburger Festspiele

Von Thomas Prochazka

Dramolett in einem Aufzug.

Ein Tisch mit Blick auf die Festung Hohensalzburg auf der Terrasse des Café Bazar. Am Vorabend fand die umjubelte Wiederaufnahme der »Salome« in der Felsenreitschule statt. Es ist später Vor­mit­tag. Ein Kritiker von Welt, ein Wiener Kritiker und der Kulturkritiker des Lokalblattes sitzen an einem Tisch und trinken Kaffee. Ein sehr wichtiger Kulturkritiker tritt hinzu und läßt sich nachlässig auf den letzten freien Stuhl fallen.

Kritiker von Welt (fingert am seidenen Halstuch im offenen Hemdausschnitt herum):
Na, Herr Kollege, wie hat es Ihnen gefallen? (Forschend.) Sie sind doch schon fertig mit Ihrer Rezension?
Sehr wichtiger Kulturkritiker:
Aber sicher, aber sicher. Ich habe einfach die aus 2018 wiederverwendet und nur ein paar Details geändert. Wie hätte es denn auch anders sein sollen als so großartig wie im Vorjahr?
Wiener Kritiker (zweifelnd):
Finden Sie?
Sehr wichtiger Kulturkritiker:
Aber ja! Mit Welser-Möst am Pult der Wiener Phil­har­mo­ni­ker ist man auf der sichersten Seite. Beide sind mit dem Werk verwoben. Und Welser-Möst hat das mit den größten Sängerinnen ihrer Zeit — Hildegard Behrens, Nina Stemme — gemacht...
Kritiker von Welt (hustet plötzlich).
Sehr wichtiger Kulturkritiker:
Was ist?
Kritiker von Welt (wischt sich ein paar Tränen aus den Augen. Mit heiserer Stimme):
Entschuldigung! Mich überkam plötzlich ein Hustenreiz...
Sehr wichtiger Kulturkritiker:
Ja? Also: Wir haben aber den »Wunderregisseur«, den Großmetaphoriker, diesen Geheimnismann Bellucci...
Kulturkritiker des Lokalblattes:
Heißt der nicht Castellucci? Romeo Castellucci?
Sehr wichtiger Kulturkritiker (irritiert):
Wie? Ach so, ja, der…
Kritiker von Welt:
Na, hoffentlich haben Sie sich da nicht verschrieben in Ihrer Kritik. (Süffisant.) Wollen Sie es vielleicht noch einmal nachprüfen?
Sehr wichtiger Kulturkritiker (rasch):
Nein, nein, das paßt schon so. — Diese Ar­che­typen: Jochanaan ist praktisch ein Pferd...
Kulturkritiker des Lokalblattes:
Wie meinen ’S das: »praktisch«? Kann der auch theoretisch ein Pferd sein?
Kritiker von Welt:
»Theoretisch« geht immer. Aber praktisch ist auch theoretisch am besten.
Sehr wichtiger Kulturkritiker:
Hören Sie, nehmen Sie nicht Anstoß an meinen gewählten Formulierungen! — Das Pferd wird am Ende geköpft: gottlob nicht wirklich, da machte der Tierschutzverein Einwände geltend...
Kritiker von Welt (unterbricht):
Das wär’ aber einmal etwas Neues!
Sehr wichtiger Kulturkritiker (hörbar irritiert):
Dann die Asmik Grigorian, die an Grenzen stimmlicher Art geht, auch gestalterisch. Sie stellt ein familiär mißbrauchtes und genotzüchtigtes Kind dar. Bellucci…
Kulturkritiker des Lokalblattes (helfend):
… Castellucci…
Sehr wichtiger Kulturkritiker:
Was? Ja, eh. Meinetwegen… Der Bellini ist einer der aufregendsten Regisseure unserer Zeit. Das war absolut festspielwürdig! Da kommt der Bachler in München nicht mit…
Kritiker von Welt:
Ich bitte Sie! Der Warlikowski mit seiner jüdischen Gesellschaft in der Talmud-Bibliothek: Das muß einem zu »Salome« erst einmal einfallen! Und wie dann am Ende alle Suizid begehen, zu den letzten Orchesterschlägen…
Wiener Kritiker (echauffiert sich):
Das steht so aber nicht im Libretto! Wieso kann man nicht auf die Bühne stellen, was im Libretto steht? Domin… — also, Herr Direktor, sage ich immer, wenn er zu uns zu Besuch kommt, um gemeinsam an Büchern zu arbeiten, Herr Direktor, diese tollen, alten Inszenierungen dürfen Sie nicht ersetzen. Außerdem gefällt mir die vom fin de siècle inspirierte Wiener Inszenierung vom Barlog wesentlich besser!
Kulturkritiker des Lokalblattes:
Wieso fin de siècle? Ich habe immer gedacht, der Jürgen Rose hat beim Bühnenbild vom Klimt abgemalt…
Wiener Kritiker (sieht ihn irritiert an).
Kritiker von Welt (wegwerfend):
Und vielleicht auch noch naturalistisch? Das ist doch so etwas von altmodisch! Ich habe schon so viele »Salome«-Vorstellungen gesehen, mich widert das Konventionelle nur mehr an. Ich will in der Oper Konzepte sehen! (Unterbricht sich.) Also, die Petersen und der Petrenko waren grandios! Diese Orchesterfarben, diese dynamischen Abstufungen! Wie der Petrenko manchmal das Orchester fast bis ins Nichts zurückgenommen hat, damit die Petersen hörbar bleibt. Wunderbar! Und wie Petersen …
Sehr wichtiger Kulturkritiker:
Sie wollen mir aber jetzt nicht weismachen, daß der Petrenko besser war als der Welser-Möst mit den Wienern? Das ist derzeit die absolut beste Konstellation für Richard Strauss! Und 2020 macht man in Salzburg gemeinsam »Elektra«, wieder mit Grigorian…
Kulturkritiker des Lokalblattes:
Ich habe mit Asmik Grigorian gesprochen, und sie hat mir gesagt, die Salome ist eine Höllenpartie, eine sehr dramatische Partie. Aber sie ist ja kein hochdramatischer Sopran…
Wiener Kritiker (maliziös):
Warum singt sie sie dann? Die Grigorian ist ja nicht einmal ein Spinto.
Kulturkritiker des Lokalblattes (belehrend):
Man muß als Singschauspieler ja auch eine Balance finden zwischen gesundem Singen und großem Ausdruck…
Kritiker von Welt (wichtig):
Völlig richtig, Herr Kollege! — Die Gestaltung von der Petersen: famos! Da versucht diese Deutsche im zarten Alter von 50 Jahren die klischeebehaftete Rolle neu aufzusetzen und frisch zu entdecken. Und dann ist da diese eigenwillige Stimme! Klein, fein, durchdringend. Ein weißliches, nicht sinnliches Timbre, aber mit einer leuchtenden, sirrend klaren Kraft im Vokalkern…
Sehr wichtiger Kulturkritiker (listig):
Sie drücken Ihnen aber auch geschwollen aus. Ich kenn’ ja einen Zwetschkenkern. Und auch einen Marillenkern — für Sie als Ausländer: Aprikose. Aber was, bitte, ist ein »Vokalkern«?
Kritiker von Welt (wegwerfend):
Ach was, Sie — wie sagt man bei Ihnen? — I-Tipferl-Reiter! … Die Petersen lutscht jedes Wort, dehnt Betonungen, hört den Silben nach… Es liegt da ja immer ein Spagat beim Sängerschauspieler, daß man irgendwie sich nicht verschreit da­ran, sondern daß man versucht, die Intensität der Figur ins Schauspiel zu legen und nicht in die Stimme…
Wiener Kritiker (eifrig):
Das ist eben der Unterschied zwischen dem Bachler und Domin… äh … Direktor Meyer. In Wien wird die »Salome« immer mit einer Sängerin besetzt! Nicht mit einer Singschauspielerin…
Kulturkritiker des Lokalblattes (zweifelnd):
Sind Sie sich sicher? Ich erinnere mich da an die Amerikanerin, die mit dem »Silber-Laser« in der Stimme... Die hat sich auch als Turandot versucht. Das war ja nur mehr schaurig…
Wiener Kritiker:
Na, und die »Médée« jetzt im Sommer war besser? — Da haben Sie sich schön an der Wahrheit vorbeigemogelt, mit Ihrer Aufzählung all dessen, was man zu sehen bekam und gar nicht sehen wollte, anstatt daß Sie eine Kritik geschrieben haben! Ein müdes »angestrengt« war das einzige, wozu Sie sich durchringen konnten für die Hauptdarstellerin. Dafür haben ’S auf den Hengelbrock hingehaut und die Wiener…
Kulturkritiker des Lokalblattes:
Was soll ich denn tun? — Sie haben leicht reden! Sie kommen für ein paar Wochen im Jahr, überfallen die Stadt wie ein Heuschreckenschwarm, schreiben alles kahl und verschwinden wieder. Aber ich sitz’ auch die restliche Zeit da in diesem Hofmannsthalschen Kreuzungspunkt zwischen Ost und West, Nord und Süd! Alles, was mir bleibt, sind ein paar Reisen nach München, Wien oder Linz! Und da soll ich es mir mit den lokalen Veranstaltern verscherzen? Die sind imstande und entziehen uns die Pressekarten!
Wiener Kritiker (beschwichtigend):
Sie haben ja recht! Domin… äh … Herr Direktor, sag’ ich immer, soviel Drumherum kann ich gar nicht schreiben, daß ich nicht hin und wieder ein paar Worte über die gesanglichen Leistungen verlieren muß. Dann ist er immer ein paar Tag’ bös auf mich…
Kulturkritiker des Lokalblattes:
Ja, ja, Kritiker sein ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Früher hatten wir das Monopol auf die veröffentlichte Meinung. Und wir konnten uns Zeit lassen, unsere Kritiken zu verfassen. Aber heute? — Heute kommen einem diese ganzen Internet-Blogs in die Quere. Am nächsten Morgen machen die mit großen Rezensionen auf, und unsereiner hat das Nachsehen. Das gehört verboten!
Kritiker von Welt:
Mir bleiben dann immer nur so verschwurbelte Formulierungen, damit ich mein Zeugs los werde: der lyrisch zurückhaltende, gar nicht dekadente Herodes und so was…
Sehr wichtiger Kulturkritiker:
Ja, und manche von diesen Bloggern fordern dann sogar noch richtiges Singen ein! Und schreiben über gesangstechnische Feinheiten wie »legato« oder »mezza di voce«...
Kritiker von Welt:
Bitte, es heißt »mezza voce«. Oder »messa di voce«. Das weiß ich sicher! Was der Unterschied ist? Keine Ahnung! Aber was beginnen Leser von Welt auch mit Fachausdrücken? (Leichthin.) Auf die Stimmung kommt es an! Auf die Formulierungen…!
Sehr wichtiger Kulturkritiker (energisch):
Genau! — Bitte, was muß ich als Opernkritiker vom Singen verstehen? Ich schreibe ja auch Ballettkritiken, ohne daß ich eine Ahnung vom klassischen Tanz hab’. Aber meine Tochter macht Jazz Dance, die hilft mir dann immer…
Wiener Kritiker (nickt zustimmend):
Richtig, richtig! Was ist das überhaupt: die »Bruststimme«? Wofür braucht man die? Es singen ehe alle ohne. … Und dann immer diese albernen Vergleiche mit Sängern und Aufnahmen von vor 100 Jahren… Als ob wir nicht froh wären, daß wir die Aufnahmen heute editieren können vor einer Veröffentlichung! (Blickt erwartungsvoll in die Runde.) Ich meine, will wirklich wer hören, wie der Eyvazov live klingt?
Sehr wichtiger Kulturkritiker (kichernd):
Das Salzburger Publikum offensichtlich nicht… Aber ich höre ohnehin keinen Unterschied. Sie vielleicht?
Kritiker von Welt (murmelt leise vor sich hin):
Gelernet einst, vergessen, ach! Nie kehrt es wieder…
Kulturkritiker des Lokalblattes:
Naja, ist ja auch egal. (Unterbricht sich.) Weiß einer von Ihnen, worum es in der »Luisa Miller« geht? Seitdem der Hinterhäuser Intendant ist, spielt man ja nur mehr so komische Sachen. Früher gab’s Mozart und Strauss, und gut war’s… (Sieht in die Runde.) Nein? Auch nicht? Da bin ich beruhigt. Aber mit dem Beczała und dem Domingo wird das sicher hervorragend werden. Das könnte ich eigentlich jetzt schon schreiben. (Legt das Geld für die Zeche auf den Tisch und steht auf.) Ich gehe jetzt zur Mayrischen Buchhandlung und kauf’ mir das Reclamheft mit dem Libretto. Dann kann ich für meine Kritik aus dem Nachwort zitieren.
Die anderen (springen auf und werfen das Geld für die Zeche auf den Tisch):
Halt, nicht so schnell! Wir kommen auch mit!

(Vorhang.)

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