Rezensionen Ballett

Peter Iljitsch Tschaikowski: »Schwanensee«

Wiener Staatsballett

Von Ulrike Klein
»Schwanensee«, 3. Akt: Das corps de ballet des Wiener Staatsballetts © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

»Schwanensee«, 3. Akt: Das corps de ballet des Wiener Staatsballetts

© Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Mit der diesjährigen Serie des Schwanensee nähern wir uns der vierteltausendsten Aufführung in Rudolf Nurejews Choreographie. Seit ihrer Première im Oktober 1964 steht sie fast durchgehend auf dem Spielplan der Wiener Staatsoper. Schwanensee gehört damit seit über fünfzig Jahren zum Kern-Repertoire des Wiener Balletts.

Selbstredend gab es seitdem neue Ausstattungen, welche natürlich dem Zeitgeschmack unter­worfen sind. Die derzeitige, aus dem Jahr 2014, stammt von Luisa Spinatelli. Sie ist sehr zart in den Farben; — und in ihrer historisierenden Form vom bayerischen Märchenkönig inspiriert.

Mit diversen Besetzungen in neuen und auch bekannten Zusammenstellungen feiert man die diesjährige Serie. Paul Connelly steht am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper und leitet auf zum Teil sehr prägnante, um nicht zu sagen knallige, Weise den Abend. Etwas mehr Fin­ger­spitzengefühl wäre manchmal wünschenswert gewesen. Gleich der musikalischen (Stab-)Führung bewegte sich auch die tänzerische nicht immer auf dem Niveau, welches wir aus den letzten Jahren gewohnt sind: Da gab es Ungereimtheiten in der Exaktheit des corps de ballet. Ist es die Flaute, die der ausgehende Winter mit sich bringt? Oder das Gefühl des Lückenbüßers in der Vorbereitung zum Opernball? Oder bricht sich schon eine »Endzeitstimmung« vor dem Wechsel 2020 bahn?

Und dennoch war der gestrige Abend in seiner Art besonders.

Um erst einmal beim Graben zu bleiben: Da erklang ein Violinsolo, wie man es sich nur wün­schen kann. Auch von Flöte und Klarinette wurde das Ohr des Besuchers verwöhnt. Aber der eigentliche Beweggrund für den Besuch war ja doch das Geschehen auf der Bühne…

Wenn man dem Archiv der Staatsoper Glauben schenkt, tanzte der Erste Solist Roman Lazik erst seinen dritten Prinz Siegfried im Haus am Ring; und seinen ersten in der Ära Legris.

Viel zu selten sah ich diesen eleganten Tänzer in den vergangenen Jahren in klassischen Rollen; eigentlich schade. Bot er doch, auch ohne spektakuläre Höhe und Brillanz, einen wunderbaren Prinzen. Auch wenn Lazik das eine oder andere Mal in den Positionen nachsetzen mußte, strahlte er eine Ruhe und Abgeklärtheit aus, die ihm die Möglichkeit des Atmens und Ent­wickelns der Figur gab. Er ist nicht der Heißsporn. Eher der einfühlsame, schwärmerische Mann, der sich vom Jugendlichen zum Liebenden und zum Verzweifelten wandelt.

»Schwanensee«, 1. Akt: Liudmila Konovalova als Prinzessin Odette © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

»Schwanensee«, 1. Akt: Liudmila Konovalova als Prinzessin Odette

© Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Für die Brillanz und Virtuosität dieses Abends war Liudmila Konovalova in der Doppelrolle der Odette/Odile zuständig. Ihre Fähigkeit, immer auf dem Punkt zu sein, genau die Mitte zu haben und nicht zu suchen, ist ein Phänomen. Dazu das Spiel im Ausdruck. Ihre Odette ist nie zart und ätherisch, sie ist immer eine Schwanenkönigin zum Anfassen. Eine fühlende Frau. Als Odile funkelt und sprüht sie förmlich. Steckt fast wie ein Torero die Arena ab, in welche sie dann die be­rühm­ten fouettés stellt. Und auch in diesem pas de deux blitzen Momente auf, in denen Odette präsent ist. In ihr steckt immer beides, in beiden Rollen: die Verzweifelte, Liebende — und auch die Verführende. Konovalova trennt Odette und Odile nicht, sie vereint die beiden, betont nur den ein oder anderen Aspekt dieser Figur.

Die anderen kleinen Partien wie die Freunde des Prinzen beziehungsweise die folkloristischen Tänze waren, wie es so schön heißt, »rollendeckend besetzt«. Hervorzuheben ist allerdings Scott McKenzie in seinem Rollen-Debut als Gefährte Siegfrieds. Seine Exaktheit und Sprungkraft sind immer wieder einer Erwähnung wert. Und mit Alice Firenze und ihrem Partner Géraud Wielick im ungarischen Tanz erwachte dieser zum Leben.

Sonst … war das corps de ballet eher auf der braven Seite unterwegs. Ordentlich getanzt, aber nicht außerordentlich.

Daß klassisches Ballett harte Arbeit bedeutet, ist bekannt. Das sollte man als Zuschauer aber nicht unbedingt fühlen. Da waren die großen Schwäne doch zu erdverbunden und die kleinen, trotz der vielversprechenden Besetzung der Papierform nach, nicht präzise genug. Da fehlte der letzte Schliff, ein Quentchen Spritzigkeit… Am berührendsten war das corps de ballet im letzten Akt, als die Schwäne mit Odette um die verlorene Hoffnung trauerten.

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