Intendantenkür

Von Thomas Prochazka

Dramolett in einem Aufzug.

Das Büro der Kunst- und Kulturstaatssektretärin. Montagmorgen. Die Staatssekretärin nippt an einem » Coffee to go « aus einem umweltfreundlichen, weil mit Kunststoff beschichteten Papierbecher. Die Flügeltür öffnet sich, zwei gepflegte Damen mittleren Alters treten ein, unzweifelhaft altem Beamtenadel zugehörig.

Die Staatssektretärin (kurz angebunden):
Guten Morgen, meine Damen! Na, was gibt’s so Dringendes?
Sektionschefin Schöberl:
Es handelt sich um die Bestellung des Staatsoperndirektors …
Die Staatssektretärin:
Als ob mir kane andern Sorg’n hätt’n. No, meinetwegen. Also: Wer wird’s? A Frau, nehm’ ich an, wie ausg’macht?
Regierungsrätin Berger (zurückhaltend):
Schwer zu sagen. Es gab elf Bewerbungen, davon sechs von Frauen …
Die Staatssektretärin:
Na, wunderbar! Es geht doch. Und? Wer wird’s?
Sektionschefin Schöberl (vorsichtig):
Naja … Eigentlich war keine Bewerbung dabei, die allen Ausschreibungskriterien entsprach.
Die Staatssektretärin:
So? Hat sich die Sobotka leicht nicht beworben?
Sektionschefin Schöberl (schüttelt den Kopf):
Die geht doch nach Berlin …
Regierungsrätin Berger (einfallend):
… und tanzt dort mit dem Barenboim, nachdem man sie zuerst in Wien nicht wollte. Und in Salzburg auch nicht.
Die Staatssektretärin (überlegt):
Was ist mit der Lotte?
Sektionschefin Schöberl:
Meinen ’S die Frau de Beer? Die haben Sie doch gerade erst zur Volksoperndirektorin gekürt. Die fängt jetzt im September an, nachdem sie das halbe Ensemble rausgeschmissen hat …
Die Staatssektretärin:
Jetzt übertreiben ’S aber! (Kratzt sich am Kopf.) Stimmt. Wissen ’S, das ist schon so lang her … Und sonst? Niemand? Auch nicht der Lissner?
Regierungsrätin Berger:
Sie meinen den, der als Opernintendant Ebben? Ne andro lontana aus » La Wally « nicht erkennt?
Die Staatssektretärin (zögernd):
Naja … vielleicht doch nicht. Was ist mit’m Lieben-Seutter?
Regierungsrätin Berger (vorwitzig):
Der pfeift jeden Abend mit seinen Putzfrauen in der ausverkauften Elbphilharmonie am Kamm.
Die Staatssektretärin:
Der Bachler?
Sektionschefin Schöberl:
Da dürfte die Chemie mit dem Staatsopernorchester nicht ganz stimmen, erzählt man sich. Außerdem meinte er, er macht es nur, wenn Sie ihm auch die Leitung der Salzburger Festspiele anvertrauen. Wegen der Synergieeffekte …
Die Staatssektretärin:
Nö, dös mach’ ma net. Dös gibt koalitionäre Verwerfungen. (Nach einer Pause, seufzend.) Wie schaut’s mit’m Holender aus?
Regierungsrätin Berger (blickt todernst auf die Akten in ihrem Schoß):
Der hat gesagt, er tut sich das nicht mehr an. Das Haus musikalisch wieder auf Vordermann zu bringen, traut er sich zu, aber er will sich nicht mehr bei den Pressekonferenzen mit dummen Journalistenfragen herumschlagen müssen.
Die Staatssektretärin (seufzt):
Tja, dann bleibt’s halt der Roščić … Wobei: So ein bissel ein frischer Wind tät’ dem Haus nicht schaden. Fünfzehn Jahr’ alte Inszenierungen als neu verkaufen, das kann’s ja nicht sein. Aber bitte … (Nickt.) Also, nehm ma halt wieder den Roščić. Schon allein als Vergeltung dafür, daß er der Lunacek die Patronatserklärung herausgeleiert hat. Und dieses Löcken wider den Stachel unserer hervorragenden COVID-19-Maßnahmen, mit der Umwandlung der Stehplätze zu Steh-Sitzplätzen … — Hat er sich eigentlich beworben?
Sektionschefin Schöberl (blättert in den Unterlagen):
Äh, das weiß ich jetzt gar nicht—
Die Staatssektretärin (unterbricht sie):
Is eh wurscht! Weil im Ende kann ich auch jemand ernennen, der sich nicht beworben hat. Absagen wird er schon nicht. Außerdem schwärmt der Sichrovsky so von ihm! Der lobt den tadellosen Zustand des Hauses, einen furiosen » Ring «—
Regierungsrätin Berger (einwerfend):
Zum einschlägig sedierenden » Tristan «-Dirigat des vom Herrn Dr. Roščić ernannten Musikdirektors hat er sich aber nobel ausgeschwiegen—
Die Staatssektretärin (unbeirrt):
Das weiß ich nicht. Ich geh’ ja nur hin, wenn ich muß. Zu Preisverleihungen oder so. Also, der … der Dingsda lobt einen furiosen » Ring « und befürwortet die Verlängerung vom Roščić dringend—
Regierungsrätin Berger:
Als ob das irgendeine Relevanz hätte …
Die Staatssektretärin:
Ja, was denn? Ich kann die Leut’ ja auch nicht ausbrüten. Und der Gustav Mahler, hat man mir g'sagt, is schon tot—
Regierungsrätin Berger (unterbricht abermals):
Was den Herrn Dr. Roščić nicht daran hindert, sich immer wieder auf ihn zu berufen.
Die Staatssektretärin:
Schau ma einmal, wieviel Saft in der Zitrone ist. Vor allem, wenn, wie in den beiden Corona-Spielzeiten, schon so ausgiebig gepreßt wurde. (Hintergründig.) Jedenfalls wird er mit Erstaunen feststellen, daß das weitere acht Jahre so bleiben soll. — Also: Wie begründ’ ma’s?
Sektionschefin Schöberl:
Schwer zu sagen …
Die Staatssektretärin:
Aber gar nicht! Wir schreiben einfach: Mit herausragenden musikalischen Leistungen und ersten Schritten hin zu einer Verjüngung der Regiehandschrift stärkt Rošcic die Position des Hauses als international führende Opernbühne …
Regierungsrätin Berger (bekommt einen Hustenanfall).
Sektionschefin Schöberl:
Das ist aber nicht deutsch.
Regierungsrätin Berger (wischt sich die Tränen aus den Augen. Japsend):
Das macht nichts! Die Kulturredaktionen drucken ohnehin alles: Die kündigen auch Anna Netrebko in der Hauptrolle in » Boris Godunow « an der Scala an. Und zitieren Maestro Chailly mit den Worten, daß diese Oper 1909 an der Scala in Italien uraufgeführt wurde …
Die Staatssektretärin (leutselig):
Na, dann paßt das doch wunderbar! War doch nicht so schwer, oder? (Bemerkt das Zögern der beiden langgedienten Beamtinnen.) Is sonst noch was?
Sektionschefin Schöberl:
Die künstlerische Leitung des Burgtheaters wär’ auch noch neu zu besetzen—
Regierungsrätin Berger (einwerfend):
Es kann aber auch der alte sein …
Die Staatssektretärin (schlürft ihren Kaffee):
Hm …Das würd’ dem Sichrovsky aber nicht gefallen, glaub’ ich. (Unterbricht sich.) Hab’n ma eigentlich irgendwo die Telefonnummer vom Peymann?

(Vorhang.)

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