» Turandot «, 2. Akt: Jonas Kaufmann (Calaf) und Asmik Grigorian (Turandot) nach der Rätselszene in der Lesart von Claus Guth © Wiener Staatsoper GmbH/Monika Rittershaus

» Turandot «, 2. Akt: Jonas Kaufmann (Calaf) und Asmik Grigorian (Turandot) nach der Rätselszene in der Lesart von Claus Guth

© Wiener Staatsoper GmbH/Monika Rittershaus

Giacomo Puccini: » Turandot «

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka

Bogdan Roščić gelang ein coup de théâtre. Sowohl Asmik Grigorian als auch Jonas Kaufmann gaben mit der Première dieser Neuproduktion ihre internationalen (szenischen) Rollen-Debuts. Der erste Eindruck: Beide zeigten sich mit ihren Partien überfordert. Alltagskost statt Festmahl an Sant’Ambrogio.
Claus Guth tat, was er immer tut und leistete so einen Beitrag zu einem szenisch unbefriedigenden Abend.
(So waren die Begebenheiten.)

II.
Asmik Grigorians ehemals lyrische Sopranstimme fehlt es an der Stamina und dem für eine Turandot erforderlichen Kaliber. Die kaum vorhandene Einbindung der unteren Stimmfamilie äußerte sich einmal mehr in schrillen Tönen und kaum verständlichem Text. (Ich sagte dies bereits.) Jonas Kaufmanns Stimme klang den Großteil des Abends über flach und substanzlos. Dieser Calaf hatte besonders in den piano notierten Passagen über dem passaggio einige Mühe, in den von Marco Armiliato partiturgetreu entfachten puccini’schen Orchesterwogen hörbar zu bleiben. Selbst in Nessun dorma klang Kaufmanns Stimme fahl; seltsam ausdruckslos. Erblühte nicht mehr, Konzertschluß mit Applauseinladung hin oder her.

Gesanglich (und im stimmlichen Spiel) beiläufig auch die Liù von Kristina Mkhitaryan in ihren beiden großen Szenen. Ebenso seltsam uninteressant klangen Ping, Pang und Pong, dargestellt von Martin Häßler, Norbert Ernst und Hiroshi Amako. Marionetten, gewiß, doch nicht des chinesischen Kaiserreiches, sondern von Claus Guths Gnaden. Attila Mokus verkündete, so gut er es vermochte, in Turandots Schlafzimmer dem Volk von Peking den Beginn der Rätselszene. The job is to pay the rent, wie es unter längst in die innere Emigration ihrer Berufe geflüchtete Mitarbeiter auf Englisch heißt …

Dan Paul Dumitrescu gab eine Ahnung, wie ein Timur gesanglich zu gestalten wäre, ohne sich vor den Alten genieren zu müssen. Der Altoum des Jörg Schneider klang trotz klarer Diktion und rundem Ton gebrechlicher und uninteressanter, als man dies von einem sich bereits selbst überlebt habenden Kaiser erwarten mußte.

» Turandot «, 2. Akt: Ping (Martin Häßler), Pang (Norbert Ernst) und Pong (Hiroshi Amako), eingekleidet von Ursula Kudrna © Wiener Staatsoper GmbH/Monika Rittershaus

» Turandot «, 2. Akt: Ping (Martin Häßler), Pang (Norbert Ernst) und Pong (Hiroshi Amako), eingekleidet von Ursula Kudrna

© Wiener Staatsoper GmbH/Monika Rittershaus

III.
Olaf Freese zauberte Lichtkreise in die nach Entwürfen von Etienne Pluss gebauten üblichen guth’schen Räume bar jeder Atmosphäre mit von rocafilm/Roland Horvath auf den Hintergrund projizierten Videos. Im geschlossenen Bühnenraum dröhnte der Staatsopernchor, wenn er für das Publikum sichtbar sang, gab es einige Abstimmungsprobleme mit Maestro Armiliato, wenn der Chor (wie in der Rätselszene) hinter die Bühne verbannt ward. Ursula Kudrna ersann für die Massen und die comprimarii in modischem Loriot-Hellgraugrün gehaltene und nach deutschem Geschmack geschneiderte Anzüge. Turandot trug weiß, Calafs Familie erschien in schwarz.

Claus Guths Inszenierung negiert die Existenz eines Volkes. Er ersetzte es durch eine uniforme Masse gleich Gewandeter, roboterhaft Agierender (Choreographie: Sommer Ulrickson). Wieder einmal, doch nicht nur für Guth-Anhänger erwartbar. Es gab die heute längst im szenischen Abverkaufskorb verstaubenden Vervielfachungen und Puppen zu sehen. Auch sonst griff Guth einige Male auf uralte, aus der Zeit gefallene Inszenierungsversatzstücke zurück.

IV.
Anhängern einer sich fast ausschließlich in Hellgraugrün präsentierenden Inszenierung ist der Besuch zu empfehlen: Sie erfreut auch mit der wahrscheinlich langweiligsten Rätselszene, welche jemals für eine Turandot-Produktion ersonnen ward.

85 ms