»Die Liebe der Danae«, 1. Akt: Pollux (Wolfgang Ablinger-Sperrhackc) und Danae (Krassimira Stoyanova) erwarten die Ankunft Jupiters (Tomasz Konieczny) © Salzburger Festspiele/Monika Forster

»Die Liebe der Danae«, 1. Akt: Pollux (Wolfgang Ablinger-Sperrhackc) und Danae (Krassimira Stoyanova) erwarten die Ankunft Jupiters (Tomasz Konieczny)

© Salzburger Festspiele/Monika Forster

Richard Strauss:
»Die Liebe der Danae«

Salzburger Festspiele

Von Thomas Prochazka

Richard Strauss’ vorletzte Oper trifft auf ein überfordertes Festpielpublikum und wird trotz sehr guter bis ausgezeichneter Sängerleistungen unter ihrem Wert geschlagen. Daran hat neben der hinter den Erwartungen zurückbleibenden Spielleitung auch der Dirigent des Abends seinen Anteil.
Dies, kurz gefaßt, das Resumée.

II.
Für viele eine Erstbegegnung im Opernhaus. Uraufgeführt in Salzburg am 14. August 1952, zuletzt ebenda zu erleben im Sommer 2002 als Koproduktion mit der Semperoper Dresden, selten szenisch aufgeführt und mit nur wenigen Einspielungen in den Schallplattenkatalogen vertreten.

III.
Die Liebe der Danae, eine heitere Mythologie in drei Akten, op. 83, basiert auf einem von Hugo von Hofmannsthal im April 1920 entworfenen Scenarium. Vergessen, ach, kehrte es auf Anregung des Strauss-Freundes und Kenners Willi Schuh in der Mitte der 30-er Jahre wieder. Joseph Gregor, über den Strauss sich Clemens Krauss gegenüber später beschweren sollte »Bis heute hat er es nicht verstanden, was ich eigentlich will: keine Lyrik, keine Poesie, keine Gefühlsduselei […]«, wurde — nicht zuletzt in Ermangelung anderer Alternativen — die textliche Ausgestaltung übertragen.

Strauss vollendete die Partitur am 28. Juni 1940. Ursprünglich sollte die Uraufführung von Die Liebe der Danae frühestens zwei Jahre nach Ende des Krieges stattfinden. Grund für das Zögern war ein durchaus pecuniärer des auch im Alter geschäftstüchtigen Komponisten: Es sollten möglichst viele, auch kleinere Theater in Deutschland in der Lage sein, die Oper möglichst rasch nachzuspielen. Nur so konnte des Werk einen Bekanntheitsgrad erreichen, welcher seine Aufnahme in den allgemeinen Kanon sicherstellte.

Im Ende gab Strauss dem Drängen Krauss’ nach und erlaubte die Uraufführung bei den Salzburger Festspielen. Am 16. August 1944 konnte der 80-jährige seine Oper im Rahmen einer öffentlichen Generalprobe bei den zwischenzeitlich abgesagten Festspielen sehen. Es sollte die einzige Aufführung zu Strauss’ Lebzeiten bleiben. Clemens Krauss dirigierte, im Graben saßen die Wiener Philharmoniker. Als Sänger hatte man mit Viorica Ursuleac, Hans Hotter und Horst Taubmann die besten Münchner Kräfte aufgeboten.

Das, in wenigen Umrissen, die Genese.

»Die Liebe der Danae«, 2. Akt: Midas (Gerhard Siegel) eifert mit Jupiter (Tomasz Konieczny) um Danaes (Krassimira Stoyanova) Gunst. © Salzburger Festspiele/Michael Pöhn

»Die Liebe der Danae«, 2. Akt: Midas (Gerhard Siegel) eifert mit Jupiter (Tomasz Konieczny) um Danaes (Krassimira Stoyanova) Gunst.

© Salzburger Festspiele/Michael Pöhn

IV.
Pollux, der von Gläubigern bedrängte König von Eos, will seine Tochter Danae an einen reichen Bewerber verheiraten. Jupiter nähert sich Danae in Gestalt eines Goldregens und tritt derselben dann in der Gestalt des Eseltreibers Midas gegenüber. Als Preis für die Überlassung von Midas’ Gestalt macht Jupiter diesen zum König von Lydien. Und verleiht ihm die Gabe, alles, was er berührt, in Gold zu verwandeln. Danae verliebt sich jedoch in den richtigen Midas, der als Diener und Bote Chysopher auftritt.

Im Liebesrausch verwandelt Midas Danae durch seine Berührung in eine goldene Statue. Als sich die Königstochter gegen den Gott entscheidet, löst dieser erzürnt den Goldzauber um den Preis von Danaes und Midas’ Armut.

Jupiter wird von Merkur und den anderen Göttern des Olymps ob seiner mißlungenen Eroberung verlacht. Dem listigen Loge gleich, ermuntert Merkur den Göttervater zu einem erneuten Eroberungsversuch Danaes. Auch bei dieser Begegnung weist Danae den als Wanderer verkleideten Gott ab — und beschämt ihn mit dem Geschenk einer goldenen Spange. Die Liebe zu Midas gilt ihr mehr.

So ist, in ein paar Worten, die Handlung.

V.
Joseph Gregors Pegasus lahmt. Seine Verse erreichen weder die Schönheit der Hofmannsthal’schen noch den prägnanten Witzes eines Stefan Zweig (Die schweigsame Frau) oder Clemens Krauss (Capriccio). Dies das erste Hindernis für einen anhaltenden, durchschlagenden Erfolg.

Zweites: Gregor arbeitete eigensinnig nach seinem Entwurf — aktuellem Forschungsstand nach 1935 unabhängig von Hofmannsthal entstanden — und nicht nach des Verstorbenen Scenarium, wie Strauss wiederholt anregte.

Drittes: Das komödiantische, spritzige Element des Wortes fehlt weitgehend. Clemens Krauss war es, der spät erst die Einführung des vorwitzigen Merkur anregte, um die Handlung im dritten Akt vorwärts zu treiben.

Das Ergebnis steht in den Aufführungsstatistiken.

VI.
Hofmannsthal schlug Strauss 1920 für Die Liebe der Danae »eine leichte, geistreiche Musik« vor, »[…] eine frühe mythische Antike, frech behandelt« , welche »französisch« aufzufassen wäre.

Doch das Parlando, darin »der Schwan aus Pesaro« unangefochtener Meister, war nie Strauss’ Stärke; — zumal in den Ensembles, wo die Textdeutlichkeit auf der Strecke bleibt.

Ähnlich wie in Intermezzo, wo dem Opernfreund vor allem die Zwischenspiele in bester Erinnerung bleiben, besticht auch in Die Liebe der Danae beim ersten Hören die motivische Arbeit in den Entr’actes. Die Schönheit und kompositorische Raffinesse von Stellen wie das an die Arabella erinnernde Duett zwischen Danae und Xanthe im ersten Akt bezeugen Strauss’ Meisterschaft. Ebenso die Liebesduette zwischen Danae und Midas im zweiten und im dritten Akt, des römischen Göttervaters Abschied und das Finale der Oper. Richard, der andere, läßt grüßen.

VII.
In der Goldregenszene begegnet uns Jupiter zum ersten Mal — in Ges-Dur. Und erinnert an Bacchus’ »Bin ich ein Gott« ebenso wie an Siegfrieds Hornruf. Musikalischer Witz vom Feinsten.

VIII.
Exkurs I (für musikalisch Interessierte):

C-Dur und Ges-Dur, im Quintenzirkel einander gegenüberliegend, symbolisieren die Gespaltenheit des Gottes: hier sein Sehnen, da sein Handeln.

Des-Dur, die Schöpfertonart, eröffnet Jupiters offizielle Werbung um Danae, ehe die vorletzte Modulation des ersten Aktes in einer Halbtonrückung — ein alter Strauss’scher Trick — D-Dur, die Herrschertonart, bringt: Der Göttervater tut seine Ansprüche kund. Zu diesem Zeitpunkt hat sich Danae jedoch bereits in den Boten Midas/Chrysopher verliebt. Ihre Frage entblößt Jupiter als den Begehrenden — in einer letzten Modulation nach C-Dur, 15 Takte vor Aktschluß. Oper für Connaisseurs.

IX.
Exkurs II (für musikalisch Interessierte):

»[…] der Walzer zu Beginn des 3. Aktes, der das Paar (Danae und Midas, Anm.) nun begleitet, deutet mit der Tonart Ges-Dur an, daß auch dieser Beziehung ein Abschied eingeschrieben ist, der sich im Finale der Oper vollzieht«, wird Dirigent Franz Welser-Möst im Programmheft zitiert.

Hier sitz’ ich: mit den besten Absichten gegen Welser-Möst. Aber ich kann doch nicht leugnen, was ich erkenne: Daß Ges-Dur zu Beginn des dritten Aktes — als Tonart des Transzendentalen, des Überganges von einer Sphäre in eine andere — die (Ver-)Wandlung von Danae und Midas beschreibt. Jene Wandlung Danaes, welche durch das Sehnen des Gottes und Midas’ Strafe erst möglich wird. Und daß Jupiters Sehnen eben in Ges-Dur ausgedrückt wird.

Und: Kann man von »Abschied« sprechen, wenn am Ende der Oper, nach der letzten Modulation von der »Herrschertonart« D-Dur in die »Hoffnungstonart« B-Dur, Midas’ Motiv im Orchester erklingt und Danae dem Geliebten entgegeneilt?

Wie in den meisten Opern von Strauss steht die Sopranpartie im Mittelpunkt. So einfach ist das. Nur die einfachen Dinge sind wirklich genial.

X.
Exkurs III (für philologisch Interessierte):

EUR 9,50 kostet das Programmheft. Dafür erhält man nicht nur viele Bilder aus der Fotoprobe und das Libretto, sondern auch fehlerhafte und schlampig lektorierte Texte. Beispiel gefällig? Während Ronny Dietrich in seinem Beitrag das Hofmannsthal’sche Scenarium auf 1921 datiert, nennt Gavin Plumley in seinem Text (richtigerweise) April 1920. Ein Armutszeugnis.

»Die Liebe der Danae«, 3. Akt: Jupiter (Tomasz Konieczny) wird endgültig von Danae (Krassimira Stoyanova) abgewiesen © Salzburger Festspiele/Michael Pöhn

»Die Liebe der Danae«, 3. Akt: Jupiter (Tomasz Konieczny) wird endgültig von Danae (Krassimira Stoyanova) abgewiesen

© Salzburger Festspiele/Michael Pöhn

XI.
Nicht nur in den beispielhaft geschilderten Szenen hört man bei der ersten Begegnung: Da komponiert ein 75-jähriger auf höchstem Niveau.

Und weist den von großen Teilen des Feuilletons bejubelten, heutigen Nachfolgern die ihnen gebührenden Plätze zu. Der Unterschied steht fest. Der Rest steht in der Partitur.

Strauss schafft Momente größter Schönheit. Schafft Melodien, in welchen die Wiener Philharmoniker (mit 16 ersten Violinen) gemäß der durchwegs durchsichtig instrumentierten Partitur den typischen, schwelgerischen »Strauss-Klang« verbreiten dürfen.

XII.
Wenn man sie denn ließe.

Doch Maestro Franz Welser-Möst, der mit seinem rationalen Zugang den komplexen Strukturen und kleinsten Verästelungen dieser Partitur nachzuspüren weiß, scheitert, wenn es in einem zweiten Schritt um die emotional mitreißende Amalgamierung derselben geht. Der prächtige Strauss-Klang, er mochte sich nur phasenweise einstellen an diesem Freitagabend. … Wie zum Beispiel im Finale des ersten Aktes oder des Entr’acte zum dritten.

Oft aber ließ die innere Spannung zu wünschen übrig, kamen deshalb Strauss’ musikalische Einfälle nicht zu ihrem Recht. Ein darob überfordertes (oder gelangweiltes) Parkett konnte sich zu keiner zweiten Runde Solovorhänge entschließen…

XIII.
Spielvogt Alvis Hermanis begab sich obskurer Deutungen und verpflanzte vor einer wandelbaren, aus weißen Kacheln bestehenden, in Stufen bespielbaren Wand den Orient auf die Bühne des Großen Festspielhauses. Allerdings mißtraute er Strauss’ Musik, bebilderte die Entr’actes, wo konzentrierte Sammlung vor geschlossenem Vorhang geboten gewesen wäre. Und wußte mit den Mitgliedern der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor und den Tänzerinnen wenig zu beginnen. Erstere sangen gut, wenngleich manchmal nicht so exakt wie gewünscht, letztere agierten, zumal für eine zweiten Vorstellung, zu unpräzise für eine Festspiel- oder Stagione-Aufführung. Noch ein paar Übungseinheiten im Ballettsaal sind dringend angeraten.

Auch blieb offen, warum Alvis Hermanis im ersten (und nochmals im zweiten) Akt einen weißen Elefanten auf die Bühne schieben läßt, läuft Jupiter/Midas doch Eos mit dem goldenen Schiff des Midas an.

Juozas Statkevičius steuerte prächtige, sängerfreundliche Kostüme in goldverbrämten Gelb-, Rosa-, Rot- und Brauntönen bei, die es so selbstverständlich weder auf Eos noch im Orient je gab.

XIV.
Krassimira Stoyanova war als Danae aufgeboten. Die Bulgarin, gesanglich wie immer ohne Fehl und Tadel, bot eine beeindruckende Leistung. Die Wandlung von der dem Gold nachjagenden, leichtlebigen Danae zur liebenden Frau könnte allerdings glaubhafter gelingen. Mehr Animo aus dem Graben (oder ein anderer Maestro), und wir wollten eine der Uraufführungsbesetzung ebenbürtige Danae bejubeln.

Wiederum aufhorchen ließ Regine Hangler in der Partie der Xanthe mit schönem, schlank geführten Sopran und einwandfreier Diktion. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, Frau Hangler als Danae hören zu wollen.

XV.
Gerhard Siegel verlieh Midas/Chrysopher Person und Stimme und kam mit den Tücken seiner Partie überraschend gut zurecht. Zum vollständigen Glück fehlte es denn doch am legato.

XVI.
Unter seinem Wert geschlagen wurde auch Norbert Ernst als Merkur: Ein emphatischeres Dirigat hätte es ihm erlaubt, seine Pointen witziger, treffsicherer anzubringen. Stimmlich sehr gut disponiert, verwehrte das orientalische Kostüm mit Turban Merkur jene Spitzigkeit und Wendigkeit, welchen uns den Loge des anderen Richard so wert macht.

XVII.
Tomasz Konieczny als Jupiter war für mich die positive Überraschung des Abends. (Daß er jene Passagen, welche Strauss 1944 für Hans Hotter um einen Ganzton transponierte, ebenfalls nicht wie in der Partitur notiert sang, will ich ihm nicht zum Vorwurf machen.) Der Dresden-Aufenthalt im Mai schien dem Baßbariton geholfen zu haben, sich in der stimmlichen Darstellung und Durchdringung seiner Partien weiterzuentwickeln. Beeindruckend schon sein Auftritt im Finale des ersten Aktes: einer der besten Momente des Abends. Nuanciert und den von Strauss notierten piani nachspürend im zweiten, kraftvoll in den Scenen mit den vier Königinnen — rollendeckend Michaela Selinger als AlkmeneOlga Bezsmertna als EuropaJennifer Johnston als Leda und Mária Celeng als Semele.

Zu Herzen gehend schließlich Jupiters Erkenntnis im dritten Akt: Daß nämlich selbst die Götter nichts gegen die Liebe zweier Menschen zueinander auszurichten im Stande sind.

XVIII.
Was bleibt, ist die im finalen B-Dur ausgedrückte Hoffnung des Fortbestands der Liebe zwischen Danae und Midas.

Und daß dieses Werk Richard Strauss’ mehr Berechtigung besitzt, für die großen Bühnen dieser Welt wiederentdeckt zu werden als die meisten, ohnehin nur dem Feuilleton und der »political correctness« geschuldeten Uraufführungen unserer Tage.

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