Rezensionen Oper

Giuseppe Verdi: »Macbeth«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka
»Macbeth«, 4. Akt: Die Schlafwandelszene der Lady Macbeth (Tatiana Serjan) in der von Christian Räth verantworteten Inszenierung © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Macbeth«, 4. Akt: Die Schlafwandelszene der Lady Macbeth (Tatiana Serjan) in der von Christian Räth verantworteten Inszenierung

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

I.
Die Staatsoper setzte wieder Macbeth auf den Spielplan. Oder vielmehr das, was Christian Räth, der Inszenator, dafür hielt. Diesfalls: Die Leiden des Repertoire-Betriebs. (Ich schrieb dies bereits.) Eine weitere szenische »Baustelle« für die nächste Direktion also.

II.
Leider ließ auch die musikalische Seite des Abends viele Wünsche offen: Hoffentlich hatte Tatiana Serjan als Lady Macbeth nur einen rabenschwarzen Tag erwischt. (Andernfalls müßte man um ihre Stimme bangen.) Die Russin sang mit soviel Druck, daß für musikalische Gestaltung kein Raum verblieb. Forte war Trumpf, als fürchtete Serjan, ihre Stimme könnte in leiseren Passagen (und deren gibt es viele, nimmt man die Partitur zum Maßstab) versagen.

Die erste, große Szene »Nel di della vittoria« gelang denn auch am wenigsten. Doch nicht nur da waren ein unsteter Stimmsitz, unterschiedliche Farben beim Registerwechsel und ungedeckte und damit schrille, zumeist zu tiefe Spitzentöne zu konstatieren. Ich zitterte um jeden von ihnen. Auch in den nachfolgenden Akten.

III.
Željko Lučić gab gestern abend sein Wiener Rollen-Debut als Macbeth. Erfreulich: Auch nach einer über zwei Jahrzehnte währenden Carrière weiß Lučić seine Stimme, wen es darauf ankommt, legato zu führen. »Pietà, rispetto, amore«, nuanciert vorgetragen, geriet zum Höhe­punkt des Abends. Daß die Tongebung in lauteren Passagen härter ausfiel (vor allem, wenn es darum ging, den stimmlichen Zweikampf mit seiner Partnerin aufzunehmen), das legato in jenen Momenten auf der Strecke blieb: In dieser unsäglichen Szene will ich es Lučić nachsehen.

IV.
Der Banquo des Jongmin Park erfreute mit rundem, wohltönendem Bass. Der Südkoreaner, scheint’s, muß in dieser Partie heute keine Konkurrenz scheuen. Allerdings war wieder zu bemerken, daß Park die Stimme abdunkelte, die Vokale verschattet klangen; — nicht so klar und rein, wie es wünschenswert wäre. Das Italienische: Es ward so schwer verständlich.

»Macbeth«, 1. Akt: Die Feldherren Banquo (Jongmin Park) und Macbeth (Željko Lučić) nach dem ersten Zusammentreffen mit den Hexen © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Macbeth«, 1. Akt: Die Feldherren Banquo (Jongmin Park) und Macbeth (Željko Lučić) nach dem ersten Zusammentreffen mit den Hexen

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

V.
Carlos Osuna sang erstmals den Malcolm an der Staatsoper. Daß seine Leistung gegenüber jener von Murat Karahan — erstmals als Macduff aufgeboten — nicht abfiel, verrät mehr über Karahans Leistung, als diesem lieb sein kann: Da ging jemand ohne viel Federlesens (und technisches Rüstzeug?) zu Werke. »O figli, o figli miei« ward viel zu laut gesungen, zu grob und mit unsteter Tongebung vorgetragen. … Wir erinnern uns: Verdi schrieb für diese Arie piano und pianissimo vor — lediglich gegen Ende hin findet sich ein forte-Ausbruch in der Partitur.

Ich verstehe ja, daß die Opernhäuser sparen müssen und der Macduff keine allzu große Partie ist. Jedennoch: Wie Karahan gestern sollte an einem großen Haus nicht einmal ein comprimario klingen.

VI.
Mit Giampaolo Maria Bisanti stand ein Haus-Debutant am Pult des Staatsopernorchesters. Der Maestro ließ vor allem vor der Pause oftmals zu laut spielen. Obzwar: Der Wille zur Gestaltung, zur Italianità, ist dem gebürtigen Mailänder nicht abzusprechen. Die Finali des ersten und zweiten Aktes sowie »Patria oppressa« gaben Zeugnis davon. (»Patria oppressa«: jene Chor-Szene, mit der Verdi weit ins 20. Jahrundert vorauswies. Die unablässig zwischen den Tonarten changiert, an keiner festzumachen ist.) Allerdings: Aus dem Graben klang einiges indifferent, nicht nur in der Phra­sierung. Ohne das für Verdi unabdingbare Animo. … Und auch die Kommunikation mit den Damen des Wiener Staatsopernchores gestaltete sich nicht immer friktionsfrei: Unstimmig­keiten bei den Chor-Einsätzen in den Hexen-Szenen waren nicht zu überhören.

Repertoire-Alltag eben. Leider.

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