Feuilleton

Viren

Von Thomas Prochazka
Eine computergenerierte Ansicht des 2019 Novel Coronavirus (2019-nCoV), auch als SARS-CoV-2 bekannt Center for Disease Control and Preventation/Alissa Eckert, MS; Dan Higgins, MAM [Public Domain]

Eine computergenerierte Ansicht des 2019 Novel Coronavirus (2019-nCoV), auch als SARS-CoV-2 bekannt

Center for Disease Control and Preventation/Alissa Eckert, MS; Dan Higgins, MAM [Public Domain]

I.
Am 11. März 2020 fand das Nachtragsspiel der deutschen Bundesliga zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln statt. (Borussia siegte vor leeren Rängen mit 2:1.) Der Berichterstatter des SWR meinte, das Spiel habe den Charakter des »Aufeinandertreffens zweier Amateurmannschaften« besessen. Er bezog sich dabei nicht nur auf die Atmosphäre, sondern auch auf die Qualität.

Was das mit Theater, Konzert oder Oper zu tun hat? Ohne die »Macht auf den Rängen« funktioniert beides nicht.

II.
Schuld daran ist ein Virus, dessen Name schneller zu mutieren scheint als es selbst. Gestern noch als COVID-19 in aller Munde, hört es heute auf die Namen 2019-nCoV und SARS-CoV-2.1 Seine Folgen spüren wir, die wir es uns in der Blase unseres Wohlstandes gemütlich eingerichtet haben, auf drastische Weise: Nach der Schließung der Museen, Theater-, Konzert- und Opernhäuser, Sport- und anderen Arenen folgten gestern die meisten Geschäfte. Es gilt ein Versammlungsverbot. Das öffentliche Leben ist in einem Maße verstummt, gegen das ein Schubert’sches Hauskonzert eine Großveranstaltung darstellt. Wer glaubt, dieser Zustand werde in ein oder zwei Wochen zuende sein, mit den Osterferien beginne die Rückkehr zur Normalität: Er wird sich wohl eines Besseren belehrt finden.

III.
In diese Situation platzten letzte Woche die mühsam aufgebauschten »NikiLeaks!« des Heinz Sichrovsky in NEWS2: Garniert mit dem nach der neuen deutschen Rechtschreibung redigierten Text einer angeblich von Nikolaus Bachler an Peter Ruzicka gesendeten E-Mail aus dem Feber 2020. Und Hinweisen auf die angeblich skandalösen Rechtschreib- und Grammatikfehler. (Als ob nicht die ganze neue deutsche Rechtschreibung ein einziger großer Fehler wäre.) In dieser E-Mail wirft Nikolaus Bachler, der designierte Leiter der Osterfestspiele Salzburg, seinem Vorgänger die schlechte finanzielle Lage des Festivals vor.

Der interessierte Klassikfreund und gelernte Österreicher identifiziert in dieser G’schicht’ freilich zwei Viren: jenes des sich zur Kulturpolitik berufenen Journalisten; und jenes des Umgangs der »Postenbesetzer« in der (schein-)heiligen Klassikwelt, auch »Intendanten-Virus« genannt.

Die Pointe der Woche. Gleichgültig, wie sehr sich Peter Ruzicka auch um mehr Publikum für dies Osterfestspiele bemühen hätte mögen: SARS-CoV-2 wird für rote Zahlen, lang anhaltende Ebbe in der Kasse und die Inanspruchnahme der bei einer Million EUR gedeckelten Ausfallshaftung der öffentlichen Hand sorgen. Und Nikolaus Bachler wohl vor einige Probleme stellen.

Und wie im Herbst, als die Beteiligten im Vertragspoker um den »Welt-Dirigent Christian Thielemann« (© Heinz Sichrovsky) ihre Scharmützel vor den Augen aller austrugen, fragt man sich, wie solche intime Kommunikation ihren Weg an die Öffentlichkeit findet. Wer besitzt — ungeachtet des mit dem »Intendanten-Virus« infizierten Inhaltes — so wenig Anstand, derartiges an die Öffentlichkeit zu zerren?

Ohne Publikum ist das Theater nichts.

Nikolaus Bachler

IV.
Einerseits. — Andererseits erhalten die Klassikfreunde dadurch einen Eindruck, wie menschenverachtend es zum Teil hinter der Fassade der sogenannten »Hochkultur« zugeht. Und wie Theaterlenker in ihrer Überheblichkeit mit ihnen Anvertrauten umgehen.

»Sie singen wie die Güden. Das will doch heute keiner mehr hören«, ist da noch einer der schmeichelhafteren Kommentare nach einem Vorsingen. Der Ausdruck »Vorstadttheater-Soubrette« schon weniger. Da feiert die Unkultur in der Hochkultur fröhliche Urständ’. »Eine häßliche Stimme«, befinden gerade jene Intendanten, die von Stimmen keine Ahnung haben und in ihrem Beruf als Regisseur noch niemals eine einem zu inszenierenden Werk gerecht werdende Arbeit zustandebrachten.

Auch das »Intendanten-Virus« erfreut sich epidemischer Verbreitung.

Herzig auch die Reaktion, eines Sängers »Musikalität und Gestaltungswillen« sei »wirklich ausgezeichnet. Unterm Strich allerdings haben wir ein jüngeres Ensemble im Sinn. Ich hoffe, Sie verstehen das.«

Nein, tun wir nicht, liebe Intendanten. Wenn Sie Girlies sehen wollen, schalten Sie am Donnerstagabend den Fernsehapparat für »Germanys Next Topmodel« ein. Für Ihr Opernhaus engagieren Sie, bitte, gefälligst Sänger! Und zwar die besten, die sich Ihr Haus leisten kann. Das ist Ihre Aufgabe. Dafür werden Sie bezahlt.

V.
In diesen Tagen bleibt den Opernfreunden nur der Griff in den Plattenschrank. Das Hervorkramen alter Schätze, lange nicht mehr gehörter Aufnahmen. Doch Vorsicht, manche Wiederbegegnung wird überraschend enden. Nicht immer war »damals« alles besser…

Die Neugierigen werden sich Unbekanntem zuwenden, die Enthusiasten unter den Melomanen mehr über Stimmen erfahren, sich an ihnen laben wollen (auch eine Art Virus). Geschult an diesen Höreindrücken, werden wir nach der Wiedereröffnung unserer Opernhäuser zu Beginn der neuen Saisonen hoffentlich erkennen, daß, was uns als »groß« oder »rollendeckend« angepriesen, vorgegaukelt wird, selten so gut ist wie behauptet.

»Theater lebt vom Publikum. Ohne Publikum ist das Theater nichts«, stellte Nikolaus Bachler erst kürzlich fest. Ich wünsche uns, daß wir schon bald wieder die Gelegenheit erhalten werden, uns von der Richtigkeit dieses Satzes zu überzeugen. Daß es uns allen zusammen gelingt, mit Disziplin und Unbeugsamkeit die SARS-CoV-2-Pandemie zu überwinden.

Und, wenn’s leicht geht, auch das »Intendanten-Virus« in die Schranken zu weisen; indem wir viel mehr als in der Vergangenheit auf der Qualität des Gebotenen bestehen. Kritischer werden. Leistungen würdigen. Nicht Namen.

VI.
Eine der Folgen dieser Pandemie werden wirtschaftliche Verwerfungen in einem Ausmaß sein, das wir uns heute nicht vorstellen können. Und uns für einige Jahre begleiten. Wir alle werden uns weniger leisten können. Sollten wir dann nicht umso mehr auf die Qualität dessen achten, was wir erwerben?

Bis dahin jedoch gilt: Passen Sie auf sich auf. Bleiben Sie gesund.
Alles weitere wird sich finden.

  1. Die Abkürzung COVID-19 (»Corona virus disease 2019«) bezeichnet die Erkrankung, die Abkürzung SARS-CoV-2 (»Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2« bzw. »Schweres akutes Atemwegssyndrom Coronavirus 2«) das Virus. Der Name »Coronavirus« geht zurück auf das Aussehen des Virus unter dem Elektronenmikroskop, wo die Fortsätze auf ihrer Hülle als ein Hof oder Strahlenkranz um das runde Partikel erscheinen, ähnlich der Sonnenkorona.
  2. Heinz Sichrovsky: »NikiLeaks! Blutostern über Salzburg«, in »News«, 10/2020, S. 90 ff.

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