Rezensionen Oper

Georg Friedrich Händel: »Ariodante«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka
»Ariodante«, 1. Akt: Il Re di Scozia (Wilhelm Schwinghammer) billigt die Verbindung seiner Tochter Ginevra (Chen Reiss) mit dem Vasall Ariodante (Dame Sarah Connolly) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Ariodante«, 1. Akt: Il Re di Scozia (Wilhelm Schwinghammer) billigt die Verbindung seiner Tochter Ginevra (Chen Reiss) mit dem Vasall Ariodante (Dame Sarah Connolly)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

I.
Polinesso, nicht Ariodante — dies der heimliche Titel des Abends. Interessant zu beobachten: die Entwicklung der Produktion seit der Première, musikalisch wie darstellerisch. David McVicars Szene zum Beispiel büßte bereits an Stringenz und Akkuratesse ein in den Choreographien der Statisterie…

William Christie und Les Arts Florissants jedoch: lebhafter, organischer in der Umsetzung als am Eröffnungsabend. Kaum Längen: — obwohl man die Striche geöffnet hatte, die Chöre und Ballettmusiken auch zu Gehör brachte.

II.
Polinesso also — mit einem hervorragenden Christophe Dumaux. Die die Arie »Spero per voi, sì, sì« eröffnenden Koloratur beispielsweise — meisterhaft dargebacht. Oder »Dover, giustizia, amor«, Polinessos letzte Arie… Beeindruckend: die mühelosen Ritte durch die Register, der Einsatz des über eine bemerkenswerte Virilität verfügenden Counter-Tenors. Für viele wohl eine Entdeckung.

»Ariodante«, 1. Akt: Ein überragender Christophe Dumaux als Polinesso, Duca di Albania, mit der Hofgesellschaft (Mitglieder des Wiener Staatsballetts) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Ariodante«, 1. Akt: Ein überragender Christophe Dumaux als Polinesso, Duca di Albania, mit der Hofgesellschaft (Mitglieder des Wiener Staatsballetts)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

III.
Auch der Lurcanio des Rainer Trost präsentierte sich seit der Première stark verbessert. Gewiß, das Barockfach wird Trosts Stärke nie werden — dazu klingt die Stimme zu vibratoreich, zu unflexibel in den Koloraturen. Doch Trost vermag dem Lurcanio Leben einzuhauchen, schafft es, uns zu berühren… Keine kleine Leistung, dies.

IV.
Die ihm vom Antonio Salvi und Händel zugedachte Dalinda der Hila Fahima: einer der Schmerzenspunkte des Abends. Jene stimmtechnischen Mängel, welche bei Interesse an Stimmen über all die Jahre hinweg nicht verborgen geblieben waren: Sie traten offen zutage in diesen Aufführungen, verstärkten sich seit der Première in beunruhigendem Ausmaß. Immerwährende Überforderung führte zu unstetem Stimmsitz und oftmaligen Intonationsproblemen. Jene Mängel, welche bei Massenet (und eventuell Puccini) noch cachiert werden können: Bei Händel traten sie — wie bei Mozart — schonungslos zutage. Eine comprimaria, keine erste Sängerin.

V.
Chen Reiss, die Herrin Ginevra, indeß: gegenüber dem ersten Abend verbessert. Gewiß, das Repertoire stimmtechnischer Unzulänglichkeiten — fehlender Registerausgleich, ungedeckte Spitzentöne, »Nachdrücken« der Stimme bei Abstiegen ins tiefe Register, — wurde nicht kleiner. Allerdings: Diese (doch eigentlich essentiellen) Punkte scheinen einem nach optischen Eindrücken gierenden Publikum nicht mehr wichtig. Leider.

»Ariodante«, 1. Akt: Ginevra (Chen Reiss) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Ariodante«, 1. Akt: Ginevra (Chen Reiss)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

VI.
Wilhelm Schwinghammers Il Re di Scozia klang wie Fafner auf Schottland-Urlaub. Mit eingerosteter Stimme nach jahrelangem Schlaf, nur wenige Augenblicke, nachdem ihn Wotan geweckt hat. Von barocker Oper angemessenem Gesang keine Spur. Diese Leistung: keine Recommendation. Wohl geschuldet dem Umstand der sich an die Wiener Abende anschließenden Tournée konzertanter Aufführungen. (Pecunia non olet.)

VII.
Polinesso, Ariodante nicht — ich schrieb dies bereits. Dame Sarah Connolly präsentierte sich als Titelheld an jenem Abend von Beginn an mit belegter Stimme und unsicheren Höhen. Der Eindruck verstärkte sich in den nachfolgenden Akten, mit unfokussierten Spitzentönen, Intonationsproblemen. Connolly schien gegen Ende hin sehr darauf bedacht, die Vorstellung ordentlich zu Ende zu bringen. All den Widrigkeiten zum Trotz: Ariodantes Arie »Scherza infida« blieb prächtig in ihrer musikalischen Vielfalt. Daß Connolly trotzdem den uns vertrauten Prinzipien der Barock-Oper treu zu bleiben gesonnen war: Es sei ihr gedankt.

»Ariodante«, 3. Akt: Ariodante (Dame Sarah Connolly) nach der Rettung Dalindas © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Ariodante«, 3. Akt: Ariodante (Dame Sarah Connolly) nach der Rettung Dalindas

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

VIII.
Colm Seery erarbeitete mit den Mitgliedern des Wiener Staatsballetts an die barocken Tanzformen angelehnte Pantomimen (bzw. Tänze). Ginevras Albtraum im Finale des zweiten Aktes: eine beklemmende Darstellung der Foltermethoden der damaligen Zeit. (Man entsinne sich der einschlägigen Grausamkeiten in Andreas Prochaskas dreiteiligem Fernsehfilm über Maximilian I.) Wer achtete auf die Details der Ballettmusiken? Etwa, daß eines der Paare gleichgeschlechtlich war (wie es auch Kenneth MacMillan in seinem Manon-Ballett zeigt)? Wer entsinnt sich der musikalischen Klammer Händels, das Thema der Gavotte der Ouverture am Ende des Abends nochmals in Erinnerung zu rufen? Details, Details… 

IX.
Händels Ariodante: kein Straßenfeger. Doch ein Werk für Opernfreunde mit Muße. Und, in seiner Vollständigkeit, Quelle musikalischer Schönheit.

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