Rezensionen Oper

Ruggero Leoncavallo: »Pagliacci«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka
»Pagliacci«, 2. Akt, im Bühnenbild und den Kostümen des großen, des unvergessenen Jean-Pierre Ponnelle © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Pagliacci«, 2. Akt, im Bühnenbild und den Kostümen des großen, des unvergessenen Jean-Pierre Ponnelle

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

I.
»Si può?« Wollte man lernen, wie ein Großer des Theaters Szenen, ja Werke, zueinander in Beziehung setzt: Jean-Pierre Ponnelles Arbeit an Cavalleria rusticana und Pagliacci gäben ein lohnendes Studienobjekt ab.

Wenn sich nach der Cavalleria rusticana der Vorhang zu den Pagliacci hebt, blicken wir auf den Platz eines weiteren sizilianischen Dorfes. Im Hintergrund die karge, hügelige Landschaft, auf der ein fahrendes Modell-Automobil, Canios Thespiskarren, am Horizont sichtbar wird. Stein­häuser dürfen Steinhäuser sein, hölzerne Tore hölzerne Tore.

Trotzdem lädt die vorgestellte Geschichte zum Nachdenken ein: Wie unfrei mag für eine junge, lebenslustige Frau wie Nedda das Leben in einer Männergesellschaft sein? Wie sehr überwacht in einer Dorf­gesellschaft jeder jeden? Worin besteht der Unterschied zu unseren heutigen Gesellschaften? Worin die Ähnlichkeiten?

»Pagliacci«, 2. Akt: George Petean bei seinem Wiener Rollen-Debut als Tonio © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Pagliacci«, 2. Akt: George Petean bei seinem Wiener Rollen-Debut als Tonio

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

II.
Musikalisch liegen die Pagliacci Graeme Jenkins hörbar besser als die Cavalleria rusticana. Zwar ist die Einleitung zum Pro­log mit größerer passione dirigiert vorstellbar. Doch diese Perle aus Leoncavallos Partitur verfehlt auch in Jenkins’ Interpretation ihre Wirkung nicht. Wie — dies für mich die Überraschung des Abends — George Petean bei seinem Wiener Rollen-Debut als Tonio: »Si può?« — Si può.

Leider vertraut Petean seinen stimmlichen Darstellungskünsten nicht ganz; wandert an der Ram­pe nach rechts, nach links, wieder in die Mitte. Einfach stehenbleibend sich dem Gesang hin­geben: Das wär’s gewesen! Aber: Dieser Prologus weiß zu phrasieren. (Auch verstand ich je­des Wort.) Wagt sich ans hohe ›as‹. Und trifft auf ein Publikum, welches seine profunden Kennt­nisse durch unzeitigen Applaus demonstriert...

Petean bleibt auch späterhin engagiert, stimmlich wie darstellerisch. (Ich will nicht winken mit jenen, die uns — unvergessen! — dahingesunken sind.) Die Partie des Tonio scheint ihm jedenfalls Spaß zu machen. Gibt es Schöneres?

III.
»Allen Damen des Abends ist eine Eigenschaft gemein: Gesang ohne stimmliches Fundament, also ohne Aktivierung des Brustregisters«, schrieb ich.  Marina Rebeka bildet da in der Partie der Nedda leider keine Ausnahme. Rebekas Stimme klingt stumpf, umschleiert; — nicht klar. »Stridono lassù«, das »Vogellied«, läßt all jene Koketterie missen, welche doch die Liebelei mit Silvio erst mög­lich macht. Dies durch Gesang auszudrücken wäre die Aufgabe. (Igor Onishchenko übernahm kurzfristig die Partie des Silvio. Dafür sei ihm gedankt.)

Im zweiten Akt, im Spiel auf Leben und Tod, schlägt sich Rebeka besser. Meine Enttäuschung — ob zu hoher Erwartungen? — vermag sie an diesem Abend nicht zu lindern.

IV.
Jörg Schneider glänzt als Beppo, macht mich in seiner kurzen Szene aufhorchen. Ob da unter einem umsichtigen Dirigenten einmal mehr möglich wäre?

»Pagliacci«, 2. Akt: Fabio Sartori als Canio, rechts im Hintergrund Marina Rebeka als Nedda © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Pagliacci«, 2. Akt: Fabio Sartori als Canio, rechts im Hintergrund Marina Rebeka als Nedda

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

V.
Sein Kollege, Fabio Sartori, punktet als Canio schon mit der ersten, fein gesungenen Phrase. Das spezifisch Italienische im Klang — den Sängern anderer Nationen bleibt es verwehrt (even­tuell noch mit Ausnahme der Spanier). Ob es damit zusammenhängt, mit welcher Sprache wir aufwachsen, in welcher Sprache wir unsere ersten Lieder singen? Die lange Liste der »großen Alten« aus dem Mutterland der Oper läßt es vermuten. Ob die stimmliche Erneuerung dieser von uns so geliebten Kunstform aus dem Land kommen muß, wo die Zitronen blühen? (Wer vermochte es zu sagen?)

Sartori zögert jedenfalls nicht, sich und seine Truppe mit kraftvoll, doch nicht forciert ge­sun­genen Spitzentönen anzupreisen: »A ventitrè ore!« Die große Szene singt er stehend, an den Wagen gelehnt. (Nicht, wie sein großer Rollenvorgänger, hinter dem offenen Schminkköfferchen. Aber wie kann ich abtun, was doch vor meinem geistigen Auge steht?) Doch Sartoris Tun funktioniert. (So klingt das, wenn man Gebieter über seine Stimme ist.)

Sein Canio hat die stärksten Momente im ersten Akt; stimmlich wie schauspielerisch. Wenn er als Bajazzo im zweiten Akt die rasch auf der Ladefläche des Wagens eingerichtete Bühne betritt: Da spielt Sartori Canio als einen verletzten, gebrochenen Mann. Gänzlich uninteressiert an der Rolle, die darzustellen wäre. Empfindet die Untreue seiner Frau als gesellschaftlichen, zu süh­nenden Makel…

VI.
La commedia è finita.
Dieser Abend, nehmt nur alles in allem: gutes Repertoire-Niveau.

188 ms