Rezensionen Oper

Giuseppe Verdi:
»Simon Boccanegra«

Wiener Staatsoper

Von Thomas Prochazka
»Simon Boccanegra«: Die Ratsszene des 1. Aktes im Bühnenbild von Stefan Mayer (Kostüme: Moidele Bickel) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Simon Boccanegra«: Die Ratsszene des 1. Aktes im Bühnenbild von Stefan Mayer (Kostüme: Moidele Bickel)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

I.
»Wo viel Licht ist, ist starker Schatten«, wußte schon der Herr Geheimrat. Dies gilt auch für diese Vorstellung, die doch der Papierform nach international geschätzte Sänger und einen ebensolchen Dirigenten zu gemeinsamen Tun zusammenbrachte. Der Teufel steckt halt, wie so oft, im Detail.

II.
Beim Paolo des Clemens Unterreiner, zum Beispiel: Ein Rollen-Debut am Haus. Stimmlich wie darstellerisch einer der Lichtblicke des Abends. Unterreiner überzeugte, wie schon zuletzt als Geisterbote in Die Frau ohne Schatten; nicht zuletzt mit klarer Diktion. Seiner Stimme eignet ein Kern (ein heute selten gewordener Vorzug). Allerdings sind Mängel in der Linienführung, im legato — vielfaches Leid an diesem Abend — nicht zu überhören. Dennoch muß dieser Paolo, läßt man vergangene Vorstellungen Revue passieren, den Vergleich mit Gästen nicht scheuen.

III.
Diesmal im Schatten: Ferruccio Furlanetto, einer der Wiener Lieblinge, in der Partie des Fiesco. Furlanettos Stimme klang den ganzen Abend hindurch rauh; fahl; angestrengt. War’s der Abend? Ist es Folge einer großen, Jahrzehnte währenden Karriere? »L’estremo addio« jedenfalls berührte ebensowenig wie das Duett mit Gabriele Adorno. Erst im großen Zusammentreffen mit dem sterbenden Simone, zu Ende des Abends, erinnerte die Stimme phrasenweise an frühere, große Abende.

IV.
Leider ist auch die Stimme der Marina Rebeka als Amelia nur mehr ein Schatten jenes Instruments, welches uns noch vor ein paar Jahren begeisterte. Zerfällt in eine enge, scharfe Höhe über einer allerdings immer noch verläßlichen, in manchen Phrasen sogar warm und samten klingenden Mittellage. Die tiefen Töne gingen öfter denn nicht in den Orchesterfluten unter. Doch so entsteht, selbst mit durchaus hörbarem Kraftaufwand, kein Portrait einer Liebenden.

V.
Ebenfalls im milden Schein der Abenddämmerung präsentierte sich Amelias Geliebter, Gabriele Adorno. Fabio Sartori hinterließ stimmlich in den ersten Minuten einen durchaus günstigen Eindruck. Doch bald stellte sich Überdruß ein ob des forcierten Gebrauchs seines Instrumentes. Die Simme wurde mit Fortdauer des Abends in der Höhe schon bald eng; das eine oder andere Mal blieb nur die Zuflucht zur reinen Kopfstimme. Einiges klang grob; — doch werden sicher manche die Adjektive »kraftvoll« und »beeindruckend« bevorzugen. Aber: Wo blieb die Berührung? Wo blieben die Emotionen? Wo die vielen, von Verdi offen in der Partitur versteckten piani, in »Cielo pietoso« zum Beispiel? Wo die Gesangskunst, Szenen, Arien durch Raffinesse, durch andauernde Variation (nicht nur, aber auch) der Lautstärke zu gestalten? (Denn daß Sartori kein großer Schauspieler ist: Wir wissen es; und seine Kollegen auch. Es macht deren Aufgaben nicht leichter.)

»Simon Boccanegra«, 3. Akt: Simones Tochter Amelia Grimaldi (Marina Rebeka), der sterbende Doge (Simone Piazzola) und sein Nachfolger, Gabriele Adorno (Fabio Sartori) © Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

»Simon Boccanegra«, 3. Akt: Simones Tochter Amelia Grimaldi (Marina Rebeka), der sterbende Doge (Simone Piazzola) und sein Nachfolger, Gabriele Adorno (Fabio Sartori)

© Wiener Staatsoper GmbH/Michael Pöhn

VI.
Simone Piazzola debutierte als Simon Boccanegra im Haus am Ring. Und präsentierte sich als Nachfolger Thomas Hampsons… Offenbar hatte sich Piazzola nach einem Mitschnitt (oder der DVD) der Premièren-Serie vorbereitet. Manche Gesten erinnerten stark an den Rollenvorgänger; — und gaben so indirekt Zeugnis ab über die Art und Weise der szenischen Einweisung.

Die Partie des Simon Boccanegra ist schwer. Sehr schwer. Vielleicht weniger von der Tessitura her (wird doch mit dem ›f‹ der höchste Ton knapp über dem passaggio erreicht), doch von der stimmlichen Gestaltung des Abends, der Anlage der Partie. Piazzolas Simone bleibt zu ruhig; stimmlich zu brav. (Auch bei ihm verändert sich die Lage des Kehlkopfs je nach Tonhöhe, fehlt es am — bei Verdi doch obligaten — legato.) Nach zögerlichem Beginn gelingen Piazzola nach der Pause immerhin einige schöne Momente, etwa in der kurzen Szene mit Amelia, im Duett mit Fiesco oder im Schlußbild. Die Wiedererkennungsszene mit Amelia im ersten Akt allerdings, doch eigentlich eine der zentralen Nummern der Oper, geizte nicht mit Längen. Ließ einen unberührt.

VII.
Paolo Carignani stand dem »armselige Häuflein« der Daheimgebliebenen vor, die als Staatsopernorchester Dienst taten. Bis zur Pause ging es munter drunter und drüber. Weniger im Orchestergraben als im Zusammenwirken zwischen dem Chor des Hauses, den Solisten und dem Bühnenorchester (vor allem im Prolog und in der Ratsszene). Da hörte, wer wollte, manchen verschleppten Einsatz, manche modern klingende Schwebung, die nicht in der Partitur notiert ist. Die Introduktion des ersten Aktes beispielsweise: grob; viel zu laut; wie nebenher gespielt. Keine Spur von pianopianissimo. Und das mit einigen ersten Musikern an den führenden Pulten…

Carignani leitete eine unelastische, dem Lärmenden zuneigende Wiedergabe. Doch wie sollen sich, derart lieblos exekutiert, die Schönheiten dieser Partitur entfalten? Diesem Meisterwerk — ja, das ist er, der Simon Boccanegra, in der von Arrigo Boito für 1881 überarbeiteten Fassung — neue Freunde gewinnen? Ich hörte Besseres in den letzten Jahren.

VIII.
»Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.« Aufführungen mit viel Dämmerschein heißt man in Wien »Repertoire«.

154 ms